Im Rausch von Jugend und Abschied – Sebastian Haffners Roman im Schatten der Geschichte

by Alexandra Stiller
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Sebastian Haffner Abschied - erschienen im Hanser Verlag

Abschied – voller Leichtigkeit, Sehnsucht und dunkler Vorahnung.

Im Herbst 1932 schrieb der damals 24-jährige Raimund Pretzel, später bekannt unter dem Namen Sebastian Haffner, innerhalb weniger Wochen seinen Roman „Abschied“. Darin tritt er selbst als Alter Ego „Raimund“ auf, ein junger Jurist aus Deutschland, der in Paris fiebrige Tage zwischen Freundschaft, Liebe und Unsicherheit erlebt. Im Zentrum der Geschichte steht Teddy, seine große Jugendliebe. Im wirklichen Leben hieß sie Gertrude Joseph, wurde in Wien geboren, wuchs in Berlin auf und studierte später an der Sorbonne in Paris. Mit „Abschied“ setzte er ihr ein literarisches Denkmal und schrieb gleichzeitig ein Generationenporträt.

Über 90 Jahre blieb dieses Manuskript unveröffentlicht, bis Hafners Erben es nun freigaben. Heute lesen wir diese Geschichte mit dem Wissen um die Zäsur, die bald darauf im Jahr 1933 erfolgen sollte – die Raimund Pretzel zu diesem Zeitpunkt vielleicht in Ansätzen erahnen, aber die schrecklichen Folgen der Machtübernahme nie wissen konnte. Er emigrierte 1938 nach England und gab sich selbst im Exil den Namen Sebastian Haffner, unter dem er später weltbekannt werden sollte. Dies und mehr zur Entstehung und Kontext von „Abschied“ könnt ihr im Nachwort von Volker Weidermann nachlesen. 

Flirrende Tage in Paris

Februar 1931: Raimund reist nach Paris, um Teddy wiederzusehen, die er einige Zeit zuvor in Berlin kennen und lieben lernte. Zwei Wochen liegen vor ihnen – zwei Wochen, die sie mit Freunden und Bekannten in engen Mansarden, verrauchten Cafés und auf den Straßen des Quartier Latin verbringen. Es wird viel geredet, getrunken, geraucht, gestritten und geliebt, sie verlieren sich in Diskussionen über Rilke, Huxley, Tee und Kunst, sie streifen durch den Louvre und tanzen bis weit in die Nacht. Sie sind jung und überschwänglich, genießen ein Leben im Rausch der Möglichkeiten, ohne sich festlegen zu wollen. 

Die letzten Stunden – immer gegen die Zeit

Aber alles hat ein Ende, auch diese zwei Wochen. Doch je näher der unvermeidbare Abschied rückt, desto fiebriger und gehetzter werden die Stunden. Raimund, unendlich verliebt und verzweifelt, versucht das Unausweichliche hinauszuzögern.Gemeinsam mit Teddy jagt er regelrecht durch Paris, von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit  – mal im Taxi, mal mit der Metro, mal im rumpelnden Straßenbahnwaggon. Immer in Bewegung, immer auf der Flucht vor der verrinnenden Zeit. 

Die geliehene Uhr an seinem Handgelenk schlägt dabei ihren eigenen, unzuverlässigen Takt und wird damit zur tragenden Symbolik der Geschichte. Jede Stunde wird schwerer, jede Geste dringlicher. Noch so viel zu tun, noch so viel ungesagt. Noch fünf Stunden, noch vier. Und doch geht alles unaufhaltsam zu Ende. 

Ich war furchtbar verliebt in sie und furchtbar böse auf sie und sehr verbockt und innerlich kaputt, und eigentlich war es zum Heulen, aber noch mehr war alles gleichgültig, und morgen Abend war ja sowieso alles vorbei.

Zwischen Bohème und Vorahnung

Die Gespräche kreisen um Literatur, Kunst und Theater – fast überhaupt nicht um Politik. Die Pariser Bohème jener Tage lebt im Hier und Jetzt, sie teilt das Wenige, das sie hat und glaubt an die unendlich erscheinenden Möglichkeiten des Lebens. Wir rauschen mit, werden hineingezogen in diese Szenen, fühlen uns dazugehörig. Und doch legt sich beim Lesen ein Schatten über diese jugendliche Leichtigkeit. Wir wissen, was die Freunde zu diesem Zeitpunkt nicht wissen können: Nur zwei Jahre später wird alles anders sein. Diese jungen Menschen stehen an der Schwelle zu einer Epoche, die ihre Zukunft radikal verändern wird. 

Wie ein einziger Atemzug 

liest sich Sebastian Haffners “Abschied” voller Leidenschaft, Sehnsucht und Verwirrungen. Diese Tage in Paris werden in einer Intensität beschrieben, die sich wie ein Rausch anfühlt. Das überträgt sich, reisst uns mit, wir spüren die Sekunden, Minuten, Stunden regelrecht verfliegen. Wir wissen ja, dass der Abschied unvermeidbar ist. Für uns ist unübersehbar: schon bald wird eine ganze Generation Abschied nehmen müssen – nicht nur von der Jugend und der Liebe, sondern auch von der Freiheit. 

Und ich glaube, genau darin liegt die besondere Kraft dieses schmalen Romans: diese flirrende, unbeschwerte Leichtigkeit der Jugend gegenüber dem Wissen unsererseits um die Schwere und die Ausmaße der schon bald folgenden, finsteren Zeit der NS-Herrschaft. Das macht „Abschied“ zu einer bewegenden Lektüre, die so schnell nicht loslässt. Vielleicht auch gerade deshalb, weil uns dieser Text mahnt, die Zeichen der Zeit nicht zu übersehen und sensibel dafür zu sein, wie fragil Freiheit und Demokratie sind – und wie wichtig es ist, sie zu schützen. 

 


2025, Alexandra Stiller
Transparenzhinweis: Das Buch wurde selbst gekauft.

Bild: Rawpixel.com (Business License) / Bearbeitung: Alexandra Stiller.
Buchcover: Rechte liegen beim jeweiligen Verlag.

Abschied
Sebastian Haffner
Roman. Mit einem Nachwort von Volker Weidermann
Hanser Verlag | ISBN 978-3-446-28482-1
03.06.2025
Hardcover mit Schutzumschlag
192
www.hanser-literaturverlage.de
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