Ein Sommer im Ausnahmezustand – Florian Illies über die Manns im Exil

by Alexandra Stiller
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Florian Illies Wenn die Sonne untergehtWenn die Sonne untergeht – Familie Mann in Sanary

Im Zuge meines persönlichen Thomas-Mann-Jahres habe ich natürlich auch zu Florian Illies’ erzählendem Sachbuch „Wenn die Sonne untergeht“ gegriffen, in dem er den Lebensabschnitt der Familie Mann im Sommer 1933 im südfranzösischen Zufluchtsort Sanary-sur-Mer nachzeichnet. Ein Buch, das den Blick verengt auf nur wenige Monate, auf den Beginn eines Lebens im Exil, in dem Weltgeschichte und Familienpsychologie aufeinanderprallen.

1933: Die Welt kippt – und eine Familie gleich mit

Illies setzt genau da an, wo vieles zugleich noch möglich scheint, aber im Grunde genommen doch schon verloren ist. Während in Berlin Hitler die Macht übernimmt, begibt sich Thomas Mann zusammen mit seiner Frau Katia Mann auf eine Vortragsreise über Richard Wagner nach Amsterdam, Brüssel und Paris (die Berichterstattung darüber wird ihm später noch zum Verhängnis werden). Unheilbringende Dinge bahnen sich in der Heimat an, aber so richtig will sie noch niemand wahrhaben. Auch die Manns nicht. Doch die Lage spitzt sich schnell zu und nach mehrfach dringlichen Warnungen seitens der eigenen Kinder und von Freunden der Familie beschließt das Ehepaar, vorerst doch nicht nach Deutschland zurückzukehren. 

Sie gehen ins Exil, noch mit dem festen Glauben, dass dieser Irrsinn, der sich da in ihrem geliebten Deutschland abspielt, sicherlich nicht lange währen kann – und auch die Kinder verlassen nach und nach das Land.  In Sanary-sur-Mer, einem damals noch ruhigen Fischerdorf an der französischen Mittelmeerküste, treffen 1933 schließlich so einige große Namen dieser Zeit aufeinander: Lion und Martha Feuchtwanger, Arnold und Beatrice Zweig, René Schickele, Bertold Brecht, Aldous und Maria Huxley, Sybille von Schoenebeck (später bekannt unter dem Namen Sybille Bedford) und ihre Mutter Lisa Marchesani, um nur Einige zu nennen. Auch Thomas Manns Bruder Heinrich Mann bezieht in der Nähe Quartier, ihm gelingt die Flucht vor den Nationalsozialisten im letzten Moment. 

Sie alle leben nun unter der heißen Sonne Frankreichs, kommen zusammen für Lesungen, allerlei Feierlichkeiten und für Spaziergänge am Meer. Währenddessen wird es braun in Deutschland und die Aufforderung zum öffentlichen Wort steht immer drängender im Raum…

Der Patriarch zögert, die Kinder wachsen

Thomas Mann ist in Sicherheit, aber Haltung zur aktuellen politischen Lage, die mag er (noch) nicht ergreifen. Ja, er regt sich auf über die Nationalsozialisten, aber eben nur in seinen Tagebüchern oder bei den Treffen mit seinen Freunden. Eine öffentliche Stellungnahme verweigert er. Der geachtete Nobelpreisträger fürchtet um seinen Ruf, um seine Karriere und um den Verlust seiner deutschen Leser:innen, die ja schon sehnlich auf sein neues Werk warten. Außerdem ist er zu sehr verbunden mit der deutschen Sprache, der Kultur, mit seinem Verlag Bermann Fischer und seiner geliebten Villa in der Poschingerstraße 1 in München.

Die Unruhe hat ihn im Griff, der einst feste Boden unter ihm wankt und es gelingt ihm nicht, die Balance zu halten. Und genau dadurch kommt Bewegung in seine Kinder. Erika (Eri) und Klaus (Aißi), seine beiden Ältesten, fordern ihn immer vehementer auf, endlich an die Öffentlichkeit zu gehen, seinen Einfluss und seine Bekanntheit zu nutzen. Klaus Mann gründet  „Die Sammlung“, ein Magazin mit einflussreichen Stimmen aus dem Exil. Sein Vater sagt Texte zu, aber auch hier gerät er wieder ins Wanken und zieht im letzten Moment zurück, bedrängt durch seinen Verleger in Deutschland.  Während der berühmte Vater also hin und her rudert und mit sich selbst hadert, gewinnen die Kinder an Stärke und positionieren sich.

Die leisen Kinder Monika und Golo

Sehr schön ist, dass Illies den von den Manns wenig beachteten mittleren Kindern Monika und Golo Raum gibt.
Monika ist die Außenseiterin der Familie, wird als etwas planloses Mann-Kind abgetan und als das „dumpf-wunderliche Mönle“ bezeichnet. Meist wird sie aber komplett vergessen, was ihr tatsächlich nicht ganz unrecht ist. Und so merkt die Familie auch im Exil erst nach einiger Zeit, dass sie sich ja noch in Berlin befindet. (Im Jahr 1955 schrieb sie ihre Biografie „Vergangenes und Gegenwärtiges“, in der sie sich auch kritisch über ihren Vater äußerte.)

Und Golo? Der reist sogar zurück nach Deutschland, rettet auf riskanten Wegen die prekären Tagebücher des Vaters und einen Teil des Familienvermögens und unterrichtet schließlich im Exil die beiden jüngeren Geschwister. Anerkennung gibt es aber auch für diese Leistung nicht. Golo schreibt in diesem Jahr 1933 selbst Tagebuch, wird es aber nie veröffentlichen.

Und Katia Mann?

Sie belastet die Situation sehr, muss und will sie diese schwierige Familie doch zusammenhalten. Sie erträgt die Launen ihres Mannes und versucht, aus den Kindern schlau zu werden. Gerade bei Monika scheint ihr das nie gelingen zu wollen. Auch um ihre Eltern macht sie sich Sorgen, die nicht bereit sind, Deutschland zu verlassen, trotz Enteignung und Herabsetzung ihres gesellschaftlichen Status. All das schlägt sich auf Katias Gesundheit nieder. Aber immer ist sie die Stütze und die Kraftquelle für ihren Mann, der ihr wahrlich viel zu verdanken hat.

Fast alle Mitglieder der Familie haben im Laufe der Jahre selbst geschrieben, aber Katia Mann verweigerte dies mit der Aussage; „In dieser Familie muss es einen Menschen geben, der nicht schreibt.“ „Katia Mann. Meine ungeschriebenen Memoiren“ erzählte sie, indem sie die Fragen von Elisabeth Plessens und die ihres Sohnes Michael Mann  beantwortete.

Familiäre Alltagsbeobachtungen im Exil

Illies schildert viele alltägliche Situationen, zum Beispiel die stets pünktlich stattfindenden Familienessen, bei denen die Kinder vom Vater aufgefordert werden, einen klugen Beitrag zum Tischgespräch zu leisten. Wer nichts Geistreiches parat hat, verliert. Diese Tradition aus der Poschingerstraße 1 führen die Manns in Sanary also unbeirrt fort. Solche Passagen werden im humorvollen Ton erzählt, aber es ist dennoch spürbar, wie sehr derartige Situationen die sechs Kinder prägen und lebenslang belasten. Nun ja, wenn man es richtig nimmt, eigentlich nur fünf, denn Elisabeth (Medi) ist Thomas Manns Liebling und bleibt weitestgehend verschont.

Erika und Klaus sagen immer mehr den Drogen zu, Michael (Bibi) flüchtet sich über Stunden in sein Geigenspiel, Monika zieht sich in den Garten zurück und beobachtet Ameisen und Golo, für den kein Zimmer mehr in der Villa La Tranquile mehr zur Verfügung stand, ist erleichtert über diesen räumlichen Abstand. 

Und währenddessen überschlagen sich in den Zeitungen die Schreckensmeldungen aus Deutschland. Verhaftungen, Verfolgungen, Verhöre, Enteignungen, Parteienverbot, Reichsfluchtsteuer…Die Gegenwart bleibt unerbittlich und die Zustände werden täglich dramatischer.

Florian Illies betrieb großen Rechercheaufwand

Er hielt sich für längere Zeit in Sanary auf, durchforstete die Archive, studierte die Tagebücher und Quellen der Familienmitglieder und auch die der weiteren Exilant:innen um Thomas Mann herum. Zudem bekam er Einblick in das Tagebuch von Golo Mann aus dem besagten Jahr 1933, das nie veröffentlicht wurde. Dies kann man der Danksagung im Buch entnehmen, ein separates Quellenverzeichnis befindet sich leider nicht im Buch. 

Florian Illies schreibt nie akademisch, „Wenn die Sonne untergeht“ bleibt ein erzähltes Sachbuch mit starken Tendenzen zum Romanhaften. In dem abschließenden Kapitel „Danach“ widmet er sich noch einmal allen Akteur:innen, indem er kurz zusammenfasst, wie es für sie weiterging nach diesem heißen und alles verändernden Sommer in Sanary-sur-Mer. 

Warum das für mein „Thomas-Mann-Jahr“ passt

Für mich passt dieses Buch gut in ein Jahr, in dem ich Thomas Mann nicht nur als Autor, sondern als historische Figur kennenlernen möchte. Denn Illies rückt ins Zentrum, dass Exil nicht nur weggehen, sondern auch neu sortieren bedeutet. Und vielleicht ist das die heimliche Pointe des Buches: dass Thomas Mann, der später öffentlich gegen den Nationalsozialismus auftreten wird, hier noch so wankt und tastet – und genau dieses Zaudern und Zögern seinen Kindern plötzlich zu eigener Stärke und eigener Haltung verhilft. Dass es ihnen (zumindest in Teilen) gelingt, sich von dem ewigen Druck, dem Buhlen um Anerkennung des Vaters zu lösen. 

Für mich persönlich war „Wenn die Sonne untergeht“, das schon ein bisschen im Biopic-Stil daher kommt, ein sehr angenehm zu lesendes Buch in meinem Thomas-Mann-Jahr. Illies zeigt hier gelungen auf, wie schwer es ist, Haltung zu finden und anzunehmen, wenn sie plötzlich unbequem wird.

Diejenigen, die sich schon ausgiebiger mit der Familie Mann befasst und die ein oder andere Biografie gelesen haben, werden vermutlich nicht sehr viel Neues erfahren. Aber wer noch nicht so sehr in der Thematik ist und einen Einstieg sucht, dem empfehle ich dieses Buch sehr gerne weiter. 

 


2025, Alexandra Stiller
Transparenzhinweis: Das Buch wurde selbst gekauft.

Bild: © Alexandra Stiller.
Buchcover: Rechte liegen beim jeweiligen Verlag.

Wenn die Sonne untergeht - Familie Mann in Sanary
Florian Illies
erzählendes Sachbuch
S. Fischer Verlag | ISBN: 978-3-10-397192-7
2025
Gebunden, mit Schutzumschlag
336 Seiten
www.fischerverlage.de

2 comments

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2 comments

Frank 9. Januar 2026 - 21:29

Was für ein spannender Beitrag zu deinem Thomas-Mann-Jahr! Florian Illies hat ja dieses besondere Talent, Geschichte so lebendig und “nahbar” zu erzählen, dass man fast meint, mit am Tisch in Sanary zu sitzen.

Besonders faszinierend finde ich deine Beobachtung, wie das Zaudern des Vaters den Kindern – vor allem Erika und Klaus – den Raum gab, selbst Haltung zu zeigen. Das wirft ein ganz neues Licht auf die Familiendynamik!

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Mann vom Meer – Volker Weidermann über Thomas Mann 18. Januar 2026 - 14:44

[…] habe ich es im Anschluss an Wenn die Sonne untergeht von Florian Illies, das die Familie Mann im Exil zeigt, eingebunden in Zeitgeschichte und […]

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