Teil 6 der Serie zum unbekannten und vergessenen Widerstand.
Eigentlich hatte ich die Serie zum unbekannten und vergessenen Widerstand mit Teil 5 schon abgeschlossen, aber es werden immer wieder interessante Bücher zu diesem Thema veröffentlicht, daher setze ich die Reihe fort – mit einer Biografie des Österreichers Hans Becker, der heute beinahe komplett in Vergessenheit geraten ist. Erhard Stackls Buch über Hans Becker O5 ist die erste Biografie dieses Widerstandskämpfers, bis dahin gab es nur eine Dissertation.
Eine detailreiche Erzählweise in der Biografie von Hans Becker O5
Am Anfang tat ich mich etwas schwer mit diesem Buch, denn Erhard Stackl erzählt teilweise sehr detailreich und verzweigend, z.B. in den Kapiteln zu Beckers Zeit in Südamerika. Es gibt viele Nebenstränge, in denen der Autor die Geschichte erwähnter Personen oder Ereignisse ausführt, die nichts mehr direkt mit Becker zu tun haben. Dazu ein Beispiel: Im September wurden die politischen Gefangenen aus Dachau auf andere Lager verteilt, Hans Becker kam nach Mauthausen, doch der Autor berichtet zuerst kurz von einem Zeugnis eines Gefangenen, der nach Buchenwald verlegt wurde.
Doch nach einer gewissen Zeit erkennt man, wie sehr diese Art zu schreiben eine Atmosphäre, ein Panorama schafft, das zu einem besseren Gesamtbild führt – auch wenn das eine oder andere Detail dann einer doch zu großen Recherchefreudigkeit des Autors geschuldet sein mag. Besonders positiv ist, dass Menschen, die im Zusammenhang mit der Geschichte Hans Beckers stehen, nicht nur auf diese bezogen erwähnt werden, sondern sehr oft auch ein kurzer Überblick über ihr Leben davor folgt und auch ihr Schicksal nach dem Krieg (soweit sie das Kriegsende überhaupt erlebten) geschildert wird.
Es ist eine Bereicherung, dass Erhard Stackl immer aktuelle Dokumentenfunde und moderne Forschungsergebnisse einbaut, z.B. zur Beurteilung von Dollfuß oder Schuschnigg, oder zum Antisemitismus in Österreich in den 20er-, 30er-Jahren (patriotische Österreicher*innen, die an die Legende der ganz wenigen Anhänger des „Anschlusses“ glauben, werden mit dem Buch nicht glücklich).
Widerstand als umfassendes Thema – zu viel des Guten?
Ein Kapitel, das etwas aus dem Rahmen fällt, beschäftigt sich mit Widerstand generell und thematisiert dies am Beispiel der Weißen Rose, der „Roten Kapelle“ und dem Attentat vom 20. Juli. Hier wird die Darstellung etwas ungenau aufgrund des Versuches, ein so umfassendes Thema kurz zusammenzufassen, es aber gleichzeitig an drei Beispielen verifizieren zu wollen.
Ich bin bei der Weißen Rose nicht so sehr im Thema, aber bei der „Roten Kapelle“ dann doch. Und es stimmt eben nicht, dass diese Gruppe von Arvid Harnack und seiner Frau gegründet wurde. Ein Teil dessen, was die Gestapo später „Rote Kapelle“ nannte, wurde von den Harnacks gegründet, aber genauso entscheidend war die Gruppe um Harro Schulze-Boysen. Erst die Kontakte der einzelnen Gruppen untereinander ließen das Netzwerk entstehen.
Es ist nicht komplett falsch, was Erhard Stackl hier erzählt, aber leider ungenau. Wesentlich erkenntnisreicher ist dagegen der Überblick über den Widerstand speziell in Österreich.
Das Leben des Widerständlers Hans Becker passt in keine Schublade
Dieses Buch ist ein besonderes Beispiel dafür, wie ausgeglichen wertend man ein vielschichtiges Leben darstellen kann, das in keine schwarz-weiß-Darstellung passt. Denn Hans Becker ist alles andere als ein einfach einzuordnender Mensch. Freimaurer, Mitglied der „Vaterländischen Front“, österreichischer Nationalpatriot, Unterstützer und aktiver Propagandamitarbeiter der Dollfuß- und Schuschnigg-Diktatur, ablehnend gegenüber der Sozialdemokratie – aber vor allem: entschiedener und sehr früher Gegner Hitlers und des deutschen Nationalsozialismus. Dafür wurde er auch direkt nach dem „Anschluss“ nach Dachau und anschließend nach Mauthausen deportiert.
“Wenn man unter den Frauen und Männern des Widerstands nach Lichtgestalten sucht, die damals das heutige Ideal einer liberalen Demokratie durchgehend vertreten haben, wird man nicht viele finden.” (S. 26)
Die Widerstandsgruppe O5 um Hans Becker
Nach seiner Freilassung aus den Lagern nach über zweieinhalb Jahren entstand unter Hans Beckers Leitung die Gruppe O5, die v.a. Sabotageakte beging und Informationen an die Alliierten weiterleitete. O5 leitet sich ab aus dem „O“ und dem 5. Buchstaben des Alphabets, also OE als Symbol für ein freies Österreich.
Im Februar 1945 kam es zur erneuten Verhaftung und wieder zum Transport nach Mauthausen, wo Hans Becker dann die Befreiung erlebte.
Warum die eigentliche Widerstandsarbeit zu kurz kommt
Leider kommt die eigentliche Widerstandstätigkeit der Gruppe in dem Buch zu kurz, hier wünscht man sich mehr von der Detailversessenheit anderer Kapitel. Dem Autor scheint es wichtiger gewesen zu sein, Wege in den Widerstand darzustellen als die eigentlichen Tätigkeiten der Gruppe, die in gerade mal 20 Seiten erzählt werden:
“Ich möchte deshalb dazu einladen, Hans Beckers Lebensweg vom Anfang an zu folgen. Wie von einem Navigationsgerät geleitet, das »Points of Interests« links und rechts der Strecke anzeigt, sollen dabei Ort, Menschen und Ereignisse beschrieben werden, die ihn zu der Person machten, die den Widerstand gegen Hitler wagte.” (S. 27)
Ausführlicher berichtet Erhard Stackl dann wieder über die Zeit nach der Befreiung, über die erfolglosen Versuche der Gruppe O5, die Nachkriegspolitik aktiv mitzugestalten, und über Hans Beckers Bemühungen, sich gegen Verleumdungen zu wehren und wieder Fuß zu fassen. Traurige Ironie: Hans Becker überlebte Dachau und zwei Internierungen in Mauthausen, um dann am 16.12.1948 in Chile von einem eifersüchtigen Ehemann erschossen zu werden.
Würdigung der Biografie „Hans Becker O5“
Wie immer bei Büchern zum Thema unbekannter Widerstand ist für mich – trotz der Kritik an einzelnen Punkten – auch bei dieser Biografie ein Punkt besonders wichtig: Es werden eine Person und eine Gruppe aus der Vergessenheit zurückgeholt, die Gründe für das Vergessen erläutert und falsche Deutungen entkräftet.
Mögen auch viele Menschen im Widerstand keine einfachen, politisch und moralisch einwandfreien Personen gewesen sein – eines eint sie alle: Sie hatten den Mut, sich gegen eine menschenverachtende Diktatur zu stellen, auch unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Umso schöner, dass ebenfalls im Czernin-Verlag 2024 ein Buch von Nils Klawitter über die Widerstandskämpferin Melanie Berger erschienen ist mit dem Titel: „Die kleine Sache Widerstand“.
Wer weiter lesen möchte:
>> In der Reihe „Bücher gegen das Vergessen“ versammle ich weitere Titel über Widerstand, Erinnerung und vergessene Lebensgeschichten.
2026, Jürgen Fottner
Transparenzhinweis: Das Buch wurde selbst gekauft in der wunderbaren Buchhandlung von Jana: >> https://calibri-buchcafe.de/.
Bild: © Jürgen Fottner, erstellt mit GIMP
Buchcover: Rechte liegen beim jeweiligen Verlag.
Sachbuch
Czernin Verlag Wien | ISBN: 978-3-7076-0779-6
2022
Hardcover
413 Seiten
czernin-verlag.com

