
„Das Meer, sein Rhythmus, seine musikalische Transzendenz ist auf irgendeine Weise überall in meinen Büchern gegenwärtig.“
— Thomas Mann
Man kann Thomas Mann von vielen Seiten lesen. Über seine Romane, seine politische Haltung, Familie, Exil und/oder Bürgertum. ZEIT-Feuilletonchef und Literaturkritiker Volker Weidermann entscheidet sich für einen anderen Zugang und trifft damit etwas ganz Zentrales. Er liest Thomas Mann vom Meer her, mit dem Blick aufs Wasser – ein Element, das sich durch Leben und Werk Thomas Manns zieht.
Thomas Mann – vom Meer her gelesen
Für Thomas Mann ist das Meer nicht einfach ein schönes Landschaftsmotiv. Es ist ein Ort der Sehnsucht und der Verheißung und gleichzeitig Bedrohung und Abgrund. Weidermann liest diese Ambivalenz nicht nur aus den Texten heraus, sondern verfolgt sie durch Manns Leben. Von der Ostsee der Kindheit über das Mittelmeer der Reisen bis hin zum Pazifik des Exils wird das Meer zu einem Ort der inneren Bewegung.
Dabei geht es weniger um reale Aufenthalte als um das, was sie auslösen. Das Meer steht für Freiheit und gleichzeitig für Kontrollverlust. Quasi ein Gegenentwurf zum bewusst gewählten bürgerlichen Leben, das Thomas Mann Halt gibt und ihn zugleich begrenzt.
Literarische Figuren und innere Bewegung
Sehr gelungen ist Weidermanns Blick auf Thomas Manns literarische Figuren und wie diese mit dem Meer verbunden sind. Das Meer ist selten eindeutig genannt in seinen Werken, aber dennoch immer präsent.
Gustav von Aschenbach aus Der Tod in Venedig steht am Meer, weil er dort keinen Halt mehr findet. Das Wasser wirkt nicht beruhigend. Es entzieht ihm die Kontrolle. Weidermann liest diese Figur als Ausdruck eines inneren Konflikts, der Thomas Mann vertraut war.
»Der Horizont war vollkommen. Unter der trüben Kuppel des Himmels dehnte sich rings die ungeheure Scheibe des öden Meeres. Aber im leeren, im ungegliederten Raume fehlt unserem Sinn auch das Maß der Zeit und wir dämmern im Ungemessenen.«
— aus “Der Tod in Venedig” von Thomas Mann
In Tonio Kröger erscheint das Meer ebenfalls nicht als Schauplatz, sondern als Gegenpol. Es steht für einen Ort jenseits der bürgerlichen Ordnung, für ein mögliches anderes Leben, das Tonio zwar wahrnimmt, aber nie ganz erreicht. Ganz so wie Thomas Mann selbst.
Auch Hans Castorp aus Der Zauberberg erlebt das „Meer“: Obwohl der Roman im Hochgebirge angesiedelt ist, folgt er einer ähnlichen Logik. Zeit verliert ihre Verlässlichkeit. Stillstand wird zum Zustand. Das Meer ist nicht sichtbar, aber präsent. Besonders prägnant wird das im Kapitel „Schnee“, als Castorp bei einem alleinigen Ausflug in einen Schneesturm gerät. Hier schreibt Mann tatsächlich über das Meer.
Selbst Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull lässt sich vom Meer her denken, auch wenn es nie ausdrücklich genannt wird. Ständige Bewegung, Ortswechsel und das Spiel mit Identitäten folgen der Logik des Fließens. Das Meer ist hier kein Ort, sondern eine Denkfigur.

Thomas Mann, ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Unbekannt / TMA_0139
Julia Mann und der Anfang am Meer
Volker Weidermann beginnt mit der frühen Kindheit von Julia Mann, Thomas´ Mutter, und das ist sehr passend, denn sie prägte sein Tun, seine Persönlichkeit und vor allem seine Leidenschaft zum Meer sehr. Julia Mann verbringt ihre frühe Kindheit in Brasilien, in unmittelbarer Nähe zum Meer. Weidermann reiste für seine Recherchen tatsächlich selbst dorthin um eine Gefühl dafür zu bekommen.
Julias bis dahin glückliche Kindheit endete abrupt. Nach dem Tod der Mutter wird Julia aus ihrer Welt herausgerissen und vom Vater nach Deutschland gebracht. Die Trennung ist endgültig, aber die Sehnsucht nach der Heimat bleibt. Weidermann beschreibt Julia Mann als musikalisch und empfindsam, mit einer leisen Melancholie. Das Meer ist bei ihr kein literarisches Motiv, sondern ein ganz realer Ort ihrer Kindheit, der ihr fehlt und gerade dadurch wirksam bleibt.
Der Blick auf die Mutter macht deutlich, wie sehr Thomas Manns Leidenschaft für das Meer auch vererbt wurde.
Mit Elisabeth Mann Borgese beginnt und endet Mann vom Meer
Volker Weidermann setzt diesen Rahmen mit der Tochter bewusst. Gleich zu Beginn erzählt er von einem Moment auf Hiddensee, an dem Thomas Mann seiner Lieblingstochter zum ersten Mal das Meer zeigt.
Ihre Beziehung zum Meer unterscheidet sich grundlegend von der ihres Vaters. Während Thomas Mann das Meer literarisch denkt, wird es für Elisabeth Mann Borgese später zu einem konkreten Gegenstand ihrer Arbeit. Weidermann zeichnet diesen Übergang sorgfältig nach. Aus der familiären Prägung entwickelt sich ein eigener Weg. Das Meer ist für sie kein Spiegel, sondern Realität.
Im Nachwort „Weiterleben“ schreibt Weidermann über Elisabeth Mann Borgese als Wissenschaftlerin und als eine Frau, die das Meer nicht beschreibt, sondern schützt. Ihr Einsatz für das Seerecht, ihr Leben mit dem Wasser und das Nachdenken über die Zukunft der Ozeane stehen bei ihr im Zentrum.
Dass das Buch mit ihr endet, ist konsequent. Thomas Manns Verhältnis zum Meer bleibt persönlich und innerlich geprägt, während das seiner Tochter zu einer Lebensaufgabe wird. So bekommt Mann vom Meer eine runde Form: vom ersten Blick eines Kindes auf das Wasser bis zu einem Leben, das dem Meer gewidmet ist.
Mann vom Meer von Volker Weidermann – Einordnung und Fazit
Mann vom Meer von Volker Weidermann richtet sich an Leser:innen, die Thomas Mann und seine Werke (zumindest zum Teil) bereits kennen. Das Buch erklärt nicht. Es ist weniger Biografie als Essay, der begleitet. Und genau darin liegt seine Stärke.
Gelesen habe ich es im Anschluss an Wenn die Sonne untergeht von Florian Illies, das die Familie Mann im Exil zeigt, eingebunden in Zeitgeschichte und Öffentlichkeit. Volker Weidermann wählt einen anderen Weg. Sein Zugang ist stärker nach innen gerichtet. Das Buch hat meinen Blick auf Thomas Mann aufgrund dieser anderen Perspektive nochmals verändert und ist für mich eine sehr stimmige Ergänzung meines Thomas-Mann-Projekts.
2026, Alexandra Stiller
Transparenzhinweis: Das Buch wurde selbst gekauft.
Header Bild: © Alexandra Stiller.
Fotografie Thomas Mann: © ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Unbekannt / TMA_0504
Buchcover: Rechte liegen beim jeweiligen Verlag.
Essay
btb Verlag | 978-3-442-77494-4
11.12.2024
Taschenbuch, Broschur
240 Seiten
www.penguin.de

1 comment
Ein sehr feinfühlig geschriebener Beitrag, der Lust auf das Buch macht. Die Verbindung von Thomas Mann, Meer und Biografie wirkt hier besonders stimmig und ruhig erzählt. Beim Lesen entsteht das Gefühl, sich dem Autor auf eine neue, ungewohnte Weise zu nähern.