Der Gott des Waldes – Sommercamp, Privilegien und Machtstrukturen der 1970er Jahre

by Alexandra Stiller
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Ein exklusives Sommercamp.
Ein verschwundenes Mädchen.
Ein Familie, die seit Jahren von einem Verlust gezeichnet ist.

In Der Gott des Waldes verbindet Liz Moore einen literarischen Kriminalroman mit einer präzisen Gesellschaftsstudie über Macht, Privilegien und das Schweigen der 1970er Jahre.

Der Gott des Waldes - Liz Moore - Buecherkaffee.de

August 1975. Hoch oben in den Adirondack Mountains im Norden des Bundesstaats New York verbringen Kinder der amerikanischen Oberschicht ihre Sommerferien in einem abgelegenen Camp. Es ist ein Ort, der Sicherheit verspricht. Doch der Schein trügt.

Camp Emerson, ein Sommerspielplatz für die Reichen.

Camp Emerson ist eine Schule der Natur. Die Kinder wohnen in einfachen Holzhütten, lernen unter anderem Kanufahren, Schwimmen und Feuer machen. Zum krönenden Abschluss unternehmen sie einen Survivaltrip im Wald, wo sie all ihr Gelerntes anwenden können. Ein pädagogisches Konzept und gleichzeitig ein geschützter Raum für privilegierte Kinder.

Das Camp liegt inmitten eines weitläufigen Naturreservats, umgeben von dichten Wäldern und einem großen See. Die Landschaft wirkt idyllisch und strahlt dennoch eine latente Bedrohung aus. Wege können sich verlieren, Entfernungen täuschen und die Orientierung kann schnell trügerisch sein. Die Camp-Leiterin ist sehr bedacht, dies den Schützlingen vom ersten Moment an zu vermitteln. 

Liz Moore nutzt dieses Reservat, das so schön und gleichzeitig so unberechenbar sein kann, als aktiven Bestandteil ihrer Erzählung. Die skizzenhafte Karte im Buch verstärkt dies, denn sie suggeriert Übersicht, wo es in Wahrheit keine gibt.

Eine Familie, zwei verschwundene Kinder.

Dieses besagte Camp Emerson samt den umliegenden Ländereien gehört der wohlhabenden Familie Van Laar. Sie lebt in einem hochgelegenen Landhaus, vom Camp aus gut sichtbar und doch unerreichbar, denn es ist allen untersagt, dort hinaufzugehen. Macht und Distanz wird räumlich.

1975 nimmt die dreizehnjährige Tochter Barbara Van Laar erstmals selbst am Sommercamp teil. Sie ist klug, eigenwillig und tritt gerne provozierend auf, was besonders anziehend auf die anderen Campkinder wirkt. Doch kurz darauf verschwindet sie über Nacht spurlos.

„Die einzige Taschenlampe in der Hütte, deren Fehlen auch bei Tag anzeigt, dass eines von den Mädchen zum Toilettenhaus gegangen ist, liegt an ihrem angestammten Platz auf einem Bord neben der Tür. Louise dreht sich langsam um die eigene Achse und ruft sich die Namen der Mädchen, die sie sieht, ins Gedächtnis. Melissa. Jennifer. Michelle. Amy. Caroline. Tracy. Kim. Acht Ferienkinder. Neun Betten. Sie zählt, und dann zählt sie noch einmal.“

Der Fall weckt Erinnerungen an ein altes Trauma, denn bereits 1961 verschwand ihr zu diesem Zeitpunkt fünfjähriger Bruder Bear. Er wurde nie gefunden. 

Zwischen beiden Ereignissen liegen vierzehn Jahre – und der langsame Verfall einer Familie.
Die Mutter Alice Van Laar hat den Verlust ihres Sohnes nie überwunden, lebt inzwischen von Alkohol und Tabletten getragen durch den Tag. Der Vater erscheint unberechenbar und die Beziehung zu Barbara ist von Konflikten geprägt. Auffällig ist auch, dass die Eltern seltsam unberührt und distanziert wirken, als sie vom Verschwinden ihrer Tochter erfahren. Bei Bear war das damals ganz anders. 

Eine groß angelegte Suchaktion beginnt zwar, aber sie erscheint unorganisiert und es bleibt das Gefühl, dass nicht alles getan wird, was möglich wäre. Die Frage steht im Raum, ob es Dinge gibt, die womöglich nicht ans Licht kommen sollen. Hat die Familie etwas zu verheimlichen? Was wissen (oder verschweigen) die Mitarbeiter:innen des Camps? Und was hat der erst kürzlich aus dem Gefängnis ausgebrochene „Schlitzer“ damit zu tun?

Ermittlungen in einer männlich dominierten Welt.

Im Zentrum der Untersuchungen steht die junge Ermittlerin Judyta Luptack. Sie gehört zu den ersten Frauen im Staat New York, die die Ausbildung zur Investigatorin bei der State Police abgeschlossen haben. In einem von Männern dominierten, offen sexistischen Umfeld muss sie sich behaupten. Einige verweigern ihr Gespräche. Andere begegnen ihr mit Spott oder Herablassung. Judyta bleibt dennoch beharrlich und aufmerksam, was sie auch einiges an Überwindung kostet. 

Moore verankert diesen Aspekt präzise in den 1970ern. Gleichberechtigung scheint wie ein Fremdwort. Die Männer haben das Sagen und weibliche Kompetenz wird systematisch infrage gestellt.

Vielstimmige Perspektiven bringen Neues ans Licht.

Die Handlung entfaltet sich über mehrere Zeitebenen. Moore springt zwischen 1961 und 1975 hin und her und es gibt auch vereinzelt Rückblenden in die 1950er Jahre. Die Perspektiven wechseln häufig, fügen sich aber immer schlüssig zusammen. Erzählt wird unter anderem aus der Sicht der Camp-Angestellten Louise, des Ferienkinds Tracy, der Mutter Alice, der Camp-Leiterin T.J., der Ermittlerin Judyta und Barbara selbst.

Durch diese Struktur verändert sich der Blick auf die Figuren immer wieder. Neue Geheimnisse kommen ans Licht, bisher Bekanntes wird infrage gestellt und der frühere Fall Bear wird Stück für Stück neu bewertet. Auch wenn das manche gerne verhindern würden.
Das wirkt alles sehr komplex, ist aber dennoch nie überfordernd. 

Der Gott des Waldes von Liz Moore – Kriminalroman und Gesellschaftsstudie.

Die Geschichte ist ein literarischer Kriminalroman und gleichzeitig eine vielschichtige Gesellschaftsanalyse. Liz Moore erzählt von Klassenunterschieden, von Privilegien, von sozialer Ungleichheit, von Rassismus und vom Kampf um weibliche Selbstbestimmung. Sie zeigt, wie Machtstrukturen funktionieren und wie geschickt diese verschleiert werden. 

Besonders stark ist der Roman, wo er den weiblichen Stimmen Raum gibt. Liz Moore schreibt feinfühlig über innere Konflikte, über Freundschaft und Loyalität. Die Frauen dürfen komplex und widersprüchlich, verletzlich und stark zugleich sein. Etwas, das ihnen in der damaligen Zeit meist nicht zugestanden wurde. 

Moore erzählt mit scharfem Blick und kommt ganz ohne die typische Thriller-Effekthascherei aus. Der Roman ist gelungen konstruiert, die Spannung baut sich schnell auf und es gelingt ihr mit Bravour, diesen Spannungsbogen auch über die doch beachtlichen knapp 600 Seiten aufrecht zu erhalten – ein Pageturner par excellence!

Fazit

Der Gott des Waldes von Liz Moore ist eine eindringliche Geschichte über Verlust, Macht und die Auswirkungen gesellschaftlicher Dynamiken. Sie verbindet gekonnt Kriminalhandlung und Sozialstudie, ohne dabei den Faden zu verlieren.
Ein Buch, das lange beschäftigt und zeigt, wie eng persönliche Schicksale und strukturelle Ungleichheit miteinander verbunden sind. Nach Long Bright River ist auch dieser Roman wieder sehr gelungen und lesenswert. 

 


2026, Alexandra Stiller
Transparenzhinweis: Das Buch ist ein Leseexemplar, C.H. Beck Verlag 

Header Bild: © Alexandra Stiller.
Buchcover: Rechte liegen beim jeweiligen Verlag.

Der Gott des Waldes
Liz Moore | Aus dem Amerikanischen von Cornelius Hartz
literarischer Kriminalroman
C.H. Beck | ISBN: 978-3-406-82977-2
2025
Hardcover mit Schutzumschlag
590 Seiten
www.chbeck.de
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