
Mit dieser ersten Randnotiz über E.T.A. Hoffmann eröffne ich die neue Rubrik “Buecherkaffee | Randnotizen. Über Autor:innen, Texte und literarische Anlässe”. In dieser Reihe entstehen literarische Betrachtungen abseits klassischer Rezensionen. Die Texte widmen sich Autor:innen, einzelnen Werken und kulturellen Anlässen. Manchmal ausgelöst durch ein Jubiläum, manchmal durch eine Wiederentdeckung, manchmal durch einen Gedanken, der beim Lesen bleibt.
Die Beiträge folgen keinem festen Schema. Mal sind es kurze, mal etwas ausführlichere Notizen. Wir lesen und setzen persönliche Akzente. In diesen Texten soll es nicht vorrangig um biografische Daten oder literaturwissenschaftliche Einordnungen gehen – unser Ziel ist es, Euch immer auch einen ganz persönlichen Zugang zu dem jeweiligen Thema zu zeigen.
Mehr als der Gespenster-Hoffmann

Im Januar waren es 250 Jahre, dass E.T.A. Hoffmann in Königsberg/Pr. zur Welt kam, damals noch Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, erst 1804 änderte er seinen dritten Vornamen in Verehrung für Mozart in Amadeus. Er war Jurist, Komponist, Dirigent, Musikkritiker, Maler und Schriftsteller. Trotz des Jubiläumsjahres 2022 zum 200. Todestag wird Hoffmann in meinen Augen leider viel zu einseitig gesehen.
Viele kennen von ihm Der Sandmann und vielleicht noch Elixiere des Teufels. So bleibt der von Ludwig Tieck aufgebrachte Begriff des „Gespenster-Hoffmann“ bis heute vorherrschend. Dabei geht so viel verloren: Hoffmann schrieb wesentlich mehr, als sich unter diesem Etikett vermuten ließe. Und er geht – wenn es denn vorkommt – weit über das Gespensterhafte hinaus. Seine Texte sind Ausdruck eines tiefen Kampfes um das Innere der Menschen, einer Rebellion gegen das Bürgerliche und Normale, Ausdruck des Wahnsinns in uns, gegen den wir alle mehr oder weniger erfolgreich angehen und des Verhältnisses von Kunst, Wahnsinn und Genie.
Wer das alles in einem kurzen Text finden will, dem lege ich Don Juan. Eine fabelhafte Begebenheit, die sich mit einem reisenden Enthusiasten zugetragen ans Herzen und natürlich die Novelle Rat Krespel. Wer mich von Instagram kennt, den wird dies kaum wundern. Vor kurzem las ich einen Beitrag, in dem Hoffmann als „Wegbereiter der modernen Fantasy-Literatur“ bezeichnet wurde – und das stimmt nur sehr eingeschränkt. Denn er lehnte eine reine Phantasiegeschichte ohne Verwurzelung im realen Leben ab:
„Ich meine, dass die Basis der Himmelsleiter, auf der man hinaufsteigen will in höhere Regionen, befestigt sein müsse im Leben, dass jeder nachzusteigen vermag.“
Also weg mit den Schubladen und weg mit der Fixierung auf das Geisterhafte – bei Hoffmann gibt es so unglaublich viel zu entdecken.

Wie ich zu E.T.A. Hoffmann fand
Mein Zugang zu diesem Meister der Spätromantik begann mit tiefer Abneigung. Ende der elften Klasse erfuhren wir, dass es für den Deutsch-Leistungskurs vier in ganz Baden-Württemberg verpflichtende Bücher zu lesen gab. Und was soll ich sagen: Drei fand ich entsetzlich.
Lyrik von Hofmannsthal (wir sind bis heute keine Freunde geworden) und ein Roman, bei dem ich das Gefühl hatte, der Autor zerschnitt den Text in hunderte Teile, die ihm dann vom Tisch fielen und er sie dann wild zusammenklebte. Heute ist Uwe Johnson dank eben dieses Buches, Mutmaßungen über Jakob, mein liebster Autor.
Ja und dann noch ein Märchen. Ein Märchen! Da war man gerade auf dem Weg vom Teenager zum (gefühlten) Erwachsenen und dann das? Da wehrte sich alles in mir, auch nach der ersten Lektüre. Aber genau wie bei Johnson verstand es mein großartiger Deutsch-Leistungskurslehrer, mir Der goldene Topf so nahe zu bringen, dass auch E.T.A. Hofmann zu einem meiner liebsten Autoren wurde und ich im Laufe der Zeit alles von ihm las.
Und wer es nicht weiß – mein Name auf Instagram stammt von der Figur Rat Krespel aus der gleichnamigen Novelle von E.T.A Hoffmann. Ein wunderlicher, exzentrischer Musiker und Geigenbauer, verwitwet und Vater einer Tochter. Und für deren Gesundheit und Wohlergehen ist er bereit alles zu tun, auch wenn andere sein Verhalten nicht verstehen. Wie viel von ihm in mir steckt? Wer weiß das schon – wenig und doch so viel…

Besondere Werke von E.T.A. Hoffmann
Einige mir besonders wichtige Bücher von E.T.A. Hoffmann aus meinem Regal möchte ich Euch kurz vorstellen, ergänzend zur oben genannten Erzählung Don Juan:
Lebens-Ansichten des Katers Murr
hier in der Winkler-Dünndruck-Ausgabe
Ein schreibender Kater findet auf der Suche nach Papier ein Buch des Kapellmeisters Kreisler. Er zerreißt dieses, um seine eigenen Erinnerungen festzuhalten, aber dadurch erhält sich zumindest ein Teil des ursprünglichen Textes – das ist die fiktive Ausgangssituation dieses Romans. Kreisler, der schon an anderen Stellen in Hoffmanns Werken auftauchte, ist für mich seine genialste Schöpfung und mit Sicherheit steckt viel vom Schriftsteller selbst in dieser Figur. Es gibt kaum ein Buch, bei dem ich es so bedauere, dass es nicht vollendet wurde.
Die Serapions-Brüder
ebenfalls in der Winkler-Dünndruck-Ausgabe
In den „Werken in vier Bänden“ heißt es im Vorwort zu den Serapions-Brüdern über die dort vorgenommenen Streichungen: “Diese verbindenden Texte – Ansichten über Literatur, Kunst, Wissenschaft, Moral und Fortschritt, (…) sind durchwegs zeitgebunden und ohne Bedeutung für den heutigen Leser.”
Unabhängig davon, dass das schlicht falsch ist, denn in diesen Texten stehen wichtige Gedanken zu den Grundlagen von Hoffmanns Verständnis von Literatur, halte ich es für eine unangebrachte Bevormundung der Leser:innen. Greift bitte immer zu einer ungekürzten Ausgabe. Aber darüber hinaus enthält dieses Buch einige der bekanntesten Erzählungen und Novellen Hoffmanns: „Die Bergwerke zu Falun“, „Die Automate“, „Das Fräulein von Scuderi“ und eben „Rat Krespel“.
Klein Zaches genannt Zinnober
Verlag Hermann Meiser Heidelberg, 1947
Dieses Märchen ist ein Paradebeispiel für Hoffmanns wunderbare Fähigkeit zur Satire und Ironie. Er schreibt an gegen die uneingeschränkte Wissenschaftsfixierung der Aufklärung, gegen Adelsprivilegien und für eine Einbeziehung des Phantastischen in die reale Welt, da diese ansonsten inhuman wird. Und wie so oft in seinem Leben wurde Hoffmann auch für diesen Text kritisiert – es war sogar kurzzeitig von einem Verbot die Rede.
Briefe
(Auswahl) Rikola Verlag, 1922
Das ist einfach eine wunderschöne alte Ausgabe, keine Anmerkungen, kein Register, einfach ein kleiner Antiquariatsschatz.
Zum Abschluss
Und zum Ende meiner Randnotizen zu E.T.A. Hofmann möchte ich ihn nochmal selbst zu Wort kommen lassen:
“Aber nicht anders geht es in der Welt, das, was man eifrig verfolgt, erreicht man am letzten, das, was man nicht zu erreichen strebt, kommt von selbst herbei. Der Zufall ist ein neckischer und neckender Spukgeist!”
“Ein treffendes Wort ist noch kein witziger Einfall, ein witziger Einfall noch kein geistreicher Gedanke, ein geistreicher Gedanke noch kein Wort für die Welt.”
“In die Tiefen des Geisterreichs führt uns Mozart. Furcht umfängt uns, aber ohne Marter ist sie mehr Ahnung des Unendlichen.”
Und mit diesem letzten Zitat schlage ich schon jetzt einen Bogen zu meinem nächsten Beitrag in dieser Rubrik.
Bald mehr!
2026, Jürgen Fottner
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