Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026 · Teil 3

In den ersten beiden Beiträgen zu unserer Pressereise haben wir Prag aus ziemlich unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt. Wir standen hoch über den Dächern der Stadt, besichtigten die Barockbibliothek des Klementinums und wagten uns hinunter in den Prager Untergrund. Wir besuchten das Literaturmuseum und trafen einige der Autor*innen, die im Oktober zum tschechischen Ehrengastauftritt nach Frankfurt kommen.
Hier findet ihr beide Beiträge noch einmal zum Nachlesen:
- Teil 1: Literaturreise Tschechien: Prag von oben – Küste, Orloj und das Klementinum
- Teil 2: Literaturreise Tschechien: Prag unter der Oberfläche – vom alten Klärwerk ins Literaturmuseum
An diesem Nachmittag ließen wir Prag hinter uns.
Für uns ging es hinaus nach Kersko, rund 30 Kilometer östlich von Prag. Zwischen hohen Kiefern liegt hier das ehemalige Wochenendhaus von Bohumil Hrabal.

Auf den Spuren von Bohumil Hrabal
Bohumil Hrabal zählt zu den bedeutendsten tschechischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts und ist weit über Tschechien hinaus bekannt. Er wurde 1914 in Brünn geboren, wuchs in Nymburk auf und begann 1935 in Prag Jura zu studieren. Als die deutschen Besatzer 1939 die tschechischen Hochschulen schließen ließen, musste er sein Studium unterbrechen. In den folgenden Jahren arbeitete Hrabal unter anderem bei der Eisenbahn, später als Handelsreisender, im Stahlwerk und in einer Prager Altpapierpackerei.
Seine Literatur lebt von skurrilen Alltagsbeobachtungen, eigenwilligen Figuren und in seinen Texten liegen Komik und Melancholie oft nah beieinander.
Kersko als Rückzugsort
Kersko wurde für ihn mehr als ein Rückzugsort. 1965 kaufte Hrabal von seinen ersten literarischen Honoraren ein kleines Wochenendhaus, das bereits 1940 errichtet worden war. Zwei Jahre später ließ er es um ein Stockwerk und eine Garage erweitern, weitere Umbauten folgten.
Heute ist das Haus als Museum zugänglich und kann im Rahmen einer Führung besichtigt werden (nach vorheriger Reservierung). Für die heutige Gestaltung nahm man die Jahre um 1990 als Orientierung.
Das Polabské muzeum, das die Hrabalova chata seit 2022 betreut, wollte bewusst kein klassisches Literaturmuseum schaffen. Haus und Garten wurden vielmehr so weit wie möglich in den Zustand zurückversetzt, in dem Hrabal hier lebte und schrieb. Vielleicht hatte ich deshalb während unseres Rundgangs immer wieder das Gefühl, er könnte jeden Moment zur Tür hereinkommen.

Im Haus sind die einzelnen Räume so eingerichtet, dass man sich gut vorstellen kann, wie Hrabal hier damals gelebt hat. Wir sahen die Stube und die Küche, seinen Schlafbereich und natürlich den Raum, in dem er arbeitete. Auf dem Schreibtisch steht auch noch seine Schreibmaschine. Unser Guide erzählte während der Führung viel über Hrabals Leben, zeigte uns alte Fotografien und machte uns auf Details aufmerksam, die wir allein wahrscheinlich übersehen hätten.

Von Schneeglöckchen, Zügen und geretteten Büchern
Wer Kersko literarisch entdecken möchte, kommt an Schneeglöckchenfeste (Suhrkamp, übersetzt von Petr Simon) kaum vorbei. Die fünfzehn Erzählungen spielen vor dem Hintergrund der Waldsiedlung und greifen Figuren und Begebenheiten aus Hrabals Umgebung auf. 1983 wurde der Stoff von Jiří Menzel verfilmt. Das Drehbuch schrieben Hrabal und Menzel gemeinsam und für die Dreharbeiten kehrte die Geschichte tatsächlich an ihren Schauplatz nach Kersko zurück. Gedreht wurde teilweise sogar mit Menschen aus der Waldsiedlung als Laiendarsteller*innen.
Gelesen hatte ich von Hrabal bisher Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht (Suhrkamp, übersetzt von Franz Peter Künzel).
Im Mittelpunkt steht der junge Bahnbeamte Miloš, der während der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs auf einem kleinen Bahnhof Dienst tut. Während deutsche Militärzüge Richtung Front fahren und Lazarettzüge zurückkommen, beschäftigt ihn zunächst vor allem sein eigenes Leben. Bis er schließlich in den Widerstand gegen einen deutschen Munitionstransport hineingezogen wird.
Hrabal arbeitete übrigens selbst von 1941 bis 1945 bei der staatlichen Eisenbahn.
Jiří Menzel begegnet einem bei Hrabal immer wieder. Auch Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht brachte der tschechische Regisseur auf die Leinwand. Der Film kam 1966 unter dem Titel „Liebe nach Fahrplan“ (Ostře sledované vlaky) ins Kino und wurde 1968 mit dem Oscar als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet.
Auch dieser Hrabal-Titel passt wunderbar in dieses Literaturjahr: Allzu laute Einsamkeit (Suhrkamp, übersetzt von Peter Sacher)
Dieses Buch erscheint am 30. September 2026 bei Suhrkamp in einer neuen Jubiläumsausgabe. Im Mittelpunkt steht Haňťa, der seit 35 Jahren in einem Prager Keller Altpapier presst und dabei immer wieder Bücher vor der Vernichtung bewahrt. Auch hier findet sich eine Spur aus Hrabals eigener Biografie wieder: Er arbeitete selbst in einer Prager Altpapierpackerei.
Wo Wunder noch zum Alltag gehören
Und noch ein Schriftsteller gehörte zu unserem Nachmittag in Kersko: Miroslav Hlaučo begleitete uns und stellte uns hier seinen Debütroman „Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt“ vor. Ein ziemlich passender Ort dafür, denn auch in seinem Roman spielt eine abgeschiedene Welt eine wichtige Rolle.

Miroslav Hlaučo · Autorenporträt: © Connor Jandourek Photostudio · Buchcover: © Anthea Verlag
Miroslav Hlaučo – Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt – übersetzt von Raija Hauck >> Zum Buch
Ein ziemlich passender Ort dafür, denn auch in seinem Roman spielt eine abgeschiedene Welt eine wichtige Rolle. Im Bergdorf St. Georg gehören Wunder noch ganz selbstverständlich zum Alltag. Die Menschen sprechen mit Heiligen, gehen über Wasser oder spalten Steine mit einem Pfeifton. Doch wir befinden uns am Beginn des 20. Jahrhunderts und die Moderne rückt näher. Als der totgeglaubte Odysseus nach fünfzehn Jahren zurückkehrt und technische Neuerungen mitbringt, beginnt sich die vertraute Ordnung zu verändern. Und dann kündigt sich auch noch ein junger K.u.K.-Notar aus der Hauptstadt an, vor dem man die verbliebenen Wunder besser geheim hält.
“Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt” spielt mit dem magischen Realismus und erzählt von einer Welt an der Schwelle zu einer neuen Zeit. 2025 wurde der Roman bei den Magnesia Litera sowohl als Buch des Jahres als auch als Debüt des Jahres ausgezeichnet.
Und auch Miroslav Hlaučo werden wir im Oktober in Frankfurt wiedersehen: Er gehört zu den Autor*innen, die Tschechien bei seinem Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse vertreten.
Hrabals Stammplatz in Prag
In Prag besuchte ich ebenfalls an einem Ort, der eng mit Hrabal verbunden ist. Die alte Bierstube U Zlatého tygra – Zum Goldenen Tiger in der Husova war über viele Jahre seine Stammkneipe. Hrabal kam regelmäßig hierher und saß meist an einem Tisch im hinteren Teil des Lokals, nahe dem Eingang zur Küche. Die Kneipe war für ihn Treffpunkt und gehörte zu seinem Prager Alltag. Auch Jiří Menzel und Václav Havel saßen hier mit ihm zusammen.

Die Bierstube U Zlatého tygra – Zum Goldenen Tiger

Berühmt wurde ein Treffen im Januar 1994: Václav Havel brachte den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton mit in den Goldenen Tiger, wo er gemeinsam mit Hrabal am Tisch saß und natürlich auch ein Pilsner getrunken wurde. Bis heute erinnert im Inneren einiges an den Schriftsteller. Auch das Porträt, das ihr auf meinem Foto seht, hängt dort. Wer nach einem Tag auf Hrabals Spuren in Prag noch ein tschechisches Bier trinken möchte, sollte hier unbedingt vorbeischauen!
Wo wir gerade beim Bier sind …
Ich habe noch einen besonderen Buchtipp für euch: Gebrauchsanweisung für Bier von Jaroslav Rudiš. Dieses Buch ist nicht ganz unschuldig daran, dass wir den Goldenen Tiger überhaupt entdeckten. Natürlich haben wir es uns auch nicht nehmen lassen, das Bier dort selbst zu testen.

Jaroslav Rudiš · Autorenporträt: © Connor Jandourek Photostudio · Buchcover: © Piper Verlag
Jaroslav Rudiš – Gebrauchsanweisung für Bier >> Zum Buch
Rudiš reist in seinem Buch durch die europäische Bierkultur, von Böhmen über Bamberg und Belgien bis nach Island. Dabei geht es ihm weit weniger darum, möglichst viele Sorten abzuhaken. Er interessiert sich für die Orte, an denen Bier getrunken wird, für ihre Geschichte und vor allem für die Menschen, die dort zusammenkommen. So wird aus dem Buch zugleich Reiseerzählung und Kulturgeschichte.
Ein Schwerpunkt liegt natürlich auf Tschechien.Rudiš nennt das Gebiet zwischen Bamberg, Pilsen und Budweis das heilige Bierdreieck Mitteleuropas und nimmt seine Leser*innen auch mit auf eine Prager Kneipentour. Viele seiner bevorzugten Prager Kneipen tragen Tiere im Namen, und so führt die Runde von einem Tier zum nächsten. Auch der Goldene Tiger gehört dazu. Diese “Zoorunde” kennt man übrigens auch aus seinem Buch “Weihnachten in Prag”, wo sie zu einem nächtlichen Streifzug durch die Stadt wird.
In diesem Sinne: Prost und na zdraví!
Noch einmal Prag – diesmal auf eigene Faust
Mit Kersko endete für uns auch der Prager Teil unserer Pressereise. Von Liberec und Jablonec und den Geschichten, die uns dort erwarteten, werde ich natürlich noch ausführlich berichten. Vorher möchte ich euch aber noch einmal mit nach Prag nehmen – diesmal ohne offizielles Programm. Ich bin noch für einige Stunden durch die Stadt gezogen und dabei begegnete mir natürlich auch Franz Kafka.
Genau dort geht es im nächsten Beitrag weiter. schaut wieder vorbei!

Ehrengast Tschechien: weiterlesen, weiterhören, weiterschauen
Tschechien präsentieren sich als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026. Wer tiefer eintauchen möchte, findet aktuelle Informationen und Veranstaltungshinweise unter:
🔗 Website: czechia2026.com
📸 Instagram: @czechia2026de
📘 Facebook: Tschechien: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026
Alle Beiträge zum Ehrengast Tschechien 2026:
Hier findet ihr alle Reiseberichte, Buchtipps und Beiträge zum Ehrengast Tschechien auf einen Blick.
Auch auf meiner eigenen Instagram-Seite @alex_coffee_books habe ich viele Eindrücke zur Reise nach Tschechien gesammelt – Bilder, Stories und literarische Schnappschüsse. All das findet ihr in den Highlights.
2026, Alexandra Stiller
Logo: © https://czechia2026.com/
Fotos © Alexandra Stiller, buecherkaffee.de
Autorenportait Miroslav Hlaučo und Jaroslav Rudiš – © Connor Jandourek Photostudio
Transparenz: Die Beiträge entstehen in Kooperation mit der Mährischen Landesbibliothek zum Ehrengastauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse 2026. Die Reise erfolgte auf Einladung.

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