Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026 · Teil 5

Nach Prag und Kersko ging es für uns weiter in den Norden Tschechiens, genauer gesagt nach Liberec und Jablonec nad Nisou.
In Liberec besuchten wir die Regionalwissenschaftliche Bibliothek und trafen Alice Horáčková. Von dort fuhren wir mit der Straßenbahn weiter nach Jablonec. Mit dabei war Pavel Novotný, der genau diese Strecke über Jahre beobachtet und schließlich zu Literatur gemacht hat.
In Jablonec erwartete uns Štěpán Kučera zu einem Rundgang durch seine Heimatstadt. Und auch die Glas- und Schmuckherstellung, für die Gablonz einst weit über die Region hinaus bekannt war, sollte an diesem Tag noch eine Rolle spielen.
Wer die bisherigen Stationen meiner Literaturreise noch einmal nachlesen möchte:
- Teil 1: Literaturreise Tschechien: Prag von oben – Küste, Orloj und das Klementinum
- Teil 2: Literaturreise Tschechien: Prag unter der Oberfläche – vom alten Klärwerk ins Literaturmuseum
- Teil 3: Literaturreise Tschechien: Kersko – auf den Spuren von Bohumil Hrabal
- Teil 4: Literaturreise Tschechien: Prag auf eigene Faust – zwischen Kafka, Büchern und Petřín
Eine Bibliothek am Ort der ehemaligen Synagoge

Regionalwissenschaftliche Bibliothek in Liberec
Unser erster Termin führte uns in die Regionalwissenschaftliche Bibliothek von Liberec. Auf diesem Grundstück stand früher die große Synagoge von Liberec, dem damaligen Reichenberg. Während der Novemberpogrome wurde sie am 10. November 1938 niedergebrannt. Jahrzehnte später entstand an derselben Stelle ein Neubau, in dem Bibliothek und Synagoge unter einem Dach vereint sind. Am 9. November 2000 wurde das Gebäude eröffnet.
Die Bibliothek selbst spricht vom Bau der Versöhnung. An der Außenfassade erinnert eine hebräische Inschrift an die Geschichte des Ortes. Die neue Synagoge ist Teil des Gebäudekomplexes und befindet sich damit genau an derselben Stelle, an der bis 1938 die alte Synagoge stand.

Hebräische Inschrift an der Regionalwissenschaftlichen Bibliothek in Liberec
Alice Horáčková und die Geschichte ihrer Familie
Mit Alice Horáčková wurde es in der Bibliothek dann literarisch. Sie erzählte von der Entstehung ihres Romans Geteiltes Haus und las einige Seiten daraus vor.
Benetzko im Riesengebirge, Anfang des 20. Jahrhunderts. Hier wachsen Zdenka und Anežka auf, die eine tschechisch, die andere deutsch. Über Jahrzehnte bleiben sie Freundinnen, während um sie herum Regime wechseln und Kriege geführt werden. Gleichzeitig bekommt die Frage nach der eigenen Nationalität immer mehr Gewicht. Plötzlich können selbst kleine Entscheidungen weitreichende Folgen haben.
Hinter dem Roman steht auch Horáčkovás eigene Familiengeschichte. Nach dem Tod ihrer Großeltern fand sie in deren Haus im Riesengebirge alte Fotografien und Dokumente und begann, sich mit der Vergangenheit ihrer Familie zu beschäftigen. Daraus wurde eine jahrelange Recherche, die sie auch in Archive und zu Menschen aus der Region führte. Mehr als zehn Jahre beschäftigte sie sich mit dem Stoff, vier Jahre schrieb sie schließlich an dem Roman.
Alice Horáčková – Geteiltes Haus – übersetzt von Sophia Marzolff >> Zum Buch

Alice Horáčková mit ihrem Roman “Geteiltes Haus”
Literatur auf Schienen
Für die Fahrt von Liberec nach Jablonec stiegen wir in die Straßenbahn. Begleitet wurden wir von Pavel Novotný, dessen Projekt TRAMVESTIE genau auf dieser Strecke entstanden ist.
Die Idee dazu entwickelte sich Mitte der 2000er-Jahre. Novotný nahm während seiner Fahrten Stimmen und Geräusche auf, ließ Menschen beschreiben, was sie aus dem Fenster sahen, und sammelte Gesprächsfetzen aus der Bahn. Über die Jahre entstand daraus ein Werk, in dem Text und Klang eng miteinander verbunden sind. Tramvestie gibt es als Textzyklus und radiofone Komposition, später entstand daraus auch eine Oper.
Gemeinsam mit dem Grafiker Jan Měřička entwickelte Novotný außerdem lange Textstreifen. 2012 waren sie in und an einer Straßenbahn zwischen Liberec und Jablonec zu lesen. Was für eine schöne Idee!

Pavel Novotný mit seinem Werk TRAMVESTIE

Während unserer Fahrt erzählte Novotný von der Entstehung von Tramvestie und las uns daraus vor. Seine Texte auf genau der Strecke zu hören, auf der sie entstanden sind, gehörte für mich zu den schönsten Momenten dieses Tages. Mehr Informationen zu seinem Projekt findet ihr hier: >> Pavel Novotný über „Tramvestie“ und seine Entstehung
Mit Štěpán Kučera durch Gablonz/Jablonec
In Jablonec erwartete uns schon Štěpán Kučera, der uns mit auf einen Rundgang durch seine Heimatstadt nahm und uns dabei auch sein Buch Gablonz / Jablonec vorstellte.
Kučera beschäftigt sich darin mit mehr als einem Jahrhundert Stadtgeschichte. Er verbindet historische Ereignisse mit den Geschichten einzelner Menschen, Erinnerungen und Zeitzeugnissen. Im Mittelpunkt steht immer wieder das Zusammenleben der deutschen und tschechischen Bevölkerung und das, was die politischen Brüche des 20. Jahrhunderts für die Stadt bedeuteten.
Štěpán Kučera – Gablonz / Jablonec – übersetzt von Mirko Kraetsch >> Zum Buch

Štěpán Kučera mit seinem Buch “Gablonz/Jablonec”

Jablonec nad Nisou
Glas und Bijouterie in Jablonec
Jablonec war über lange Zeit eines der wichtigsten Zentren der Glas- und Schmuckindustrie. Im Staatlichen Museum für Glas und Bijouterie befindet sich heute eine grosse Sammlung von Glasperlen und Knöpfen, Schmuck und Armreifen bis hin zu dem allseits bekannten Christbaumschmuck.
Mit der Geschichte der Gablonzer Glas- und Schmuckindustrie ist auch Neugablonz bei Kaufbeuren verbunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die deutschsprachigen Bewohner aus Gablonz und der Umgebung vertrieben. Viele von ihnen hatten in der Glas- und Schmuckherstellung gearbeitet und ließen sich später in Kaufbeuren nieder.
Dort entstand ab 1946 Neugablonz. Die ehemaligen Gablonzer gründeten neue Werkstätten und Betriebe und führten damit vieles von dem weiter, was ihre Heimat über Jahrzehnte geprägt hatte. Neugablonz entwickelte sich zu einem wichtigen Standort für Glas- und Modeschmuck. Schon der Name erinnert bis heute daran, woher viele der Menschen kamen, die den neuen Stadtteil aufgebaut haben. Und die Verbindung besteht weiter: Kaufbeuren und Jablonec nad Nisou sind heute Partnerstädte.

Sufian Massalema: zum Abschluss Lyrik
Im Museum trafen wir zum Abschluss Sufian Massalema. Er wurde 1999 in Jablonec nad Nisou geboren und lebt heute in Prag. 2024 erschien bei Větrné mlýny sein erster Gedichtband Možnosti přehlíženého, der für den Jiří-Orten-Preis nominiert wurde. Bereits 2022 erhielt Massalema den Václav-Hrabě-Preis für Poesie.
Massalema sprach mit uns über seinen ersten Gedichtband und trug zwei seiner Gedichte vor. Auch in seinen Texten spielt Jablonec eine Rolle. Die Gedichte führen vom Isergebirge und seiner Heimatstadt über Prag bis in den Nahen Osten und verbinden damit Orte, die zu seiner eigenen Familiengeschichte gehören. Der Band erzählt auch davon, wie es ist, zwischen diesen unterschiedlichen Welten aufzuwachsen und nach dem eigenen Verhältnis zu Heimat und Herkunft zu fragen.

Lyriker Sufian Massalema
Ihr habt im Oktober die Möglichkeit, Alice Horáčková, Pavel Novotný, Štěpán Kučera und Sufian Massalema selbst in Frankfurt zu erleben, denn alle vier werden bei der Frankfurter Buchmesse dabei sein.
Von Tschechien nach Frankfurt
Mit Liberec und Jablonec endet nun auch meine Reise durch Tschechien. Es waren intensive Tage, aus denen ich vor allem eines mitgenommen habe: große Lust, mich weiter in die tschechische Literatur einzulesen. Einige der Bücher, die uns unterwegs begegnet sind, habe ich inzwischen gelesen, andere warten noch auf meinem Lesestapel. Zu mehreren wird es hier in den kommenden Wochen ausführliche Besprechungen geben.
Was diese Reise für mich so interessant gemacht hat, waren vor allem die Begegnungen. Mit den Autor*innen über ihre Bücher zu sprechen und anschließend die Orte zu sehen, die darin eine Rolle spielen oder mit ihrer Entstehung verbunden sind, hat vieles greifbarer gemacht.
In wenigen Tagen geht es in Frankfurt weiter: BUCHMESSE IS CALLIN´!!!
Fast alle Autor*innen, die wir auf der Reise getroffen haben, werden auch in Frankfurt sein. Ich freue mich auf das Wiedersehen und darauf, dort noch weitere tschechische Stimmen kennenzulernen.
Sehen wir uns auch in Frankfurt?

Ehrengast Tschechien: weiterlesen, weiterhören, weiterschauen
Tschechien präsentieren sich als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026. Wer tiefer eintauchen möchte, findet aktuelle Informationen und Veranstaltungshinweise unter:
🔗 Website: czechia2026.com
📸 Instagram: @czechia2026de
📘 Facebook: Tschechien: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026
Alle Beiträge zum Ehrengast Tschechien 2026:
Hier findet ihr alle Reiseberichte, Buchtipps und Beiträge zum Ehrengast Tschechien auf einen Blick.
Auch auf meiner eigenen Instagram-Seite @alex_coffee_books habe ich viele Eindrücke zur Reise nach Tschechien gesammelt – Bilder, Stories und literarische Schnappschüsse. All das findet ihr in den Highlights.
2026, Alexandra Stiller
Logo: © https://czechia2026.com/
Fotos © Alexandra Stiller, buecherkaffee.de
Transparenz: Die Beiträge entstehen in Kooperation mit der Mährischen Landesbibliothek zum Ehrengastauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse 2026. Die Reise erfolgte auf Einladung.

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