Literaturreise Tschechien: Prag auf eigene Faust – zwischen Kafka, Büchern und Petřín

by Alexandra Stiller
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Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026 · Teil 4

Literaturreise Tschechien: Blick in den scheinbar endlosen Büchertunnel der Installation Idiom von Matej Krén

Drei Beiträge lang habe ich euch inzwischen mit durch unser offizielles Programm in und um Prag genommen. Wir waren hoch über den Dächern der Stadt und tief darunter, haben Autor*innen getroffen und sind zuletzt nach Kersko zu Bohumil Hrabal gefahren.

Hier findet ihr beide Beiträge noch einmal zum Nachlesen:

Dazwischen gab es aber auch freie Stunden und die habe ich genutzt, um Prag auf meine eigene Art zu entdecken. Ein paar Orte hatte ich mir vorher herausgesucht, vieles entdeckte ich zufällig beim Schlendern durch die Stadt. So führte mich mein Weg über die Karlsbrücke, hinauf zur Prager Burg und immer wieder in Straßen, die ich vorher gar nicht auf dem Plan hatte. Und Buchhandlungen gehörten für mich einfach dazu. Wenn ich eine entdeckte, wollte ich zumindest kurz hineinschauen.

So kamen an diesen Tagen einige Kilometer zusammen. Und ziemlich viele Fotos.

An Kafka kommt man in Prag kaum vorbei

Dass Franz Kafka in Prag präsent sein würde, war zu erwarten. Wie oft er mir tatsächlich begegnete, hatte ich so nicht gedacht.

Sein Geburtshaus in der Altstadt wollte ich auf jeden Fall sehen. Wobei „Geburtshaus“ nicht ganz stimmt: Das Gebäude, in dem Kafka am 3. Juli 1883 geboren wurde und seine ersten beiden Lebensjahre verbrachte, existiert heute nicht mehr. Es wurde 1897 im Zuge der Prager Stadtsanierung abgerissen. Erhalten blieb das barocke Portal, das später in den Neubau von 1902 integriert wurde. Eine Gedenktafel und eine Büste erinnern heute an Kafka.

Gebäude an der Stelle des Geburtshauses von Franz Kafka in Prag Gedenktafel und Büste für Franz Kafka an seinem Geburtshaus in Prag

Kafka ist heute in Prag fast überall präsent. In seinen eigenen Texten geht er mit der Stadt dagegen sehr zurückhaltend um. Obwohl er hier fast sein ganzes Leben verbrachte, nennt er Prag in seinen Romanen und Erzählungen nur selten eindeutig beim Namen. Straßen, Häuser und Wege lassen sich teilweise wiedererkennen, bleiben aber oft ohne genaue Ortsangabe. Das Kafka-Museum widmet diesem Verhältnis zur Stadt einen eigenen Teil seiner Ausstellung und spricht von einer „imaginären Topographie“. Bis heute wird versucht, einzelne Schauplätze aus Kafkas Texten im realen Prag zu verorten.

In den Straßen der Altstadt begegnete mir noch eine andere Version des Schriftstellers. Kafka auf Tassen, Taschen und T-Shirts, als Magnet, Figur oder Postkarte. Souvenirgeschäfte gibt es hier reichlich und sein Gesicht scheint sich bestens zu verkaufen.

Irgendwann fragte ich mich schon, wie viel vom Schriftsteller bei dieser Vermarktung noch übrig bleibt. Seine Texte werden bis heute gelesen und erforscht. Ein paar Meter weiter wird sein Gesicht zum Mitbringsel aus Prag.

Kafka in 42 beweglichen Ebenen

Ein paar Straßen weiter steht ein Kafka, bei dem auch ich länger hängen blieb.

Beweglicher Kopf von Franz Kafka von David Černý vor dem Quadrio in Prag Beweglicher Kopf von Franz Kafka von David Černý vor dem Quadrio in Prag

Vor dem Einkaufszentrum Quadrio befindet sich seit 2014 der riesige Kafka-Kopf von David Černý. Die Skulptur ist fast elf Meter hoch, wiegt 39 Tonnen und besteht aus 42 beweglichen Ebenen aus Edelstahl. Für einen Moment ist Kafkas Gesicht vollständig zu erkennen. Dann verschieben sich die einzelnen Teile, das Gesicht zerfällt und setzt sich wieder zusammen.

Kafkas Leben war von Brüchen geprägt, von schwierigen Beziehungen und dem Konflikt zwischen seinem Schreiben und den Anforderungen des Alltags. Später bestimmte die Tuberkulose zunehmend sein Leben. Er starb 1924, nur einen Monat vor seinem 41. Geburtstag. Dieses Zerfallen und erneute Zusammensetzen des Gesichts passt für mich deshalb sehr gut zu Kafka.

Dass Černýs Skulptur längst selbst ein Touristenmagnet ist, war bei meinem Besuch kaum zu übersehen. Rundherum wird gewartet, gefilmt und fotografiert, bis die Ebenen sich wieder in Bewegung setzen. Ich habe es auch gemacht.

Černý sollte mir an diesem Tag noch einmal begegnen:

Ein Blick nach oben

Eine seiner Arbeiten hatte ich mir vorher herausgesucht: „Man Hanging Out“. Wer nicht weiß, dass sie dort hängt, kann leicht darunter hindurchlaufen. Hoch über der Husova hängt eine menschliche Figur mit nur einer Hand an einer Stange: Sigmund Freud.

Man Hanging Out von David Černý über der Husova in Prag

Černý schuf die Arbeit 1996, als das Ende des Jahrhunderts näher rückte. Ihn beschäftigte damals die Frage, welche Rolle Intellektuelle im kommenden Jahrhundert spielen würden. Für seine Skulptur wählte er Sigmund Freud als eine der prägenden intellektuellen Figuren des 19. Jahrhunderts. Seit 1997 hängt er nun über der Husova. (Quelle: https://www.davidcerny.cz/work/man-hanging-out-freud-viselec-davidcerny)

8.000 Bücher und ein Blick ins Unendliche

In der Zentralbibliothek am Mariánské náměstí steht seit 1998  der Bücherturm Idiom des slowakischen Künstlers Matej Krén. Rund 8.000 Bücher bilden einen hohen, innen hohlen Zylinder. Zwei Spiegel, einer oben und einer unten, erzeugen beim Blick durch die Öffnung den Eindruck eines endlosen Tunnels aus Büchern. 

Idiom von Matej Krén in der Prager Zentralbibliothek

Krén entwickelte die Installation bereits 1991. In Prag wurde sie erstmals 1996 in der Galerie Jiří Švestka gezeigt. Der Ort hatte eine besondere Vorgeschichte: In den 1950er-Jahren befand sich dort ein kommunistisches Lager für verbotene Bücher, die von hier aus auch zur Vernichtung abtransportiert wurden.

Für Krén sind Bücher mehr als Material, aus dem sich eine Skulptur bauen lässt. Sie tragen Wissen und Geschichten in sich. Zusammen mit den Spiegeln entsteht daraus ein Raum, der sich scheinbar ins Unendliche fortsetzt.

Heute ist der Book Tower längst kein Geheimtipp mehr. Die Prager Stadtbibliothek weist sogar darauf hin, dass die Wartezeit während der touristischen Hochsaison bis zu zwei Stunden betragen kann. So lange musste ich zum Glück nicht warten.

Über die Karlsbrücke hinauf zur Prager Burg

Karlsbrücke über der Moldau in Prag

Mein Weg führte auch über die Karlsbrücke. Und ja, sie ist voll. Sehr voll sogar. Trotzdem würde ich sie bei einem Prag-Besuch nicht auslassen. Ich blieb immer wieder stehen, hörte Straßenmusikern zu und schaute den Künstler*innen bei der Arbeit zu.

Wer es ruhiger mag, sollte früh am Morgen kommen. Dann ist auch das Licht über der Moldau besonders schön. Eine gute Zeit ist auch der Abend, wenn es auf der Brücke langsam leerer wird.

Seit mehr als sechs Jahrhunderten überqueren Menschen hier die Moldau. Mit dem Bau der heutigen Karlsbrücke wurde 1357 unter Karl IV. begonnen. Sie ersetzte die Judithbrücke, die 1342 bei einem Hochwasser zerstört worden war. 1402 wurde die neue Brücke fertiggestellt. Karlsbrücke heißt sie allerdings erst seit 1870. Zuvor kannte man sie als Steinerne Brücke oder Prager Brücke.

Auch die Heiligenfiguren kamen erst später hinzu. Die älteste ist die Statue des heiligen Johannes von Nepomuk aus dem Jahr 1683. Weitere Skulpturen und Figurengruppen folgten.

Auf der anderen Seite der Moldau ging es durch die Kleinseite weiter hinauf zur Prager Burg. Der Weg dorthin hat mir fast ebenso gut gefallen wie das Ziel. Mit jedem Stück bergauf öffnete sich zwischen den Häusern wieder der Blick über Prag.

Prager Burg von außen

Die Burg selbst habe ich nur von außen angeschaut. Mir war dort schlicht zu viel los, um mich auch noch in eine der Besucherschlangen einzureihen. Ihre Geschichte reicht bis ins 9. Jahrhundert zurück. Über Jahrhunderte war sie Sitz der böhmischen Herrscher, heute ist sie Amtssitz des tschechischen Präsidenten.

Petřín: ein bisschen Paris über Prag

Nächstes Ziel: der Petřín. Schon von weitem fällt der Aussichtsturm auf, dessen Ähnlichkeit mit dem Eiffelturm kein Zufall ist. Mitglieder des Klubs tschechischer Touristen hatten 1889 die Pariser Weltausstellung besucht und kamen mit der Idee zurück, auch über Prag einen solchen Turm zu errichten. Bereits im März 1891 begann der Bau, am 20. August desselben Jahres wurde der Aussichtsturm eröffnet.

Petřín-Aussichtsturm in Prag

Also ging es noch einmal nach oben. Der Petřín-Aussichtsturm ist knapp 59 Meter hoch und steht auf einem Hügel, der ohnehin schon weit über der Stadt liegt. Bis zur oberen Aussichtsplattform sind es 299 Stufen. Die habe ich an diesem Tag allerdings nicht mehr genommen. Ich war mittlerweile doch etwas müde und fuhr lieber mit dem Aufzug.

Oben angekommen wusste ich, dass das eine gute Entscheidung gewesen war. Der Blick über Prag ist großartig.

Blick vom Petřín-Aussichtsturm über Prag

Auf dem Petřín hatte ich mir noch einen weiteren Ort herausgesucht: Our Lady of Exile, Panna Maria z Exilu. Die Marienstatue steht an einem Aussichtspunkt bei den Gärten des Strahov-Klosters. Ihre Geschichte führt weit über Prag hinaus.

Der italienische Bildhauer Alessandro Monteleone schuf sie 1954 aus Carrara-Marmor für Tschech*innen im Exil. Nach ihrer Weihe in Rom kam die Statue in die USA und wurde 1955 bei einer tschechischen Benediktinerabtei nahe Chicago aufgestellt. Nach dem Ende des kommunistischen Regimes kehrte sie nach Prag zurück und seit 1994 blickt sie über die Stadt.

Panna Maria z Exilu, die Madonna des tschechischen Exils, in Prag - our lady of exile

Prag zum Schluss noch einmal ohne Plan

Nach all den Stationen blieb mir noch etwas Zeit, einfach durch Prag zu schlendern. Ohne bestimmtes Ziel und ohne ständig auf die Uhr schauen zu müssen. Davon sind am Ende einige meiner liebsten Fotos dieser Reise entstanden.

Vieles davon braucht keine große Geschichte, gehört für mich trotzdem zu diesen Tagen in Prag.

Mit diesen Bildern verabschiede ich mich nun von der Stadt. Zumindest vorerst, denn einige Geschichten und Bücher aus Prag werden hier sicher noch ihren Platz finden.

Für unsere Pressereise ging es weiter nach Nordböhmen, nach Liberec und Jablonec. Dort wartete ein völlig anderer Teil unserer Reise auf uns. Und eine Straßenbahn, in der Literatur eine ziemlich ungewöhnliche Rolle spielt.

Genau dort geht es im nächsten Beitrag weiter.

Ehrengast Tschechien: weiterlesen, weiterhören, weiterschauen

Tschechien  präsentieren sich als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026. Wer tiefer eintauchen möchte, findet aktuelle Informationen und Veranstaltungshinweise unter:
🔗 Website:  czechia2026.com
📸 Instagram:  @czechia2026de
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Alle Beiträge zum Ehrengast Tschechien 2026:

Hier findet ihr alle Reiseberichte, Buchtipps und Beiträge zum Ehrengast Tschechien auf einen Blick.

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Auch auf meiner eigenen Instagram-Seite @alex_coffee_books habe ich viele Eindrücke zur Reise nach Tschechien gesammelt – Bilder, Stories und literarische Schnappschüsse. All das findet ihr in den Highlights.

2026, Alexandra Stiller

Logo: © https://czechia2026.com/
Fotos © Alexandra Stiller, buecherkaffee.de
Transparenz: Die Beiträge entstehen in Kooperation mit der Mährischen Landesbibliothek zum Ehrengastauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse 2026. Die Reise erfolgte auf Einladung.

 

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Liberec & Jablonec: Literaturreise durch Nordböhmen 27. September 2026 - 15:37

[…] Teil 4: Literaturreise Tschechien: Prag auf eigene Faust – zwischen Kafka, Büchern und Petřín […]

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Bohumil Hrabal in Kersko: Sein Haus und seine Bücher 27. September 2026 - 18:41

[…] Teil 4: Literaturreise Tschechien: Prag auf eigene Faust – zwischen Kafka, Büchern und Petřín […]

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