Literaturreise Tschechien: Prag unter der Oberfläche – vom alten Klärwerk ins Literaturmuseum

by Alexandra Stiller
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Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026 · Teil 2

Literaturreise Tschechien - Gastland Frankfurter Buchmesse 2026 - Prag unter der Oberfläche – vom alten Klärwerk ins Literaturmuseum

Im ersten Teil unserer Prag-Reise ging es hoch hinaus. Diesmal beginnen wir einige Meter unter der Stadt – an einem Ort, den ich in einem Programm rund um tschechische Literatur eher nicht erwartet hätte.

Hier findet ihr den ersten Beitrag noch einmal zum Nachlesen:

Zugegeben, eine historische Abwasserreinigungsanlage wäre mir bei einer Reise rund um tschechische Literatur nicht unbedingt als Erstes eingefallen. Doch genau solche Abstecher machten das Programm so spannend. Wir stehen in einer mehr als hundert Jahre alten Kläranlage in Prag-Bubeneč. Über uns läuft der ganz normale Prager Alltag, vor uns führen gemauerte Gänge immer weiter unter die Erde.

Später werden wir sogar in ein kleines Boot steigen und im Schein unserer Lampen durch einen dunklen Kanal fahren. Aber vorher bekamen wir erst einmal eine Führung durch ein interessantes Stück  Prager Technikgeschichte.

 

Ein Stück Frankfurt unter Prag

Historische Maschinen im alten Klärwerk in Prag-Bubeneč

Die alte Kläranlage in Bubeneč entstand zwischen 1901 und 1906 als Teil des neuen Prager Kanalisationssystems. Prag wuchs Ende des 19. Jahrhunderts stark und brauchte dringend eine zeitgemäße Lösung für seine Abwässer. Nach einem Probebetrieb ab 1906 nahm die Anlage 1907 ihren regulären Betrieb auf und reinigte bis 1967 den größten Teil des Prager Abwassers. Vieles ist bis heute erhalten – von den unterirdischen Becken und Kanälen bis zu den historischen Maschinen. Die beiden Dampfmaschinen aus dem frühen 20. Jahrhundert sind sogar noch funktionsfähig.

Hinter dem neuen Kanalisationssystem stand William Heerlein Lindley. Er war britischer Bauingenieur, hatte aber einen engen beruflichen Bezug zu Deutschland. Als er in den 1890er-Jahren die Pläne für das Prager Kanalisationssystem ausarbeitete, war er als Baurat in Frankfurt am Main tätig. Auch an der dortigen Kläranlage in Niederrad hatte er maßgeblichen Anteil.

Da mussten wir tatsächlich alle ein wenig schmunzeln.

Wir waren nach Prag gereist, weil Tschechien Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026 ist und tief unter der Stadt begegnete uns plötzlich wieder Frankfurt. Mit solchen Querverbindungen rechnet man vorher nicht.

Historisches Klärwerk in Prag-Bubeneč Historische Maschinen im alten Klärwerk in Prag-Bubeneč

Lindleys Konzept war für seine Zeit ausgesprochen modern. Das Abwasser sollte weitgehend durch natürliches Gefälle zur Kläranlage gelangen, ohne dass es auf dem Weg dorthin gepumpt werden musste. In Bubeneč wurde es anschließend mechanisch gereinigt: Rechen hielten grobe Bestandteile zurück, Sand und andere schwere Stoffe setzten sich ab, später gelangte das Wasser in die Absetzbecken.

Und ein großer Teil davon spielte sich genau dort ab, wo wir nun gerade unterwegs waren.

Mit dem Boot durch den alten Kanal

Bootsfahrt durch einen unterirdischen Kanal des historischen Klärwerks in Prag

Am Ende unserer Führung ging es noch einmal tiefer hinein. Wir stiegen in ein kleines Boot und fuhren durch einen der dunklen unterirdischen Kanäle. Viel Beleuchtung gab es nicht. Nur die kleinen Lampen, die wir dabeihatten, warfen etwas Licht auf das alte Mauerwerk. Das hatte schon eine ganz eigene Atmosphäre.

Seit 2010 ist sie ein nationales Kulturdenkmal Tschechiens und steht außerdem seit 2020 auf der tschechischen Vorschlagsliste für das UNESCO-Welterbe.

Literatur hatten wir damit für diesen Vormittag allerdings keineswegs hinter uns gelassen: 

„Flora“ zwischen Rohren und Kanälen

Denn auch an diesem doch ziemlich unliterarisch wirkenden Ort trafen wir einen tschechischen Autor: Jonáš Zbořil. Und sein Roman Flora passte auf eine eigenartige Weise sogar ziemlich gut zu dieser Umgebung. Schließlich geht es darin um etwas Fremdes, das plötzlich da ist und seinen Platz in einer Welt finden muss, die stark vom Menschen geprägt ist.

Schriftsteller Jonáš Zbořil bei der Literaturreise in Prag

Jonáš Zbořil – Flora

Jonáš Zbořil, geboren 1988, ist Schriftsteller, Lyriker und Kulturjournalist. Literarisch begann er mit Gedichten: Sein Debüt Podolí wurde für den Jiří-Orten-Preis und den Magnesia-Litera-Preis nominiert. Auch in seinem zweiten Lyrikband Nová divočina beschäftigt er sich bereits mit Natur, Umwelt und den Folgen menschlicher Eingriffe. Flora ist sein erster Prosatext und führt einige dieser Themen weiter.

Jonáš Zbořil – Flora – übersetzt von Sophia Marzolff  >> Zum Buch

Was geschieht, wenn etwas vollkommen Fremdes plötzlich Fürsorge braucht?
Adam und Sára finden am Rand der Stadt ein seltsames Wesen, halb Pflanze, halb Tier, und nehmen es bei sich auf. Sie nennen es Flora. Während Sára zunehmend eine fast mütterliche Beziehung zu dem Wesen entwickelt, wächst bei Adam das Unbehagen.

Jonáš Zbořil macht aus dieser ungewöhnlichen Ausgangslage einen Roman über Elternschaft und Verantwortung. Gleichzeitig geht es um unser Verhältnis zur Natur und um eine Gegenwart, in der künstliche Intelligenz längst Teil des Alltags geworden ist.

Von einer alten Kläranlage führte unser Weg anschließend an einen Ort, bei dem der Zusammenhang mit Literatur wieder sehr viel offensichtlicher war: ins Muzeum literatury – das Prager Literaturmuseum. Der perfekte Ort, um weitere tschechische Autorinnen und Autoren zu treffen.

Muzeum literatury in Prag-Bubeneč

Muzeum literatury – das Prager Literaturmuseum

Das Muzeum literatury widmet sich der tschechischen Literatur und ihrem kulturellen Gedächtnis. In seinen Sammlungen bewahrt es Nachlässe, Manuskripte, Korrespondenzen, Fotografien und weitere Zeugnisse von Schriftsteller*innen und Künstler*innen. Seit 2022 hat das Museum seinen Sitz in Bubeneč und zeigt hier einen Teil seiner umfangreichen Bestände in einer eigenen Dauerausstellung.

Wie stellt man eigentlich Literatur aus?

Ein Buch oder Manuskript lässt sich in eine Vitrine legen. Aber das, was beim Lesen im Kopf passiert, eher nicht. Die Dauerausstellung Rozečtený svět (The World as an Open Book) versucht deshalb gar nicht erst, die tschechische Literaturgeschichte streng chronologisch abzuhaken. Stattdessen führen zehn Themen durch die Ausstellung. Zu sehen sind Manuskripte und Bücher, aber auch Kunstwerke, Filme, Tonaufnahmen und persönliche Gegenstände von Schriftsteller*innen.

Das gefiel mir: Man muss sich nicht von Jahreszahl zu Jahreszahl arbeiten oder eine Reihenfolge einhalten, sondern kann bei einzelnen Dingen hängen bleiben. Und bei einigen blieb ich tatsächlich länger stehen – ein paar Eindrücke davon seht ihr auf den Bildern.

Dauerausstellung im Muzeum literatury in Prag Dauerausstellung im Muzeum literatury in Prag Dauerausstellung im Muzeum literatury in Prag Ausstellung zur tschechischen Literatur im Muzeum literatury

Seit 2022 befindet sich das Museum in einer restaurierten Villa in Bubeneč. Auch sie bringt ihre eigene Geschichte mit: Erbaut wurde sie um 1930 für Marianne Gellert aus der deutschsprachig-jüdischen Familie Petschek. Die Familie verließ die Tschechoslowakei 1938, später wurde das Gebäude unter anderem als chinesische Botschaft genutzt. Heute sind hier wieder Bücher eingezogen.

Vier Autor*innen, vier ziemlich unterschiedliche Bücher

An diesem Vormittag blieb es im Museum nicht beim Blick in die tschechische Literaturgeschichte. Mit Petr Borkovec, Marie Iljašenko, Klára Vlasáková und Kristina Hamplová trafen wir vier Autor*innen, deren Bücher unterschiedlicher kaum sein könnten.

Petr Borkovec, Bianca Lipanská, Marie Iljašenko, Kristina Hamplová, Klára Vlasáková und Martin Krafl

Petr Borkovec, Bianca Lipanská, Marie Iljašenko, Kristina Hamplová, Klára Vlasáková & Martin Krafl

Kristina Hamplová – Lover/Fighter – übersetzt von Kathrin Janka  >> Zum Buch

Bei Kristina Hamplová wird gekämpft. Auf der Straße, in Beziehungen und irgendwann sogar um Wasser.
In vier Episoden springt sie von 2014 bis ins Jahr 2031 und begleitet eine junge Frau durch zunehmend bizarre Situationen. Eine nächtliche Verfolgungsjagd unter Mädchen gehört dazu, später eine Liebesbeziehung, die in einen handfesten Zweikampf mündet. Am Ende führt der Roman in eine überhitzte Zukunft.

Lover/Fighter ist wild, körperlich und ziemlich schräg. Gewalt zieht sich durch das Buch, verändert dabei aber immer wieder ihre Form. Das Debüt der 1997 geborenen Autorin wurde in Tschechien für wichtige Literaturpreise nominiert.

Marie Iljašenko – Menschen hören überhaupt nur sehr wenig – übersetzt von Julia Miesenböck  >> Zum Buch

Bei Marie Iljašenko lohnt es sich, den Blick einmal von den Menschen abzuwenden.
In ihren Gedichten folgt sie Fasanen und Turmfalken durch die Stadt, begegnet Mardern, Mäusen und Regenbogenforellen. Die Wege führen von Prag bis New York, nach Barcelona oder Tokio. Der Mensch ist dabei längst nicht immer die Hauptfigur, aber manchmal allerdings die größte Gefahr.

Menschen hören überhaupt nur sehr wenig ist Iljašenkos erster Gedichtband auf Deutsch. Neben Lyrik schreibt sie Prosa und Essays und übersetzt selbst zeitgenössische Literatur.

Klára Vlasáková – Die Kugel – übersetzt von Sophia Marzolff  >> Zum Buch

Und dann schwebt da plötzlich eine Kugel über einer tschechischen Kleinstadt.
Woher sie kommt, weiß niemand. Sie tut eigentlich nichts. Trotzdem verändert sich um sie herum immer mehr. Menschen werden kraftlos, andere geraten regelrecht in ihren Bann. Auch Otos Familie bleibt davon nicht verschont.

Ich fand vor allem diese Ausgangsidee stark: Da ist etwas vollkommen Unerklärliches, das einfach nur existiert und plötzlich treten all die Unsicherheiten und Spannungen der Menschen ringsherum umso deutlicher hervor.

Petr Borkovec – Den Stock aufheben – übersetzt von Lena Dorn  >> Zum Buch

Petr Borkovec kannte man lange vor allem als Lyriker. In Den Stock aufheben versammelt er kurze Prosatexte, in denen oft ganz kleine Beobachtungen den Anfang machen.

Er erinnert sich an seine Kindheit auf dem Hof der Großmutter in Mittelböhmen und an eine wenig erfolgreiche Karriere als Konzertakkordeonist. Er erzählt von der Tiernotrettung, von entomologischen Börsen und vom Schriftstellerleben. Immer wieder spielt auch Italien eine Rolle. Gerade diese scheinbar nebensächlichen Dinge interessieren Borkovec. Er schaut sehr genau hin und aus einer kleinen Beobachtung entsteht eine Geschichte.

Die Buchvorstellungen und die ausführlichen Gespräche, die Martin Krafl, Direktor des Tschechischen Literaturzentrums und Programmdirektor des tschechischen Ehrengastauftritts, mit den Autor*innen führte, haben mich allesamt neugierig gemacht. Drei der fünf Bücher habe ich inzwischen bereits gelesen, mehr dazu wird es bald hier auf dem Blog geben.

Und an dieser Stelle gehört noch jemand unbedingt erwähnt: Bianca Lipanská. Sie begleitete uns als Dolmetscherin während der gesamten Reise und übersetzte die Gespräche mit den Autor*innen für uns ins Deutsche. Bei den vielen Begegnungen, Buchvorstellungen und unseren spontanen Fragen war sie ständig im Einsatz und machte auch längere Gespräche unmittelbar für uns zugänglich. Ein großes Dankeschön dafür an dieser Stelle!

Eine schöne Gelegenheit, die Autor*innen selbst zu erleben, gibt es schon bald: Jonáš Zbořil, Kristina Hamplová, Marie Iljašenko, Klára Vlasáková und Petr Borkovec werden im Oktober alle nach Frankfurt reisen. Sie gehören zur offiziellen Delegation von 75 tschechischen Autor*innen, die beim Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse dabei sein werden.

Es lohnt sich also sehr, das Programm im tschechischen Ehrengastpavillon im Blick zu behalten. Dort sind während der fünf Messetage mehr als 100 literarische und kulturelle Veranstaltungen geplant. Sobald das konkrete Messeprogramm mit allen Terminen steht, werde ich hier natürlich ebenfalls noch genauer darauf eingehen.

Ausstellung zur tschechischen Literatur im Muzeum literatury

Für uns ging es an diesem Tag noch weiter. Am Nachmittag ließen wir Prag hinter uns und fuhren nach Kersko, auf den Spuren von Bohumil Hrabal. Diesen besonderen Ort möchte ich aber nicht noch ans Ende dieses ohnehin schon gut gefüllten Beitrags hängen. Kersko bekommt seinen eigenen Platz im nächsten Teil.

Schaut wieder vorbei!

 

Ehrengast Tschechien: weiterlesen, weiterhören, weiterschauen

Tschechien  präsentieren sich als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026. Wer tiefer eintauchen möchte, findet aktuelle Informationen und Veranstaltungshinweise unter:
🔗 Website:  czechia2026.com
📸 Instagram:  @czechia2026de
📘 Facebook:  Tschechien: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026

Alle Beiträge zum Ehrengast Tschechien 2026:

Hier findet ihr alle Reiseberichte, Buchtipps und Beiträge zum Ehrengast Tschechien auf einen Blick.

🔗 Zur Themenseite Tschechien

Auch auf meiner eigenen Instagram-Seite @alex_coffee_books habe ich viele Eindrücke zur Reise nach Tschechien gesammelt – Bilder, Stories und literarische Schnappschüsse. All das findet ihr in den Highlights.

2026, Alexandra Stiller

Logo: © https://czechia2026.com/
Fotos © Alexandra Stiller, buecherkaffee.de
Transparenz: Die Beiträge entstehen in Kooperation mit der Mährischen Landesbibliothek zum Ehrengastauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse 2026. Die Reise erfolgte auf Einladung.

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Bohumil Hrabal in Kersko: Sein Haus und seine Bücher 10. September 2026 - 18:08

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Literarisches Prag: Franz Kafka, Karlsbrücke & Book Tower 26. September 2026 - 13:00

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Liberec & Jablonec: Literaturreise durch Nordböhmen 27. September 2026 - 15:35

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Prag literarisch entdecken: Klementinum, Orloj & Tschechien 2026 27. September 2026 - 18:42

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