Literaturreise Tschechien: Prag von oben – Küste, Orloj und das Klementinum

by Alexandra Stiller
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Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026 · Teil 1

Literaturreise durch Prag zum Ehrengast Tschechien der Frankfurter Buchmesse 2026

Prag und die Sache mit der Küste

Prag zieht langsam an uns vorbei. Die Häuser am Moldauufer, die Brücken, dahinter die Türme der Altstadt. Es ist unser erster Abend in Tschechien und wir sitzen auf einem Schiff mitten auf der Moldau. Gesprochen wird über eine Küste und das ist einigermaßen erstaunlich, schließlich sind wir gerade in einem Land, das weit und breit kein Meer hat.

„Tschechien: Ein Land an der Küste“ lautet das Motto, unter dem sich Tschechien 2026 als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse präsentiert. Und die Geschichte hinter diesem Satz beginnt einige Jahrhunderte früher bei William Shakespeare.

Doch dazu gleich mehr.

Ich war im April auf Einladung von Czechia2026 für einige Tage in Tschechien unterwegs. Die Pressereise führte von Prag weiter nach Liberec und Jablonec. Prag haben wir auf dieser Reise aus ziemlich unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt: wir blickten von oben über die Dächer der Stadt, erfuhren, wie man hier früher die genaue Mittagszeit bestimmte und standen vor einer Bibliothek, die ich schon lange einmal sehen wollte.

Danach ging es in die entgegengesetzte Richtung: hinunter unter die Stadt. Und später ließen wir Prag sogar ganz hinter uns und fuhren nach Kersko, auf den Spuren von Bohumil Hrabal. Auf unserer Tour trafen wir natürlich immer wieder tschechische Autor*innen. Einige ihrer Bücher kannte ich bereits, andere kamen nach der Reise direkt auf meine Leseliste.

Für einen einzigen Beitrag wäre das alles viel zu viel, also bleiben wir fürs Erste in Prag.

Blick vom Altstädter Rathausturm über Prag

Böhmen am Meer – und Shakespeare ist schuld

 Zurück auf die Moldau und zu dieser merkwürdigen Küste. Sie stammt aus Shakespeares Wintermärchen.  Darin liegt Böhmen tatsächlich am Meer. Ein geografischer Fehler? Künstlerische Freiheit? Darüber wird bis heute diskutiert.

ANTIGONUS.
Thou art perfect then, our ship hath touched upon
The deserts of Bohemia?

William Shakespeare, The Winter’s Tale

Als wichtigste Vorlage für das Wintermärchen gilt Robert Greenes 1588 erschienene Erzählung Pandosto. Shakespeare übernahm einige Teile der Handlung, vertauschte dabei allerdings die Schauplätze Böhmen und Sizilien. So bekam das Binnenland Böhmen wohl seine berühmte Küste.

Für den tschechischen Ehrengastauftritt wurde aus Shakespeares Böhmen am Meer ein Leitmotiv. Die Küste steht für die Verbindung der tschechischen Literatur mit dem Ozean der Geschichten. Ich mag die Idee schon deshalb, weil man einfach immer wieder über dieses Motto stolpert. Man versteht es nicht sofort und möchte wissen, was genau dahintersteckt. Und während wir mit dem Boot auf der Moldau unterwegs waren und Prag draußen langsam vorbeizog, passte dieses geografisch unmögliche Meer ziemlich gut zu unserem ersten Abend.

Zwei Bücher zum Dinner

Anna Beata Háblová (Die Schicht) und Marek Torčík (Was die Zeit nicht nimmt)

Anna Beata Háblová und Marek Torčík

Nach dem Dinner wurde es literarisch. Anna Beata Háblová und Marek Torčík stellten uns ihre Bücher vor und erzählten uns einiges über den Entstehungsprozess ihrer Texte. Beide werden im Oktober ebenfalls nach Frankfurt reisen, denn sie gehören zur offiziellen Delegation von 75 tschechischen Autor*innen, die beim Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse dabei sein werden.

Anna Beata Háblová – Die Schicht – übersetzt von Julia Miesenböck >> zum Buch

Ein Supermarkt ist der Schauplatz von Anna Beata Háblovás Roman. Petra sitzt an der Kasse. Tag für Tag dieselben Abläufe, dieselben Waren und immer neue Menschen vor ihr. Eigentlich möchte sie Künstlerin sein. Als sie für eine Kollegin ein Bild malt, beginnt die Sache zunehmend von ihr Besitz zu ergreifen.

Háblová schaut sehr genau auf einen Arbeitsalltag, der wenig Platz für eigene Wünsche lässt, und auf die Frage, was von der Kreativität übrig bleibt, wenn für sie eigentlich weder Zeit noch Raum vorgesehen sind.

Marek Torčík – Was die Zeit nicht nimmt – übersetzt von Mirko Kraetsch >> Zum Buch 

Bei Marek Torčík beginnt alles mit einem nächtlichen Anruf seiner Mutter. Von dort führt der Roman zurück in seine Kindheit und Jugend im mährischen Přerov. Es sind schwierige Erinnerungen. Armut und Alkohol spielen in der Familie eine Rolle, in der Schule erlebt Marek Mobbing. Gleichzeitig wächst er als queerer Jugendlicher in einem Umfeld auf, in dem das alles andere als einfach ist.

Ungewöhnlich ist die Erzählweise: Torčík schreibt in der Du-Perspektive. Dadurch entsteht beim Lesen eine besondere Nähe zu diesem jüngeren Ich, auf das der erwachsene Erzähler zurückblickt.

Eine Uhr, für die alle stehen bleiben

Der Prager Orloj - die astronomische Uhr am Altstädter Rathaus

Der Prager Orloj – die astronomische Uhr am Altstädter Rathaus

Es gibt in Prag einen ziemlich zuverlässigen Hinweis darauf, dass gleich eine volle Stunde beginnt: Auf dem Altstädter Ring bleiben immer mehr Menschen stehen und schauen nach oben. Im Blick: der Prager Orloj.

Die astronomische Uhr am Altstädter Rathaus hängt hier seit mehr als 600 Jahren. Ihre ältesten Teile stammen aus dem Jahr 1410 und sie gehört zu den ältesten astronomischen Uhren der Welt, die noch in Betrieb sind. Zur vollen Stunde öffnen sich zwei kleine Fenster und die zwölf Apostel ziehen vorbei. Auch rund um das Zifferblatt setzt sich einiges in Bewegung. Besonders leicht zu erkennen ist der Tod: ein Skelett, das die Glocke läutet. Am Ende kräht der Hahn und die volle Stunde schlägt.

Aber der Orloj kann wesentlich mehr, als nur die Uhrzeit anzeigen. Auf dem astronomischen Zifferblatt lassen sich etwa die Position von Sonne und Mond ablesen. Gleichzeitig zeigt es verschiedene Arten der Zeitmessung. Darunter befindet sich die Kalenderscheibe. Mehr als sechs Jahrhunderte später schafft es diese Uhr noch immer, dass Hunderte Menschen ihre Köpfe gleichzeitig in den Nacken legen. Das Schauspiel dauert nur wenige Minuten und ist ein sicherer Publikumsmagnet mitten in Prag.

Zwischen Büchern, Globen und Sternen: das Klementinum

Auf das Klementinum hatte ich mich besonders gefreut. Vor allem auf die berühmte Barockbibliothek, die ich bis dahin nur von Bildern kannte: hohe dunkle Bücherregale, historische Globen und darüber die reich bemalte Decke. Solche Orte sehen auf Fotos manchmal fast zu perfekt aus und verlieren ihren Zauber, sobald man tatsächlich davorsteht. Beim Klementinum war es genau umgekehrt.

Barockbibliothek im Klementinum in Prag

Der Bibliothekssaal macht allerdings nur einen kleinen Teil des Klementinums aus. Mitten in der Prager Altstadt erstreckt sich ein weitläufiger historischer Gebäudekomplex, der nach der Prager Burg der zweitgrößte der Stadt ist. Seine Geschichte reicht bis ins Mittelalter zurück.

Entscheidend geprägt wurde das Klementinum von den Jesuiten, die 1556 nach Prag kamen und hier ein Kolleg gründeten. Über die folgenden zwei Jahrhunderte wuchs der Komplex stetig. Neben Räumen für Unterricht und wissenschaftliche Arbeit entstanden eine Druckerei und ein Theater. Auch die Bibliothek wurde immer weiter ausgebaut.

Ihren berühmten barocken Saal erhielt sie 1722. Die Decke schmücken Fresken von Jan Hiebl, zwischen den Bücherregalen stehen historische Erd- und Himmelsgloben sowie astronomische Instrumente. Diese Mischung macht den Raum so besonders und diese Verbindung von Büchern und Astronomie zieht sich durch das Klementinum. Denn nach der Bibliothek ging es für uns weiter nach oben.

Wie Prag früher wusste, wann Mittag ist

Im Astronomischen Turm wurde seit dem 18. Jahrhundert der Himmel beobachtet. 1775 begann der Mathematiker und Astronom Antonín Strnad hier mit regelmäßigen meteorologischen Messungen. Die Prager Messreihe gehört heute zu den längsten kontinuierlich geführten Wetteraufzeichnungen der Welt.

Astronomischer Turm des Klementinums in Prag

Spannend fand ich auch, welche Rolle der Turm früher für die Zeitmessung in Prag spielte, denn von hier aus wurde täglich die Mittagszeit signalisiert. Zunächst geschah das mit einer Fahne, später wurde das Signal mit einem Kanonenschuss von der Prager Burg verbunden. So wussten die Menschen unten in der Stadt ziemlich genau, wann es zwölf Uhr war.

Unser Rundgang führte noch weiter hinauf bis zur Galerie des Turms. Von dort öffnet sich der Blick über die Prager Altstadt: ein dichtes Meer aus Dächern, dazwischen Kirchtürme und Kuppeln, in der Ferne die Prager Burg. Nach dem eher gedämpften Licht der Bibliothek und den engen Treppen auf dem Weg nach oben steht man hier plötzlich im Freien und kann weit über die Stadt schauen.

Blick vom Astronomischen Turm des Klementinums über Prag

Es sollte während dieser Tage nicht mein einziger Blick von oben auf Prag bleiben, denn auch den Turm des Altstädter Rathauses haben wir bestiegen. Seine Aussichtsgalerie liegt in 42 Metern Höhe und bietet noch einmal eine andere Perspektive. Im Inneren des historischen Turms fährt ein moderner gläserner Aufzug. Ein interessanter Kontrast in einem Rathaus, dessen Geschichte bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht.

Blick vom Astronomischen Turm des Klementinums über Prag Nachdem es in diesem ersten Teil hoch über die Dächer Prags ging, wechseln wir im nächsten die Richtung. Und zwar ziemlich deutlich, denn es ging hinunter in den Prager Untergrund. Eine historische Kläranlage hatte ich vor der Reise jedenfalls nicht unbedingt auf meiner Liste literarischer Orte.

Warum wir trotzdem dort landeten, was diesen Ort so faszinierend macht und welchem Autor wir ausgerechnet dort begegneten, erzähle ich im nächsten Beitrag. Danach geht es weiter ins Prager Literaturmuseum und damit wieder sehr viel offensichtlicher zurück zu den Büchern.

Es gibt also noch einiges zu erzählen aus Prag. Schaut wieder vorbei!

 

Ehrengast Tschechien: weiterlesen, weiterhören, weiterschauen

Tschechien  präsentieren sich als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026. Wer tiefer eintauchen möchte, findet aktuelle Informationen und Veranstaltungshinweise unter:
🔗 Website:  czechia2026.com
📸 Instagram:  @czechia2026de
📘 Facebook:  Tschechien: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026

Alle Beiträge zum Ehrengast Tschechien 2026:

Hier findet ihr alle Reiseberichte, Buchtipps und Beiträge zum Ehrengast Tschechien auf einen Blick.

🔗 Zur Themenseite Tschechien

Auch auf meiner eigenen Instagram-Seite @alex_coffee_books habe ich viele Eindrücke zur Reise nach Tschechien gesammelt – Bilder, Stories und literarische Schnappschüsse. All das findet ihr in den Highlights.

2026, Alexandra Stiller

Logo: © https://czechia2026.com/
Fotos © Alexandra Stiller, buecherkaffee.de
Transparenz: Die Beiträge entstehen in Kooperation mit der Mährischen Landesbibliothek zum Ehrengastauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse 2026. Die Reise erfolgte auf Einladung.

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Prag unter der Oberfläche: Klärwerk & Literaturmuseum 10. September 2026 - 11:36

[…] ersten Teil unserer Prag-Reise ging es hoch hinaus. (>> hier geht es zu Teil 1)  Diesmal beginnen wir einige Meter unter der Stadt – an einem Ort, den ich in einem Programm […]

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Bohumil Hrabal in Kersko: Sein Haus und seine Bücher 10. September 2026 - 18:03

[…] Teil 1: Literaturreise Tschechien: Prag von oben – Küste, Orloj und das Klementinum […]

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Literarisches Prag: Franz Kafka, Karlsbrücke & Book Tower 26. September 2026 - 12:58

[…] Teil 1: Literaturreise Tschechien: Prag von oben – Küste, Orloj und das Klementinum […]

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Liberec & Jablonec: Literaturreise durch Nordböhmen 27. September 2026 - 15:33

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