Isabela Figueiredo | Die Dicke

by Alexandra Stiller
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Kooperation | Gastland Portugal

Isabela Figueiredo | Die Dicke Rezension

„Ohne Brot beisst mich mein schwarzes Biest, Herr Doktor, und die Leere tut mir weh. Und da ich nicht ohne Brot auskommen kann, dachte ich mir, Sie könnten mir vielleicht helfen, dieses Biest zu amputieren.“

Wow, ich bin ehrlich schwer beeindruckt von Die Dicke, denn in dieser vielschichtigen Geschichte bricht die portugiesischen Schriftstellerin Isabela Figueiredo nicht nur mit den westlichen Schönheitsidealen sondern greift auch wichtige Themen wie Portugals Kolonialgeschichte, Rassismus und Ausgrenzung auf. Ihre eigene Vergangenheit ist mit eingeflossen, doch als Autobiografie möchte sie „Die Dicke“ nicht sehen und sagt daher: „Alle beschriebenen Figuren, Orte und Situationen sind reine Fiktion und pure Realität.“

Maria Luísa wird als Kind gemobt, beschimpft und beleidigt. Sie erlebt Ausgrenzung und Einsamkeit hautnah, wird auf ihren fülligen Körper reduziert. Doch sie ist eigensinnig und intelligent und geht ihren Weg. Aber ihr Körper will den „Normalzustand“ nicht akzeptieren, er lässt sich nicht einschränken und in Ecken zwängen. Als Erwachsene lässt sie sich den Magen operativ verkleinern und denkt über ihr Leben, ihre Herkunft und ihre Erfahrungen nach.

„Vierzig Kilo sind ein respektables Gewicht. Die habe ich nach meiner Magenverkleinerung verloren. Es war eine Art zweiter Körper, den ich da mit mir herumtrug. Mit mir herumschleppte, besser gesagt. Es war, als hätten die Ärzte mich von einem siamesischen Zwilling getrennt, der vor lauter Kummer Selbstmord begangen hatte, und mir dann gesagt: ‚Wir haben unsere Arbeit getan, tun sie jetzt die Ihre, und kommen Sie klar damit. Lernen Sie, allein zu leben.‘ „

Isabela Figueiredo | Die Dicke

Die Aufteilung des Romans ist einfach großartig, denn Maria Luísa nimmt uns mit in ihr Zuhause. Wir gehen durch die Räume ihrer Wohnung, in der sie zusammen mit den Eltern nach deren Rückkehr aus Mosambik lebte. Ein Platz der Wiedervereinigung, denn diese Wohnung ist das erste richtige Zuhause nach der langen Trennung. Aber sie ist auch ein Rückzugsort, ihr Schutz vor den Grausamkeiten dieser Welt. 

„Die Jugend ist ein tiefer Brunnen voller Grausamkeiten, Atrium des späteren Lebens, aus dem man nicht ohne blaue Flecke rauskommt.“ 

Jede Kapitelüberschrift steht für ein Zimmer

… und jedes Zimmer wiederum für ein Thema. Gedanken und Erinnerungen aus unterschiedlichen Momenten ihres Lebens vermischen sich beim Anblick von Möbelstücken und Gegenständen und dadurch ergibt sich ein nicht linearer Verlauf ihrer Erzählung. Sie springt hin und her, greift wieder etwas auf, vertieft ein vorheriges Thema in einem anderem Raum. Der Grundriss der Wohnung verbindet aber alles und es ist wie es jeder kennt: in einem Zuhause geht nichts verloren, alles findet sich wieder.

Ein bewegender Roman über das (harte) Leben und die Liebe, über Familie und Konflikt, über Tod und Einsamkeit. 

© 2022, Alexandra Stiller

Original Titel: A Gorda – Übersetzung: Marianne Gareis

Blogtransparenz: bezahlte Werbung. Dieser Beitrag ist in honorierter Zusammenarbeit mit Literaturtest / Camões Berlim entstanden.

 

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