Rebecca Donner | Mildred

by Jürgen Fottner
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Die Geschichte der Mildred Harnack und ihres leidenschaftlichen Widerstands gegen Hitler

Cover © kanon verlag

In kaum einer Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus waren Frauen so stark und auch aktiv vertreten wie bei der „Roten Kapelle“. Mildred Harnack gehörte dabei zu den wichtigen, aber leider viel zu wenig bekannten Akteurinnen, was Rebecca Donner mit ihrer Biografie ändern möchte.

Widerstand anders erzählt

Rebecca Donner konnte für dieses Buch auf neue Dokumente zugreifen und hat als Urgroßnichte Mildred Harnacks natürlich auch einen sehr persönlichen Zugang. Umso spannender liest sich die Geschichte dieser faszinierenden Frau, die als US-Amerikanerin in Deutschland mit ihrem Mann Arvid Harnack und dem Ehepaar Schulze-Boysen zum Kern von insgesamt über 150 Menschen gehörte, welche die Gestapo unter dem Namen „Rote Kapelle“ zusammenfasste. Mildred wurde dafür am 16. Februar 1943 in Plötzensee durch die Guillotine ermordet, nachdem Adolf Hitler selbst sich weigerte, eine Freiheitsstrafe zu bestätigen und damit das Urteil einer weiteren Verhandlung vor dem Reichskriegsgericht schon im Vorfeld klar war: Tod.

„Mildred“ ist aber nicht nur eine Biografie der Frau im Titel, sondern auch eine Erzählung über Donald Read Heath jr., kurz Don, oder wie er in den entsprechenden Kapitelüberschriften genannt wird: „Der Junge“. Als unauffälliger Schüler diente er Mildred als Bote geheimer Nachrichten, die er in seinem Schulranzen unauffällig überbrachte. Die Autorin konnte Don vor seinem Tod für ihr Buch auch noch persönlich befragen.

Rebecca Donner schreibt ganz in der Art angloamerikanischer Geschichtsschreibung – für uns akademisch geprägte Mitteleuropäer ist das manchmal gewöhnungsbedürftig; Sätze wie der folgende würde man in einem deutschsprachigen wissenschaftlichen Text schwer finden: „Mildred hält sich nicht lange mit dem Frühstück auf. Ein letzter Schluck Kaffee, und sie ist schon wieder auf den Beinen, stellt Tasse und Untertasse in die Spüle und wischt sich Krümel vom Mund.“ (S. 51)

Gleichzeitig bietet aber diese oft romanhaft wirkende Art des Erzählens einen besseren Zugang, die Situation einer Widerstandskämpferin im täglichen Versteckspiel wenigstens ansatzweise zu erahnen:

„Sie ist Mildred Harnack. Manchmal ist sie Mildred Fish-Harnack. Manchmal ist sie Mildred Harnack-Fish.

Sie ist eine Frau.

Sie ist eine Ehefrau.

Sie ist eine Amerikanerin.

Manchmal ist sie eine amerikanische Anführerin einer deutschen Widerstandsgruppe. Manchmal ist sie die amerikanische Ehefrau eines Deutschen im Widerstand. Manchmal ist sie die amerikanische Frau eines Nazis.

Früher einmal wusste Mildred, wer sie ist. Jetzt nicht mehr.“ (S. 260)

Natürlich erhält dadurch die eine oder andere Aussage einen leicht spekulativen Charakter, aber die rein faktenbasierte, akademische Herangehensweise erzeugt dafür eine Distanz, die ein Verständnis der Person auch erschweren kann. Vielleicht ist keine der beiden Varianten die allein richtige, sondern sie ergänzen sich gegenseitig. 

Kritik:

Vorweg: Der wahrscheinlich größte Kenner der Geschichte der „Roten Kapelle“ und Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Johannes Tuchel, hat „Mildred“ in einem Artikel sehr kritisch betrachtet, der Verlag hat darauf mit einer Verteidigung reagiert – doch diese Auseinandersetzung soll hier keine Rolle spielen.

Unbestritten ist jedes Buch über die sogenannte Rote Kapelle wichtig, denn die Mitglieder wurden viel zu lange vergessen, verleumdet, falsch dargestellt. Allerdings erweckt „Mildred“ den Eindruck, als seien die Frauen dieser Gruppe allgemein und Mildred Harnack im Besonderen bisher in der Forschung stiefmütterlich behandelt worden. Das ist nicht korrekt, es gibt dazu gerade in der deutschsprachigen Forschung einige Aufsätze und Bücher, in denen die besondere Bedeutung der Frauen in diesem Netzwerk herausgehoben werden.

Mildred Harnack war für den Widerstand der „Roten Kapelle“ wichtig und viel mehr als nur die Ehefrau des bekannteren Arvid. Das wieder in Erinnerung zu rufen und zu untermauern ist der große Verdienst dieser Biografie. Und doch birgt genau dies den größten Kritikpunkt an Rebecca Donners Buch. Um Mildreds Stellung hervorzuheben, wertet sie die Bedeutung der anderen deutlich herab.

Da wird Libertas Schulze-Boysen im Nebensatz als Verräterin abgewatscht, was weder ganz falsch ist noch aber der tatsächlichen Situation gerecht wird. Die Betrachtung erweckt den Eindruck, als sei der Widerstand der „Roten Kapelle“ ein Kuchen, bei dem alle weniger abbekommen, wenn eine/r ein größeres Stück erhält als ursprünglich gedacht. Wer dieses Buch gelesen hat, wird nie begreifen, wie wichtig viele andere, gerade auch Harro Schulze-Boysen, Arvid Harnack, Hans Coppi, Cato Bontjes van Beek und viele mehr waren.

Fazit:

Wer sich mit der „Roten Kapelle“ und Mildred Harnack schon auseinandergesetzt hat, kann mit diesem Buch neue Erkenntnisse und interessante Fakten kennenlernen, gerade auch aufgrund der neuen Quellen. Alle, für die „Mildred“ der erste Kontakt mit diesem Widerstandsnetzwerk ist, werden mit einem getrübten und dem gesamten Komplex nicht gerecht werdenden Bild aus der Lektüre gehen.

© Rezension: 2023, Jürgen Fottner

Blogtransparenz: unbezahlte Werbung; kostenloses Rezensionsexemplar vom Verlag – vielen Dank an den kanon verlag

 

 

Mildred. Die Geschichte der Mildred Harnack und ihres leidenschaftlichen Widerstands gegen Hitler Book Cover Mildred. Die Geschichte der Mildred Harnack und ihres leidenschaftlichen Widerstands gegen Hitler
Rebecca Donner | Aus dem Englischen übersetzt von Laura Su Bischoff, Sabine Franke und Erich Ammereller
Sachbuch
kanon verlag | ISBN 978-3-98568-047-4
2022
Hardcover
613 Seiten
kanon-verlag.de
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