Rezension | 41 Rue Loubert | Mara Ferr

by Alexandra Stiller

Louise steht kurz vor ihrem sechzigsten Geburtstag und für sie ist eines klar: Diesen wird sie nicht mehr in Paris feiern. Louise bereitet sich akribisch auf ihren wohlverdienten Ruhestand vor, fernab von allem Trubel und von ihren Bekanntschaften. Keiner soll und wird je erfahren, wo ihre Zukunftspläne sie hinführen werden. Doch vorher gilt es noch einiges zu regeln.

Louise ist eine Edelhure mit exzellentem Ruf. Ihre “Bekannten” , die sie regelmäßig in der 41 Rue Loubert besuchen, stammen aus feinster Pariser Gesellschaft. Trotz ihre hohen Alters ist sie eine strahlende Schönheit, die von Würde und Eleganz unterstrichen wird – sie ist Dame durch und durch.

Doch ist das alles nur Fassade? Der Ermittlungsleiter Marcel versucht, hinter diese Fassade zu blicken, denn achtzehn verschwundene Männer machen der Pariser Polizei sehr zu schaffen. Der Verdacht fällt schnell auf Louise, immerhin wurden einige dieser Herren in der Rue Loubert gesichtet. Doch Louise bleibt gelassen – bis eine erschütternde Erkenntnis alles aus den Fugen geraten lässt …

Die Autorin Mara Ferr hat mit “41 Rue Loubert” ein wahres Glanzstück als Debüt-Roman vorgelegt. Ein Kriminalroman, der Seinesgleichen sucht, denn sie hat es geschafft, ernste Tabu-Themen wie Prostitution und den Umgang mit behinderten Menschen ohne Scheu anzupacken und auf eine schon fast nüchterne, aber sehr ehrliche Weise zu präsentieren. Schönmalerei sucht man hier vergebens.

Man wird sofort in das Geschehen hinein katapultiert und wo man sich Anfangs vielleicht über die Härte Louise´s gegenüber dem behinderten Luc wundert oder gar affektiert, versteht man später doch einiges mehr, versteht die Beweggründe – auch wenn man sie vielleicht nicht toleriert.

Da der Roman aus der Sicht des allwissenden Erzählers geschrieben wurde, erhält man einen guten und zum Teil auch klärenden Einblick hinter die Fassaden der beteiligten Personen. Man erhält die Möglichkeit, sich in die einzelnen Personen hinein zu versetzen und man wird ebenfalls dazu angeregt, sich über die einzelnen Charaktere seine Gedanken zu machen. Die Kapitel springen zwischen diesen Charakteren in einer zeitlich chronologischen Reihenfolge hin und her und so knüpft sich langsam, aber sicher ein Netz aus Verbindungen. Das Puzzle setzt sich langsam zusammen.

Die Spannung kann bis zuletzt auf dem selben Level gehalten werden. Etwas, dass ich sehr lobenswert finde. Denn erst kurz vor dem Ende fügt sich das letzte Puzzleteil ein, es “fällt der Groschen” – Mara Ferr wartet mit einer Überraschung auf, die ich persönlich nicht bewusst vorhergesehen habe. Louises eigentliche Taten werden zwar schnell durchschaut, doch was sind ihre Beweggründe?

Der Schreibstil ist, wie bereits erwähnt, nüchtern, knackig und prägnant und die Sprache selbst sehr süffisant und elegant – wie Loise eben auch. Loise ist eine Frau, die ihren Weg im Leben unbeirrt gemeistert hat. Trotz des Elends, dass ihr schon in jungen Jahren widerfuhr, ließ sie sich niemals unterkriegen und verlor vor allem niemals den Glauben an sich selbst, ihren Stolz und ihre Würde. Sie verkaufte ihren Körper, aber niemals ihren Geist. In ihrem Beruf als Hure bestimmt sie, wo es lang geht. Ihr guter Ruf eilt ihr vorraus und auch finanziell hat sie schnell ihre Schäfchen im Trockenen. Sie hat unter ihren “Freunden”, wie sie ihre Stammkunden gerne nennt, auch wahre Freundschaften fürs Leben geschlossen. So auch mit Luc´s Vater Hendrik. Ein Vater, der vollkommen in der Liebe zu seinem Sohn aufgeht und alles daran setzt, dass es Luc gut geht und er immer gut versorgt sein wird. Es besteht eine besondere Verbindung zwischen Loise und Hendrik – eine Verbindung, die man fast als Liebe bezeichnen könnte.

Die Darstellung aller Charaktere ist sehr ansprechend und auch authentisch. Sie sind alle nicht perfekt, haben Ecken und Macken. Sie alle sind Menschen mit gutem Willen und Charakter, die aber doch nicht gefeit sind vor kleinen Fehlern. Eben einfach menschlich …

Persönliches Fazit:

“41 Rue Loubert” hat mich auf eine ganz eigene, spezielle Art und Weise fasziniert. Ich war von Beginn an von der Schreibweise gefesselt, der gepflegte, elegante Ton Louises zog sich wie ein roter Faden durch das Buch. Nüchtern, knapp und doch so spannend, dass ich das Buch immer nur schwerlich aus der Hand legen konnte. Ich wollte unbedingt mehr über diese unnahbare Frau erfahren und wurde mitgerissen auf einer Achterbahn der Gefühle zwischen Schuld und Unschuld, Gut und Böse. Warum tat sie, was sie tat? War sie wirklich so hart und gelassen oder ruhte in ihr etwa doch eine Frau mit zerbrechlichem Charakter?

2012, © Alexandra Zylenas

41 Rue Loubert
Mara Ferr
Kriminalroman
tredition
2012
Paperback, 256 Seiten
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1 comment

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BookLover 3. Juli 2012 - 7:32

Liebe Alexandra,

ich habe deine Rezension eben gelesen und gehe total konform mit deinem Eindruck.
Ich habe es auch sehr genossen diesen Abstecher nach Paris zu machen. Wenn Du Lust hast, würde ich mich freuen, wenn Du meine mal “gegenliest” 🙂

LG Katy (BookLover)

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