Rezension: Dunkelgrün fast schwarz | Mareike Fallwickl

by Alexandra

Raffael, der Selbstbewusste mit dem entwaffnenden Lächeln, und Moritz, der Bumerang in Raffaels Hand: Seit ihrer ersten Begegnung als Kinder sind sie unzertrennlich, Raffael geht voran, Moritz folgt. Moritz und seine Mutter Marie sind Zugezogene in dem einsamen Bergdorf, über die Freundschaft der beiden sollte Marie sich eigentlich freuen. Doch sie erkennt das Zerstörerische, das hinter Raffaels stahlblauen Augen lauert. Als Moritz eines Tages aufgeregt von der Neuen in der Schule berichtet, passiert es: Johanna weitet das Band zwischen Moritz und Raffael zu einem fatalen Dreieck, dessen scharfe Kanten keinen unverwundet lassen. Sechzehn Jahre später hat die Vergangenheit die drei plötzlich wieder im Griff, und alles, was so lange ungesagt war, bricht sich Bahn – mit unberechenbarer Wucht. [Text & Cover: © Frankfurter Verlagsanstalt]

Schon lange verfolge ich Mareike Fallwickls Blog Bücherwurmloch und ich mag ihren Stil, ihre Texte sehr. Als ich erfuhr, dass sie nun einen eigenen Roman geschrieben hat, freute mich das ungemein. Dass sie wahrlich schreiben kann, stellt sie immer wieder aufs Neue unter Beweis – als Texterin, Lektorin, Bloggerin und Kolumnistin.

Zuerst habe ich etwas gezögert, da Dunkelgrün fast schwarz seit Erscheinen der Frühjahrsvorschauen in aller Bloggermunde war und ist und ich das Gefühl bekam, dass es mich vielleicht befangen machen könnte, das Buch vorzustellen. Weil: Wie sieht es mit der Glaubwürdigkeit aus, wird diese nicht eventuell infrage gestellt werden? So von Bloggerin zu Bloggerin? Oder was ist gar, wenn mir das Buch nicht zusagt?

Doch meine (wahrscheinlich sehr unnötigen) Bedenken zerstreuten sich nach und nach, ich suchte den Austausch mit anderen und bin heute sehr, sehr froh darüber. Ich tauschte mich mit Petzi von die Liebe zu den Büchern und mit meinem #buddyread-Kollegen Florian @Literarischernerd aus. (Beide haben auf ihren Kanälen schon über das Buch berichtet, unbedingt lesen!)

Ausschlaggebend war dann letztlich die großartige Post, die ich von Florian bekam: Ein Exemplar des Buches mit all seinen Markern und Notizen darin! Das bereicherte mich ungemein, intensivierte meinen Leseprozess. Ich ergänzte direkt meine Notizen und Marker und wir schrieben uns zum Gelesenen. So entstand quasi wieder eine Art #buddyread auf dem Postweg. MERCI!

„Das Grün ist dunkler geworden, viel dunkler, tief und massiv, fast schwarz.“ S.39

480 Seiten dick kommt ihr Werk daher und ich habe es in drei Abenden regelrecht verschlungen. Schon nach kurzer Zeit war ich geflasht von der lebhaften Sprache, die mitreisst. Von den vielen klugen und schönen Sätzen, die ich in Masse angemarkert habe. Ich war erstaunt, selten war ich alleine vom Ton, von der Sprache schon so unglaublich eingenommen und begeistert. Ehrlich, aber einfühlsam und machmal hart, kein Weichgespüle, keine unnötigen Umschreibungen, kein Blümchensex…

Ich wurde in dieses kleine Bergdorf Hallein am Dürrnberg katapultiert und sog die Stimmung, die Atmosphäre in mich auf. Mareike Fallwickl (die übrigens selbst in Hallein geboren ist) versteht es auch ganz wunderbar, ihre Leser abzuholen und mitzunehmen – und auch bei der Stange zu halten! Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven und in verschiedenen Zeitebenen erzählt, unterschiedlich beleuchtet. Ich komme mit Marie und ihren Kindern Moritz und Sophie in Hallein an, lerne sie kennen, erfahre ihre Geschichte, ihre Gedanken und Emotionen – und ich kann es nicht verhindern: ich fragte mich des Öfteren, ob und wenn ja, wieviel Mareike da wohl in Marie stecken könnte…

Der sensible, zurückhaltende Moritz findet einen Freund im Ort – Raffael, aggressiv, draufgängerisch, frech. Die beiden werden unzertrennlich, schließen Blutsbrüderschaft, ergänzen sich auf schon fast unheimliche Art. Ein eingespieltes Team, wie es scheint. Der eine kann nicht ohne den anderen. Sie wachsen zusammen in den 90ern auf, stellen Unfug an, genießen die Freiheit und ihre Jugend. Raffael gibt den (teils sehr harten) Ton an, Moritz folgt und tanzt nach seiner Pfeife. Über Jahre hinweg, trotz Maries Interventionen. Bis plötzlich die unnahbare, verstört wirkende Johanna auftaucht und in dieses eingeschworene Zweiergespann eindringt. Plötzlich ist sie die Melodie zwischen Ton und Tanz … Kann das gut gehen? Ging denn überhaupt schon jemals eine Dreiecksgeschichte gut aus? Etwas, worüber auch Marie grübelt, in vielerlei Hinsicht…

“Johanna konnte beide sehen, ohne Puffer, der eine der Motor, der andere sein Wagen, der eine vorn, der andere dahinter, auch wenn sie Seite an Seite standen. Sie sah den Sinn und die Symbiose, dass einer ohne den anderen nichts war, keinen Orientierungspunkt hatte, um sich auszurichten in der Welt.“ S 182

Als Raf, Motz und Jo siebzehn werden und über ihre Zukunft nachdenken und träumen, überschlagen sich die Ereignisse und ihre Wege trennen sich plötzlich – bis sie sechzehn Jahre später wieder – wie von einem unsichtbaren Magneten angezogen – aufeinander treffen und sich ihnen das ganze fatale Ausmaß ihrer Dreiecksgeschichte wie ein abgrundtiefer Schlund offenbart….

Mareike Fallwickl verschont ihre Protagonisten nicht. Sie geht richtig in die Tiefe, beobachtet, kehrt das Innere nach außen, legt Schicht um Schicht all die aufgestauten Emotionen und Gefühle frei, zeigt menschliche Abgründe auf. Wut, Angst, Einsamkeit, Abhängigkeit … Das mag zuerst unbequem klingen, holt uns als Leser raus aus der Komfortzone. Die Geschichte tut weh, geht an die Substanz. Und das ist gut so. Sie zeigt uns durch die Augen des feinfühligen, sensiblen Moritz die Aura der Menschen, ihr Leuchten, ihre Farben, ihre Emotionen.

„Ein Zorn, den man nicht haben darf, der einem von anderen aberkannt wird, ist kühl und blau und halbflüssig, er hat eine Konsistenz wie Pudding, füllt den Kopf aus und das Herz.“ S. 118

Nichtsdestotrotz geht es aber auch um Hoffnung, um Sehnsüchte und um Liebe, um Vergebung und um das, was uns verbindet. Ich lebte und litt mit, ich hatte Herzklopfen, erlebte eine Achterbahn der eigenen Emotionen. Ich war vollkommen eingenommen von den Persönlichkeiten und ihrer jeweiligen Entwicklung innerhalb dieses komplexen Beziehungsgefechts. Ich habe diese unglaubliche Sogwirkung, die dieser Roman auf mich ausübte, wahrlich sehr genossen.

Chapeau, Mareike Fallwickl. Ganz, ganz großes Kino! Ich hoffe und wünsche mit sehr, dass noch weitere Romane folgen werden. Und liebe Leser, kauft Euch dieses Buch und begebt Euch auch auf eine Reise nach Hallein – Ihr werdet es sicher nicht bereuen.

Was ist ein Ankommen ohne ein Bleiben, ist es nur ein Stocken?
Ein Zögern, ein Umschauen, ein Hineinlächeln ins Dunkle?
Nie ankommen,
Nie. (aus Johannas Logbuch) 

 

© 2018, Alexandra Stiller

 

Dunkelgrün fast schwarz
Mareike Fallwickl
Roman
Frankfurter Verlagsanstalt - ISBN 9783627002480
2018
HC, 480 Seiten
1

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4 comments

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Leselaunen 11. März 2018 - 16:42

Ein interessantes Buch, dass ich selbst gerne noch lesen möchte.

Neri, Leselaunen

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Kate G. 30. März 2018 - 10:08

Hallöchen,
mir geht es ähnlich wie es dir anfangs ging. Als ich das Buch vor Monaten entdeckt habe, dachte ich: “Wow, wie schön. Das muss ich haben!”
Aber jetzt ist es wirklich in aller Munde, man sieht es auf fast jedem Blog … das schreckt mich etwas ab.
Obwohl deine Rezension sehr überzeugend ist, bin ich noch ziemlich zwiegespalten. Ich bin mir einfach nicht sicher, ob es das richtige für mich ist.
Liebste Grüße, Kate

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Rezension // Dunkelgrün fast schwarz von Mareike Fallwickl – Book Broker 15. August 2018 - 19:06

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Evelin Brigitte Blauensteiner 22. August 2018 - 15:05

Nachdem ich selbst das “kleine Bergdorf Hallein am Dürrnberg” kenne und viele wunderschöne Erlebnisse mit dieser Gegend verbinde, hat sich beim Stichwort Hallein gleich mein Interesse gerührt. 🙂 Ich muss das lesen,… Danke für die Empfehlung, Evelin Brigitte Blauensteiner
(ich hoffe, Teilen auf Facebbook ist erlaubt?!)

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