Rezension: Suizid | Dean Koontz

by Wolfgang

 

Der rätselhafte Selbstmord ihres Mannes ist nur der Anfang eines grauenvollen Alptraumes: Auf der Suche nach einer Erklärung für seinen Tod entdeckt FBI-Agentin Jane Hawk einen landesweiten Anstieg unerklärlicher Suizide. Als sie der Spur weiter folgt, erhält sie eine unmissverständliche Warnung: Ein Unbekannter dringt in ihr Haus ein und bedroht ihren Sohn. Jemand Mächtiges scheint dahinter zu stecken. Jane weiß nicht mehr, wem sie noch trauen kann. Sie geht in den Untergrund. Getrieben von dem Willen, ihre Familie zu schützen und den Tod ihres Mannes zu rächen, macht sie die Jäger zu Gejagten. [Text & Cover: © Harper Collins Verlag]

Quer durch das Land werden Menschen in den Selbstmord getrieben. Ambitionierte Persönlichkeiten mit Lebensplänen ändern schlagartig ihr Verhalten und wählen den Freitod. Bereits die Ausgangssituation der Geschichte weckt Assoziationen zu hochkarätigen Thrillern wie “Dein Wille Geschehe” von Michael Robotham oder – ganz aktuell – “Todesreigen” von Andreas Gruber, die auf der Idee beruhen, daß eine Möglichkeit, den perfekten Mord zu begehen, darin besteht, das Opfer selbst die Tat vollbringen zu lassen.

Unmittelbar lernt der Leser Jane Hawk, FBI-Agentin außer Dienst, kennen, die ihn als Reisebegleiterin durch ein Hochgeschwindigkeitsabenteuer jagen wird. Auch ihr Mann zählt zu den Opfern eines subtil entwickelten Masterplans, und auch, wenn der Klappentext suggiert, daß Jane aufgrund eines Verdachts ihre Ermittlungen aufnimmt, ist dieses Stadium bereits überschritten. In dem Moment, in dem das Buch aufgeschlagen wird, ist die Handlung längst in Gang gesetzt. Dean Koontz, Spezialist für Horror-Geschichten mit Hang zum Übernatürlichen, agiert wie ein guter Freund, der durch die offene Tür ins Wohnzimmer stürmt, den Leser aus seiner Gemütlichkeit reißt und ihn dazu bringt, in das Auto zu steigen, das mit laufendem Motor draußen wartet. Worauf man sich dabei einläßt, kann man zu diesem Zeitpunkt bestenfalls erahnen, die obligate Vorgeschichte wird nachgereicht, wenn der erste Adrenalinrausch wieder abgeklungen ist.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt drängen sich dann zwei Fragen auf: Was hat es mit den Selbstmorden, auf deren ungewöhnliche Häufung Jane gestoßen ist, auf sich? Warum legt sie beinahe paranoiden Wert darauf, auf ihrem Weg keine digitalen Spuren zu hinterlassen? Koontz agiert als geschickter Erzähler: Erst, wenn der Leser kurz davor ist, den Freund am Steuer des metaphorischen Vehikels anzubrüllen, warum die letzten Kilometer in Rekordzeit zurückgelegt wurden, kann er sich dessen Aufmerksamkeit sicher sein. Menschen dazu zu bringen, ihrem Leben ein Ende zu setzen, ist nur die Spitze des Eisbergs, im Kern steht eine neue Technologie, die den freien Willen einer Persönlichkeit ausradiert und ihn zu einem willfährigen Befehlsempfänger macht. Diese Technologie liegt in den Händen einer streng geheimen, kaum greifbaren Organisation, der nicht an Mitwissern gelegen ist.

Nicht mehr Herr über den eigenen Körper zu sein, von einer fremden Macht ferngesteuert zu werden … Dean Koontz rührt an einer Urangst und ist dabei nicht der erste, der seinen Rezipienten mit seiner Geschichte unter die Haut kriecht. Was in zahlreichen Romanen und Filmen von hirnfressenden Parasiten oder dunkler Magie betrieben wird, verbindet der Autor mit dem kafkaesken Kampf gegen einen übermächtigen Gegner, ein Thema, das aus seinem eigenen Roman “Dunkle Flüsse des Herzens” bereits vertraut ist. Dabei wird der ohnehin bereits beunruhigende Gedanke des Persönlichkeitsverlustes noch durch die Ohnmacht gegenüber dem Gegner verstärkt. Diese Situation verleiht dem Roman eine trostlose Grundstimmung, stets präsent gehalten durch Formen des (menschlichen) Verfalls im Alltag, durch die vielzitierte Banalität des Bösen, die kaum noch wahrgenommen wird:

“Auf der untersten Stufe saßen zwei Teenager in Handschellen, die miteinander redeten, Augenblick lachten. Zehn, zwölf Meter von den beiden Komikern entfernt lag ein Toter auf dem Gehsteig. Die Szene war so frisch, dass noch niemand die Leiche zugedeckt hatte; ” (S. 259)

Die Ausarbeitung der Figuren legt indes den Schluß nahe, daß sich der Autor der langen Tradition des Themas im seichteren Unterhaltungsgenre bewußt ist. Die meisten von ihnen wirken klischeehaft überzeichnet, nehmen genau jene Rollen ein, die man in einer Geschichte dieser Art erwarten würde. Die Heldin ist eine mit allen Wassern gewaschene Ex-Agentin, die in hochgesicherte Milliardärsvillen eindringt und deren Spürsinn sie von einem Hinweis zum nächsten führt. Ihr zur Seite stehen kurzweilige Verbündete wie eine amazonenhafte Fünfzigjährige auf Rollerblades, die für eine genüßlich zelebrierte Actionszene in einem öffentlichen Park sorgt, sowie ein Obdachloser, der sich als ehemaliger Elitesoldat entpuppt und bedingungslos mit zu ihr hält. Ihre Gegenspieler sind ein gewissenloser Hacker mit abstoßender äußerer Erscheinung und ein sadistischer Schlägertyp – die nichts anderes verdient haben, als von Jane zur Rechenschaft gezogen zu werden. Schließlich stößt sie auf das Mastermind der Verschwörung, einen Wissenschafter mit Ambitionen zur Weltherrschaft, der von seiner eigenen Genialität überzeugt ist.

Die strapaziöse Suche, das Verstecken, die permanente Angst vor der Entdeckung graben jedoch tiefe Spuren in Janes Charakter. Von der liebenden Ehefrau und fürsorglichen Mutter wandelt sie sich sukzessive zu einer paranoiden Untergrundkämpferin. Der ursprüngliche Wunsch nach Rache weicht als Antrieb dem nackten Überlebenstrieb, formt ihre Persönlichkeit irreversibel:

“Als sie später im Bett auf dem Rücken lag (…) dachte sie darüber nach, dass sie in fast sieben Dienstjahren beim FBI zwei Täter erschossen hatte – und jetzt zwei weitere in nur zwei Tagen. Und sie fragte sich, wer sie in einem Jahr sein würde … oder schon morgen” (S. 346)

Durch diese Entwicklung der Figur erzeugt der Autor eine paradoxe Parallele: Jane jagt jene, die andere Menschen durch ihre Technologie fernsteuern. Gleichzeitig zwingen diese Gegner ihr ein Verhalten auf, das sie selbst, ganz ohne den Einsatz von Technik verändert. Mit jedem hirnlosen Handlanger, den sie tötet, verliert sie auch ein Stück ihrer eigenen Menschlichkeit, sodaß sie am Ende in ihrer Apathie den Ferngesteuerten gleicht.

 

Persönliches Fazit

Mit einer klischeeüberladenen actionreichen Handlung spielt Dean Koontz mit einer menschlichen Urangst und unterwirft dabei seine Protagonistin einer subtilen charakterlichen Entwicklung.

© Rezension: 2017, Wolfgang Brandner
Suizid
Dean Koontz (Übersetzt von Wulf Bergner)
Thriller
Harper Collins Verlag - ISBN: 9783959671781
2017
Paperback, 512 Seiten
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2 comments

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Evelin Brigitte Blauensteiner 21. August 2018 - 14:12

Klingt aufregend…..Danke für die Empfehlung, Evelin Brigitte Blauensteiner

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Wolfgang
Wolfgang 21. August 2018 - 18:58

Es klingt nicht nur aufregend 🙂
Und wenn Du es dann selber gelesen hast, lass mich wissen, wie Du darüber denkst.
Liebe Grüße!

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