Rezension: Die Polizisten | Hugo Boris

by Marcus

Die Polizisten 1

Am Ende eines heißen Sommertags werden die Polizisten Virginie, Aristide und Érik mit einem Sondereinsatz beauftragt: Sie sollen einen Flüchtling, dessen Antrag auf Asyl abgelehnt wurde, zum Flughafen bringen. Schnell begreift Virginie, dass den Mann in seiner Heimat der sichere Tod erwartet. Sie und ihre Kollegen geraten in einen Gewissenskonflikt: Gehorsam leisten oder den eigenen moralischen Instinkten folgen? Die Fahrt nach Roissy wird zu einer schweren Prüfung, aus der keiner der Beteiligten unversehrt hervorgeht, wenngleich jeder andere Konsequenzen für sich daraus zieht. [© Text und Cover: Ullstein Buchverlage]

Darf ein Polizist eingreifen, wenn er eine gerichtliche Entscheidung für falsch hält? Als Teil der Exekutive darf er das rechtlich gesehen natürlich nicht. Kann er aber einen gewissen Spielraum ausnutzen, wenn es ihm moralisch geboten erscheint? Mit dieser Frage sieht sich Virginie konfrontiert, denn sie hält den Beschluss, den kleinen Tadschiken in seine Heimat zurückzubringen, für falsch. Anders als die gerichtlichen Instanzen glaubt sie seiner Geschichte, nach der dort nicht nur seine Freiheit sondern auch sein Leben bedroht ist. Je länger die Fahrt zum Flughafen dauert, um so mehr ist sie davon überzeugt, die Abschiebung verhindern zu müssen. Aber werden ihre beiden Kollegen da mitziehen? Das würde sicher einiges an Ärger geben.

Die Polizisten 3

Wieso sollten die drei Polizisten ihre Karrieren für diesen einen Flüchtling riskieren? Wenn der Mann in ihrer Obhut entkommen sollte, hätte das sicher negative Auswirkungen auf ihren Job. Lohnt sich das? Érik, der älteste der drei, fragt sich bei dieser Gelegenheit, ob es dieser undankbare Job überhaupt wert ist, sich dafür zu verbiegen. Immer an vorderster Front begegnet ihnen immer mehr Respektlosigkeit und Verachtung. Wird es da nicht eh mal Zeit für eine Neuorientierung? Wie lange kann oder will man so eine Arbeit machen?

Es ist okay, dass sie beim Arbeiten kein Liedchen trällern, dass sie alle Probleme dieser Welt ungefiltert vor den Latz geknallt bekommen, dass sie mit gefrorenen Erbsen beschossen, mit faulen Eiern, Batterien und Boulekugeln beworfen werden. Sie hat sich an die maroden Dienstgebäude gewöhnt und daran, sich für ihren Beruf zu schämen, den sie vor ihren Nachbarn und den Eltern im Kindergarten geheim hält. (S. 59)

Hugo Boris macht aus dieser Fahrt zum Flughafen ein Kammerspiel im Polizeiauto, er beschränkt sich auf die Sicht der drei Polizisten. Damit bleibt der Umgang mit der Thematik eine persönliche, eine umfassende, allgemeingültige bemüht er nicht. Besonders persönlich ist es, dass die verheiratete Virginie von ihrem Kollegen Aristide, der bei diesem Auftrag auch dabei ist, schwanger ist und am nächsten Tag einen Termin zur Abtreibung hat. Das sorgt logischerweise für ordentlich Reibung zwischen den beiden. Eigentlich ist diese Fahrt so schon spannend genug, denn je mehr sie sich dem Flughafen nähern, umso weniger Gelegenheit haben sie, noch etwas zu unternehmen. Wie sich die Ansichten der drei währenddessen verändern, ist spannend zu beobachten.

Die Polizisten 2

Hugo Boris hat eine ebenso ansprechende wie treffsichere Ausdrucksweise. Vor allem seine Beschreibungen der Urbanität sind mir aufgefallen. Da gibt es nicht viele Ausschmückungen, es ist kein Wort zu viel. Dabei behält er bei aller Nachvollziehbarkeit eine gewisse Distanz zu seinen Protagonisten, was sich aber angenehm in den insgesamt eher kühlen Stil des Buchs einfügt.

 

Persönliches Fazit

Die persönliche Ebene, die der Roman in den Fokus rückt, hat mich sehr angesprochen. Den Gewissenskonflikt, der die drei Polizisten beschäftigt, konnte ich so sehr gut nachvollziehen. Komplettiert wird das Buch durch Hugo Boris‘ treffsicheren Schreibstil, mit dem er eine besondere Stimmung erzeugt.

© Rezension: 2018, Marcus Kufner

 

Die Polizisten Book Cover Die Polizisten
Hugo Boris | Aus dem Französischen von Amelie Thoma
Roman
Ullstein Buchverlage | ISBN: 9783550050466
10.08.2018
Gebunden
192 Seiten
www.ullstein-buchverlage.de
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2 comments

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Stefan Heidsiek 10. September 2018 - 11:44

Eine sehr schöne Besprechung eines Buches, das ich noch nicht auf dem Schirm hatte. Die Thematik Selbstjustiz scheint man hier mal in einem ganz anderen und vor allem äußerst aktuellen Gewand zu präsentieren. Werde ich gleich mal meinem (überquellenden) Merkzettel hinzufügen.Besten Dank und viele Grüße aus der Crime Alley, Stefan

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Marcus vom Bücherkaffee 10. September 2018 - 19:09

Hallo Stefan,
danke für das Lob. Ich glaube, dass es für die meisten Polizisten irgendwann mal zu einer Situation kommt, in der sie etwas durchsetzen müssen, was sie nicht wollen. Dienst nach Vorschrift lässt sich nicht immer mit dem Gewissen vereinen.
Schön, dass das Buch es auf deinen Zettel geschafft hat, da ist es bestimmt in guter Gesellschaft 🙂
Viele Grüße, Marcus.

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