Rezension: Jack | Anthony McCarten

by Wolfgang Brandner

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Er ist nur noch ein Abglanz seiner selbst und säuft sich in Florida zu Tode: Jack Kerouac, Idol der Beatniks, der einst das Leben seines Freundes Neal Cassady ausschlachtete, um es zum Kultroman der 1950er Jahre zu verdichten. Da steht aus heiterem Himmel eine Literaturstudentin vor seiner Tür. Ihr Traum: als seine erste Biographin sein Leben aufzuschreiben. Jack weigert sich und lässt sich doch von Jans Bewunderung zu einem Blick zurück verführen. Ein Trip, aus dem keiner der Beteiligten heil herauskommt. [Text & Cover: © Diogenes Verlag]

Uns allen ist die Musik der 1950er- und 1960er-Jahre im Ohr, von den Doors, den Beatles über Leonard Cohen zu jenem Song von Bob Dylan, nach dem sich die Rolling Stones benannt haben  . Wir kennen Künstler wie Andy Warhol und Filme wie “Easy Rider”. Sie alle sind von der sogenannten Beat-Generation geprägt, die auf eine Begegnung von Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs im Jahr 1944 gegründet ist. Es ist eine Zeit des Aufbruchs, der Skepsis gegenüber Kleinbürgertum und langfristiger Lebensplanung. Es ist der Beginn einer Bewegung, die als 68er-Generation die Gesellschaft verändern sollte und deren zentrale Werke das Langgedicht “Howl” von Ginsberg und der Roman “Unterwegs” (On the road) von Kerouac sind.

Kaum jemand kann sich dem Einfluss von Kerouacs zentralem Werk entziehen.

Seine Sprache ist einfach genug, um mühelos unsere  zivilisatorische Haut zu durchdringen und tiefsinnig genug, um uns im Innersten aufzuwühlen. Er handelt von einem Leben in Bewegung, von Menschen, die es nie lange an einem Ort aushalten, deren Persönlichkeit mit jeder zurückgelegten Meile wächst. Er spielt in einer Zeit, in der man mühelos überleben konnte, weil das gegenseitige Vertrauen so weit intakt war, dass man hinter jeder Tür eine warme Mahlzeit, vielleicht sogar eine Schlafgelegenheit fand. Es ist ein Roman, den man am besten lesen sollte, bevor man eine Familie gründet und ein Haus baut. Es ist ein Roman, der seine Leser verändert, der vieles von dem bewirkt, was Literatur erreichen kann.

Jack von Anthony McCarten – mit dem Originaltitel “Amercian Letters” – ist keine penibel recherchierte, lückenlose Biographie.

Eine solche würde den Umfang des Bandes bei weitem sprengen und dem Autor nicht die Freiheit zugestehen, die er sich mit diesem nimmt: “Jack” ist eine Hommage an den Romancier, die jedoch nicht der kriecherischen Hingabe verfällt, die den Groupies des Literaturbetriebs (ja, auch diese gibt es) zu eigen ist. Die Würdigung ist gerade zu Beginn eine stilistische, wo McCarten bemüht wirkt, Kerouacs einfache aber mit Handlung voll beladene Sätze zu imitieren, dessen rhetorische Fragen, die bodenständige Weisheit des Weitgereisten. Er bedient sich der Unbeschwertheit eines Schelmenromans und widmet sich einer Episode aus dem Leben Kerouacs, die nicht verbrieft ist, die sich aber ereignen hätte können. Der Autor sucht sich eine Lücke in der Biographie seines Vorbildes, stemmt diese auf und erzählt in den entstandenen Freiraum eine mögliche Begebenheit hinein. Dabei muss er kein schweres Werkzeug verwenden, der Jack, auf den er stößt, wirkt dankbar amüsiert über die erneute Aufmerksamkeit, die er in Form einer vorgeblichen Biographin erfährt.

“Dem Sargträger schreitet der Akademiker voran.” (S. 42)

Die Literaturstudentin Jan Weintraub will unter allen Umständen aus den Briefen ihres Idols dessen Leben rekonstruieren. Sie stößt auf einen alten, dem Alkohol verfallenen Mann, der Autor wirkt wie mit seinen Lesern der ersten Stunde gealtert. Demontiert McCarten hier ein Denkmal? Oder versucht er, das menschliche Gesicht einer verklärten Legende freizulegen, diese aus der Zeitlosigkeit der Literatur in ein Leben zu holen, das dem Alterungsprozess unterworfen ist? Von seinem Podest gestoßen, sinkt auch die Hemmschwelle, Jack Kerouac anzuklagen: Dean Moriarty, die Hauptfigur seines Erfolgswerks “Unterwegs” ist an Kerouacs real existierenden Kumpel Neal Cassady angelehnt. Dieser musste zwangsläufig am Vergleich mit der Romanfigur scheitern, daran zerbrechen. Kerouacs Roman brachte die Polizei auf Cassadys Spur, verhaftete ihn wegen Drogenhandels. Das Buch ist zugleich Gerichtsprozess und Urteilsvollstreckung: Der Autor McCarten macht Kerouac selbst zur Romanfigur. Die eigentliche Verhandlung findet in einer dichten, intensiven Szene am Küchentisch unter vier Augen statt.

Der Gegensatz des Bildes eines Menschen, dessen wahrgenommener, durch Zuschreibungen ergänzter Persönlichkeit zu dem tatsächlich lebenden Menschen selbst, bildet den Rahmen der Rechtssprechung, an dem Kerouacs Schaffen gemessen wird. Mit seinen Romanen hat der Begründer der Beat-Bewegung seine persönlichen Weggefährten in die Rolle von Projektionsflächen für die Aufbruchsstimmung einer Generation gezwungen. Eine von den Jahren gezeichnete Ruine am Straßenrand hat wenig gemein mit dem romantischen Bild des einsamen Highway-Motels auf der vor Jahrzehnten gedruckten Postkarte. Ebenso wenig kann der letztlich dem Alkohol verfallenene Autor dem in jugendlicher Unbeschwertheit verewigten Ideal entsprechen, das zum Gegenstand der Verehrung seiner Leser wurde.

Der Leser erlebt Kerouac, der in seinem fortwährenden kreativen Aderlass, der Erinnerungen absaugt und in Bücher zwängt, selbst blutleer geworden ist. “Ich habe keine Ahnung mehr, wer ich bin.” (S. 105) klagt er, im Bewusstsein, etliche Persönlichkeiten wie wechselnde Moden an- und abgelegt zu haben. McCarten lässt ihn den französischen Dichter Jean Genet zitieren (“Nichts könnte mir unähnlicher sein als ich selbst.”) und plaziert dieses Zitat an Schlüsselstellen des Romans, wie um dem Leser seine Intention zuzuflüstern. “Ich ist ein anderer”, ein Destillat des Werkes von Arthur Rimbaud drängt sich auf und gibt Kerouacs Absicht vor: eine Auslöschung des Ich, nicht jedoch um der Kunst, sondern um seines eigenen Seelenfrieden willens.

Sollte man sich also mit dem Werk des realen Jack Kerouac beschäftigen? Sollte man “Unterwegs” lesen, wenn man ein Haus gebaut, wenn man eine Familie gegründet hat? Vielleicht würde das passieren, was Bruce Springsteen in “Hungry Heart” beschreibt …

Persönliches Fazit

Anthony McCarten greift das Spiel um Bezeichnetes und Bezeichnendes auf, das Jack Kerouac in seinen Romanen betreibt. Mit seiner Protagonistin, einer Literaturstudentin positioniert er eine Meisterin dieses Spiels und tritt gemeinsam mit ihr in Dialog mit Kerouac.

© Rezension: 2018, Wolfgang Brandner
Jack
Anthony McCarten | Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Roman
Diogenes Verlag | ISBN: 978-3-257-06856-6 
2018
Hardcover
256 Seiten
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