Rezension: Münchhausens Rückkehr | Sigismund Krzyzanowski

by Marcus Kufner
Münchhausens Rückkehr

“Münchhausens Rückkehr” von Sigismund Krzyzanowski

Die Figur des Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen – auch bekannt als Lügenbaron – und seine phantastischen Geschichten faszinieren seit Jahrhunderten. Sofort denken wir an den berühmten Ritt auf der Kanonenkugel oder an seine Wunderbaren Reisen zu Wasser und zu Lande von 1738, die ihn auch nach Russland führen. Sigismund Krzyzanowski erlaubt sich seine eigenen Freiheiten mit dem Baron. In seinem phantastischen Roman, der in den 1920er Jahren in Berlin, London und Moskau spielt, erzählt er von der Rückkehr Münchhausens. Der 200 Jahre alte Baron und selbsternannte Philosoph fällt vom Zeiger der Zeit direkt in die Bibliothek von Schloss Trianon ins Jahr 1919, wo er in die Versailler Konferenz gerät. Und noch einmal bricht Münchhausen auf, um als Geheimagent ins Land der Sowjets zu reisen. [© Text und Cover: Dörlemann Verlag]

Wie mächtig ist doch das Wort! So mächtig, dass ganze politische Systeme davor Angst haben. Die Werke von Sigismund Krzyzanowski (1887-1950) durften in der Sowjetunion nicht veröffentlicht werden, die waren dem Staatsapparat wohl zu kritisch. Erst seit 1989 werden seine Texte publiziert. „Münchhausens Rückkehr“ liegt jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vor.

Wir schreiben das Jahr 1922 – Baron Münchhausen ist schon 200 Jahre alt. Für den Meister der gewieftesten Tricks ist es natürlich kein Problem, die Zeit zu überlisten. Er wird in London zu einer Versammlung eingeladen, auf der er gebeten wird, von seiner Reise nach Russland zu erzählen. Dieser Bericht steht im Mittelpunkt des Romans und gibt ihm die Möglichkeit, in seiner unnachahmlichen Art über seine Erlebnisse zu schwadronieren. Auf Granaten zu reiten ist zwar schwieriger als auf der berühmten Kanonenkugel, mit etwas Geschick und Übung kriegt er es aber auch hier wieder hin. Es sind neue und Varianten bekannter Unmöglichkeiten, die eines gemeinsam haben: sie sind nicht nur an der Grenze des machbaren, sie sind physikalisch unmöglich. Und trotzdem hängen seine Zuhörer an seinen Lippen und glauben ihm jedes Wort. Er verfügt über die Rhetorik und die Überzeugungskraft, um den Leuten alles zu verkaufen.

 

Münchhausens Rückkehr

“Münchhausens Rückkehr” von Sigismund Krzyzanowski

 

Politisch brisant

„Münchhausens Rückkehr“ als Abenteuerroman zu verstehen, wäre sicher falsch. In der Tradition des Schelmenromans reflektiert Krzyzanowki Politik und Gesellschaft. Es fließen auch einige philosophische Ansichten des Barons mit ein. Er vergisst nicht, zu erwähnen, dass er einige berühmte Denker wie Nietzsche persönlich kennt. Zu deren Thesen nimmt er gerne Stellung. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ist aber auch politisch eine brisante. Viele Monarchien sind abgesetzt worden, verschiedene Systeme versuchen sich zu etablieren. Als Russe hat der Autor besonders sein Heimatland im Fokus und hat dabei einen kritischen aber klaren Blick auf die Zustände dort.

So können wir uns den alten realistischen Traditionen der russischen Belletristik anvertrauen und getrost abwarten, dass alles, was mit dem Hammer eingeschlagen wurde, von der Sichel … des Mondes wieder abgeschnitten wird: Früher oder später wird die Nachtigall lauter singen als die Fabriksirene. (S. 125)

Nicht nur seine Zuhörer im Buch hängen dem unkonventionellen Münchhausen förmlich an den Lippen, auch mich unterhält er auf seine kluge und gleichzeitig amüsante Art. Krzyzanowskis Text wirkt heute zwar nicht taufrisch, die Formulierungen sind aber sehr ausgereift und geben der Geschichte den passenden Rahmen.

 

Persönliches Fazit

Krzyzanowski lässt Münchhausen lebendig und selbstbewusst wiederauferstehen. Er verwendet ihn, um die Bewegungen einer besonderen Zeit in Form seiner absurden Abenteuer zu reflektieren. Mit vielen Andeutungen und Spitzfindigkeiten und klugem Humor ist der Roman eine lohnenswerte Lektüre.

© Rezension: 2018, Marcus Kufner

 

Münchhausens Rückkehr Book Cover Münchhausens Rückkehr
Sigismund Krzyzanowski (Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg)
Roman
Dörlemann Verlag – ISBN: 978-3-03820-059-8
22.08.2018
Leinen
240
www.doerlemann.com
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2 comments

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Flo 12. Oktober 2018 - 14:05

Von Krzyzanowski habe ich noch nie gehört, aber die Idee hinter dem Buch gefällt mir. Ich glaube das muss ich irgendwann mal lesen. Danke fürs Vorstellen, ich selbst wäre wohl nie darauf gestoßen.

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Marcus vom Bücherkaffee 12. Oktober 2018 - 16:50

Hallo Flo,
dass der Autor bei uns noch nicht so bekannt ist, liegt wahrscheinlich daran, dass das erst das zweite Buch von ihm ist, das ins Deutsche übersetzt wurde. Es freut mich jedenfalls, dass dich der Titel anspricht.
Viele Grüße,
Marcus

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