Rezension: Loyalitäten | Delphine de Vigan

by Alexandra
LOYALITÄTEN von Delphine de Vigan

LOYALITÄTEN von Delphine de Vigan

Théo ist in vorbildlicher Sohn: selbstständig, fürsorglich und ein guter Schüler. Er scheint zu funktionieren. Doch eine Lehrerin schlägt Alarm, und auch die Mutter seines besten Freundes beobachtet ihn mit Misstrauen. Die beiden Frauen haben die richtige Ahnung: Théo ist mit seinem Leben überfordert und sucht einen gefährlichen Ausweg… [Quelle: © Dumont Buchverlag]

Loyalitäten: 
Das sind die unsichtbaren Verbindungen, die uns mit den anderen – den Toten wie den Lebenden – verbinden, leise gemachte Versprechungen, deren Auswirkungen wir nicht kennen, still gehaltene Treue, das sind Verträge, die wir zuallermeist mit uns selbst geschlossen haben, Befehle, die wir hingenommen, aber nie gehört haben, und in den Nischen unserer Erinnerungen nistende Schulden.

Wie loyal bin ich eigentlich wem gegenüber? Wie loyal bist du? Und wie weit darf die Loyalität eigentlich gehen? Ist es immer eine positive Eigenschaft – oder wäre nicht in manch Situationen besser, auch mal illoyal zu sein? Denn tatsächlich gibt es Momente im Leben, da stößt die Loyalität an ihre Grenzen., dann muss gehandelt werden, auch wenn es unbequem ist…

Dicht, intensiv, schonungslos

Genau darum geht es in Delphine de Vigans neuem Roman.  Der zwölfjährige Théo Rubin, sein bester Freund Mathis, seine Lehrerin Hélène Destrée und Mathis Mutter Cécile – sie verknüpft die Schicksale dieser Personen und ihren Familien geschickt miteinander. Alle vier kommen abwechselnd zu Wort – Théo und Mathis aus der Sicht einer dritten Person, Hélène und Cécile aus der ich-Perspektive. Sie findet den richtigen Ton für jeden, ihre Kapitel sind kurz und prägnant, kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig. Gerade einmal 174 Seiten fasst dieses schmale Band – und doch steckt so unglaublich viel in diesem Text.

Loyalitäten: 
Das sind die Gesetze der Kindheit, die in unseren Körpern schlummern, die Werte, in deren Namen wir uns aufrecht halten, die Fundamente, die es uns ermöglichen, Widerstand zu leisten, unlesbare Grundsätze, die an uns nagen und uns einschließen. Unsere Flügel und unsere Fesseln.

Théo ist hypersensibel und muss nach der Scheidung der Eltern einen Spagat zwischen den beiden machen. Zuhören tut ihm keiner.  Seine Mutter ist frustriert und voll angestauter Wut und sein Vater ist depressiv, er verliert seinen Job und wird medikamentenabhängig. Théo verstummt durch den Konflikt seiner Eltern – aber er ist loyal beiden gegenüber. Er rebelliert im Stillen in seinem tiefsten Inneren und sucht letztlich die Flucht in den wärmenden, alles verdrängenden Alkohol. Er sehnt sich nach dem Koma, nach der „Ruhe“ in sich. 

Es ist eine Wärmequelle, die er nicht zu beschreiben weiß, brennend, versengend und schmerzlich und tröstlich zugleich, ein Moment, wie man ihn nicht oft erlebt und der bestimmt einen Name trägt. den er nicht kennt, einen chemischen, physiologischen Namen, der seine Intensität ausdrückt und etwas mit Verbrennung oder Explosion oder Detonation zu tun hat.

Trinken tut er zusammen mit seinem besten Freund Mathis. Der findet das auch noch eine Weile lang lustig. Aber es drängen sich immer mehr Bedenken auf. Er bekommt bruchstückhaft Einblick in Théos Probleme, aber er ist seinem Freund gegenüber einfach zu loyal, um jemandem davon zu erzählen. Mathis sieht – aber schweigt. Er ist ganz unbewusst negativ loyal. In seiner Familie läuft es gerade auch nicht so gut, seit seine Mutter herausgefunden hat, was für ein Zweitleben ihr Ehemann führt.

Familiäre Zwänge, Kummer und Sorgen überall. Da hängt jeder so seinen Sorgen nach. Da ist es natürlich leichter und bequemer, einfach wegzuschauen. Nur Hélène, Théos Lehrerin, tut das nicht. Sie kann nicht anders, sie sieht die kleinen Anzeichen, denn durch ihre eigenen Vergangenheit ist sie äussert sensibilisiert. Hélène bleibt dran und verkörpert die positive Loyalität. Sie riskiert ihren Job, ihren Ruf als Lehrerin – um Théos Willen. 

Wie ein kleiner Schlag in die Magengrube

Ich versuchte, mir diesen kleinen zwölfjährigen Théo vorzustellen, der – so jung – seine einzige Flucht nur in hartem Alkohol sieht. Und unwillkürlich frage ich mich: wie oft kommt so etwas tatsächlich vor? Erst kürzlich habe ich wieder einen erschütternden Zeitungsbericht über das immer weiter ausufernde „Komasaufen“ bei Teenagern gelesen und mich fröstelt.

Loyalitäten: 
Das sind die Sprungbretter, auf denen sich unsere Kräfte entfalten, und die Gruben, in denen wir unsere Träume begraben.

Delphine de Vigan wirft in “Loyalitäten” einen kritischen Blick auf die maroden Strukturen unserer Gesellschaft. Zu oft wird weggesehen, ignoriert, nicht erst genommen. Abgestumpftheit, soziale Inkompetenz (Stichwort: Sportlehrerin). Théo verkörpert den stillen, schleichenden Prozess der Selbstzerstörung – einmal in diesen Strudel geraten, geht es stetig abwärts. Und dann braucht es jemanden, der auch einfach mal illoyal ist und somit vor der unweigerlichen Eigenzerstörung schützt. 

FAZIT: Offen, ehrlich, schonungslos und direkt. “Loyalitäten” ist ein dichtes und intensives Buch, dass mit nicht loslässt und mir noch lange zu denken geben wird. Eine ganz klare Leseempfehlung meinerseits! 

“Loyalitäten” von Delphine de Vigan habe ich zusammen mit Florian @literarischernerd gelesen. Ein #buddyread  kann unglaublich bereichernd sein, weil man sich automatisch noch intensiver mit dem Gelesenen befasst. Selten mache ich mir so viele Notizen wie bei unseren gemeinsamen Büchern. Wir haben viel über dieses Buch und über Loyalität diskutiert. Es war wieder ein Fest –  Florian, ich danke dir für diesen wieder einmal sehr bereichernden Austausch!

 

© Rezension, 2018, Alexandra Stiller

LOYALITÄTEN von Delphine de Vigan

LOYALITÄTEN von Delphine de Vigan

Loyalitäten
Delphine de Vigan | Übersetzung: Doris Heinemann
Roman
Dumont Buchverlag | ISBN 978-3-8321-8359-2
13.09.2018
176 Seiten, gebunden mit Lesebändchen
www.dumont-buchverlag.de
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3 comments

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Johanna 11. November 2018 - 14:18

Liebe Alexandra,

deine Rezension hat mich sehr neugierig gemacht. Das Buch wandert auf jeden Fall auf meine Wunschliste.
Das Thema, mit dem sich das Buch beschäftigt, finde ich sehr interessant. Wie du am Anfang geschrieben hast, wem bin ich loyal gegenüber und wann ist Loyalität beendet. Über diese Fragen habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Vielleicht mit diesem Buch.

Ich wünsche Dir noch einen schönen Tag.
Allerliebst,
Johanna

Reply
Alexandra
Alexandra 22. November 2018 - 17:29

Liebe Johanna,

das freut mich sehr, dass ich dein Interesse wecken konnte, denn das ist wirklich ein Herzensbuch, dass auch noch lange nachwirkt. Ich bin sehr gespannt, was du es finden wirst, lass es mich unbedingt wissen.
Und ja, mir erging es da nicht anders – ich habe über die Loyalität auch nicht so viel nachgedacht. Man ist es einfach (oder auch nicht) – aber sich einmal bewusst damit auseinandersetzen, das habe ich tatsächlich jetzt nach der Lektüre des Buches getan.

Liebe Grüße
Alexandra

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