Rezension: TYLL | Daniel Kehlmann

by Alexandra Stiller
TYLL von Daniel Kehlmann

TYLL von Daniel Kehlmann

 Tyll Ulenspiegel – Vagant, Schausteller und Provokateur – wird zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Müllerssohn in einem kleinen Dorf geboren. Sein Vater, ein Magier und Welterforscher, gerät schon bald mit der Kirche in Konflikt. Tyll muss fliehen, die Bäckerstochter Nele begleitet ihn. Auf seinen Wegen durch das von den Religionskriegen verheerte Land begegnen sie vielen kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen: dem jungen Gelehrten und Schriftsteller Martin von Wolkenstein, der für sein Leben gern den Krieg kennenlernen möchte, dem melancholischen Henker Tilman und Pirmin, dem Jongleur, dem sprechenden Esel Origenes, dem exilierten Königspaar Elisabeth und Friedrich von Böhmen, deren Ungeschick den Krieg einst ausgelöst hat, dem Arzt Paul Fleming, der den absonderlichen Plan verfolgt, Gedichte auf Deutsch zu schreiben, und nicht zuletzt dem fanatischen Jesuiten Tesimond und dem Weltweisen Athanasius Kircher, dessen größtes Geheimnis darin besteht, dass er seine aufsehenerregenden Versuchsergebnisse erschwindelt und erfunden hat. Ihre Schicksale verbinden sich zu einem Zeitgewebe, zum Epos vom Dreißigjährigen Krieg. Und um wen sollte es sich entfalten, wenn nicht um Tyll, jenen rätselhaften Gaukler, der eines Tages beschlossen hat, niemals zu sterben. [ Quelle: Rowohlt Verlag]

 

Der rechte Fuß stand längs auf dem Seil, der linke quer, die Knie waren ein wenig gebeugt und die Fäuste in die Seiten gestemmt. Und wir alle, die wir hochsahen, begriffen mit einem Mal, was Leichtigkeit war. Wir begriffen, wie das Leben sein kann für einen, der wirklich tut, was er will, und nichts glaubt und keinem gehorcht; wie es wäre, so ein Mensch zu sein, begriffen wir, und wir begriffen, dass wir nie solche Menschen sein würden. (S. 20)

Tyll Ulenspiegel – ein Schelm, ein Gaukler, immer da und doch nie greifbar. Er taucht plötzlich auf, ist immer bestens informiert und eh man sich versieht, scheint er sich wieder in Luft aufgelöst zu haben. Er „steht über den Dingen“, wie er es auch in seinem Balanceakt auf dem Seil in hohen Lüften zelebriert, er hat Narrenfreiheit, sein Status erlaubt ihm, offen und provokativ zu sein. 

Jung ist Tyll noch, als er plötzlich aus dem kleinen Dorf fliehen muss, in dem er aufgewachsen ist. Sein Vater wurde der Hexerei angeklagt und er gerät ins Visier. Er zögert nicht lange und zusammen mit der Bäckerstochter Nele macht er sich auf den Weg in eine unbestimmte Zukunft. Doch tief in seinem Inneren ist sein Weg immer ganz klar. 

Es gibt keine Gefahr, der man nicht entkommen kann, wenn man schnelle Beine hat.

Gemäß seines (Lebens)Mottos nimmt er uns mit auf seiner Reise, die uns direkt und mit hohem Tempo in den dreißigjährigen Krieg katapultiert. Wir treffen die -übrigens äusserst eindrucksvolle!- Winterkönigin Elisabeth Stuart und ihren Mann, Friedrich von Böhmen, dessen Ungeschick diesen Krieg erst auslöste. Den jungen Schriftsteller Martin von Wolkenstein, den Arzt und Dichter Paul Fleming, den Schwedenkönig Gustav Adolf und viele weitere (reale und fiktive) Persönlichkeiten seiner Zeit. Ein Treffen der besonderen Art: der sprechende Esel Origenes! 

"Tyll" von Daniel Kehlmann

TYLL | Daniel Kehlmann

Eine großes Spektrum an verschiedene Personen aus allen Gesellschaftsschichten finden hier ihren Platz und Tyll ist der Freigeist, der sie alle verbindet. 

Wild und ungezähmt ist die Geschichte. Und vor allem auch sehr brutal. Kehlmann schafft es mit wenigen Worten, Szenen unglaublich bildhaft zu vermitteln. Ich fühlte mich ins 17. Jahrhundert katapultiert und hatte das Gefühl, hautnah dabei zu sein. Manchmal schon fast zu nah, wenn ich zum Beispiel an seine Beschreibung des Feldlagers denke, die niedergebrannten Dörfer, die Gerüche, Tod, Verwesung, Pest…

Tyll zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Ein Faden, der einem aber ständig auf der Hand zu gleiten droht. Er stupst uns hin auf die Vorkommnisse dieser Zeit, macht uns aufmerksam – und taucht selbst wieder unter. Er lädt uns auf diese schon magisch anmutende Weise ein, uns selbst Gedanken zu machen. Gedanken über die Sinnlosigkeit dieses Glaubenskriegs, über seelische Grausamkeiten und Folter, Aberglauben, Habgier, Politik, Macht- und Besitzstreben, über den Tod… und was für Verheerungen all diese Dinge in den Köpfen der Menschen anrichten.

Tyll ist ein guter Jongleur – und Kehlmann jongliert mit der Geschichte!

Es scheint, Kehlmann wirft alles durcheinander, es gibt keine Chronologie, keine Ordnung – dafür verschiedene Perspektiven. Er setzt den unangepassten, widerständigen, mit einer fast unheimlichen Grausamkeit versehenen Vaganten Tyll geschickt ein, um mit der Realität und der Fiktion zu spielen, zu „jonglieren“. Nur ein Gaukler darf sich so etwas erlauben und die Regeln ausser Kraft setzen. Was ist Realität? Wo wird geflunkert? Man weiss es nicht so recht… Denn das ist etwas, vorauf bei “Tyll” wirklich Verlass ist – dass man sich eben auf GAR NICHTS verlassen kann. 

Ich hatte zuerst Bedenken ob des geschichtlichen Hintergrundes. Werde ich dem Geschehen überhaupt folgen können mit meinem doch recht schmalen Wissen über den dreißigjährigen Krieg? Vielleicht war das mit ein Grund, warum ich lange zögerte, zu dem Buch zu greifen. Aber diese Bedenken waren umsonst, denn Kehlmann führt uns mit solch einer Leichtigkeit durch die Geschichte, die begeistert. Letztlich führte es bei mir dazu, dass ich großes Interesse daran bekam, Dinge nachzuschlagen und nachzuforschen. Schon nach dem ersten großartigen Kapitel war ich überzeugt. Eine Sogwirkung setzte ein, die dafür sorgte, dass ich recht schnell las. Ich wollte mehr! Und nun, im Nachhinein, empfinde ich dies sogar als ein Nachteil. Denn nachdem ich das Buch wie in eine Rausch gelesen und zugeschlagen hatte, war mein erster Gedanke: Ich verstehe alles und  doch nichts! Diese Geschichte ist unglaublich komplex und doppelbödig. Vieles erschließt sich mir erst nach und nach und ich habe nun das Gefühl, durch das schnelle lesen möglicherweise viele Zweideutigkeiten gar nicht so recht mitbekommen zu haben. 

„Ich geh jetzt. So hab ich’s immer gehalten. Wenn es eng wird, gehe ich. Ich sterbe hier nicht.“

Persönliches Fazit:

Kehlmanns „Tyll“ ist gleichermaßen eindrucksvoll wie schauerhaft. Düster, brutal und doch auch (schelmisch)humorvoll an den richtigen Stellen. Ein faszinierendes Buch, ein Epos, der mich noch lange beschäftigen wird, dessen bin ich mir sicher. Ein Buch, dass ich auch sicher noch ein zweites Mal in Ruhe lesen werde, um all die Dinge im Verborgenen erfassen zu können. Ich bin sehr begeistert! 

© Rezension, 2018, Alexandra Stiller 

TYLL von Daniel Kehlmann

TYLL von Daniel Kehlmann

TYLL
Daniel Kehlmann
Rowohlt Verlag | ISBN: 978-3-498-03567-9
Oktober 2017
Gebunden mit Schutzumschlag
480 Seiten
www.rowohlt.de
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