Rezension: Die man nicht sieht | Lucía Puenzo

by Marcus
Die man nicht sieht

“Die man nicht sieht” von Lucía Puenzo

 

Ein gekipptes Fenster im Badezimmer, eine erschrockene Katze, leichter Knoblauchgeruch: Mehr Spuren hinterlässt die erfolgreichste Einbrecherbande von Buenos Aires nicht. Erst Wochen später bemerken die Hausbewohner, dass einzelne Gegenstände fehlen – Kleidung, Schmuck, Geld. Nur der Sicherheitsmann Guida weiß, wer die unsichtbaren Diebe sind: ein Teenagerpärchen und ein Sechsjähriger, die in einem verlassenen Eisenbahnwaggon hausen. Ismael wäre gerne Schauspieler, Enana ist die Furchtloseste der drei, und ihr kleiner Bruder Ajo lutscht Knoblauchzehen wie andere Kinder Karamellbonbons. Das Meer haben sie noch nie gesehen, bis sie ein ominöser Auftrag an die mondäne uruguayische Küste führt: Innerhalb kürzester Zeit sollen sie neun Luxusvillen leerräumen – Teil eines Komplotts, in dem die drei nur Randfiguren sind. Denn wer bemerkt schon, wenn Unsichtbare verschwinden? [© Text und Cover: Wagenbach Verlag]

 

Argentinien ist schon seit Jahren auf der Suche nach dem Weg aus der andauernden Wirtschaftskrise. Es sieht allerdings nicht so aus, als ob der in Bälde gefunden werden wird. Wenn das Geld nichts mehr wert ist und Arbeit sich nicht lohnt, greift die Armut um sich. Welche Chancen haben die, die auf der Straße stehen? Welche Möglichkeiten haben Kinder, die nicht einmal zur Schule gehen können?

Der fünfzehnjährige Ismael, seine Freundin Enana und deren sechsjähriger Bruder Ajo haben nur ein Ziel: Überleben. Ihnen fehlt die Perspektive, um an die Zukunft denken zu können. Für sie zählt nur, etwas in den Magen zu bekommen und sich nicht von den Behörden schnappen zu lassen, die sie wahrscheinlich in ein Heim oder gleich ins Gefängnis stecken und ihnen damit auch noch die Freiheit nehmen würden. Die drei sind eine gut trainierte und eingespielte Einbrecherbande. Gerade der kleine und flinke Ajo findet einen Weg in fast jedes Haus. Ihr Auftraggeber weiß ihr Talent auszunutzen. Ihre Einbruchsbeute dürfen sie nicht behalten, alles muss abgegeben werden. Sie freuen sich zwar, dass sie so über die Runden kommen, im Vergleich zu dem, was die Hintermänner abkassieren, bekommen sie aber nur Almosen. Für die sind die Straßenkids nur ein billiges Werkzeug, das jederzeit ersetzt werden kann. Wenn sie draufgehen oder hinter Gittern landen, ist der Verlust nicht der Rede wert.

 

Die man nicht sieht

“Die man nicht sieht” von Lucía Puenzo

 

Das Trio hofft, mit dem Gastspiel im benachbarten Uruguay so viel zu verdienen, dass sie sich mal mehr leisten können als nur das Nötigste. Was riskiert man nicht, um sich vielleicht einmal einen Traum erfüllen zu können? Mit der illegalen Überfahrt nach Uruguay beginnt für unsere Helden ein rasantes und packendes Abenteuer. Wie gefährlich es tatsächlich wird, ahnen sie zunächst nicht.

Dieser Auftrag war eine Nummer zu groß für sie, es konnte nicht gutgehen. Es würde nicht gutgehen. Vielleicht hatten sie Glück, in einer Nacht, bei einem Haus. Aber sechs Nächte, neun Häuser … Das war zu viel. Ismael wusste es; und er wusste, dass die Männer mit dem Pick-up es wussten. Das jedoch verwandelte den Auftrag in etwas ganz anderes: in einen Opfergang. (S. 88)

Lucá Puenzo erzählt von den Raubzügen schnörkellos mit viel Tempo. Sobald die drei das Schiff zur Überfahrt nach Uruguay betreten hatten, hat mich die Geschichte komplett in ihren Sog gezogen. Ständig hatte ich das Gefühl, dass gleich etwas schiefgehen wird. Die Kids haben die Situation auch kaum unter Kontrolle. Dabei sind sie durchaus tough. Vor allem Enana lässt sich nichts gefallen und kämpft mit allem was sie hat, wenn es darum geht, ihren Bruder zu beschützen. Ich frage mich, was aus dem cleveren Trio hätte werden können, wenn sie eine echte Chance gehabt hätten. Aber daran haben die Reichen kein Interesse. Denen geht es darum, ihr Vermögen zu verteidigen und zu vermehren. Die soziale Diskrepanz ist in Südamerika doch noch viel krasser als sie es bei uns schon ist. Und so bleiben die Kinder, wie es der Titel des Buchs so treffend vermittelt, nicht nur als Einbrecher, sondern generell unsichtbar.

 

Die man nicht sieht

“Die man nicht sieht” von Lucía Puenzo

 

Persönliches Fazit

Lucía Puenzo gibt denen eine Stimme, die am meisten unter der desaströsen Wirtschaftspolitik Argentiniens leiden: den Kids auf der Straße. Die mit viel Tempo erzählte Geschichte der drei cleveren Helden hat mich mitgerissen und lässt mich nachdenklich zurück.

© Rezension: 2018, Marcus Kufner

 

Die man nicht sieht Book Cover Die man nicht sieht
Lucía Puenzo (Aus dem argentinischen Spanisch von Anja Lutter)
Roman
Wagenbach – ISBN: 978-3-8031-3297-0
23.08.2018
Klappenbroschur
208
www.wagenbach.de
4

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2 comments

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Alex 28. Februar 2019 - 11:53

find ich spannend, bestellt!

Reply
Lateinamerikanische Schriftstellerinnen auf der Leipziger Buchmesse – 5 Erkenntnisse – glasperlenspiel13 20. Mai 2019 - 21:28

[…] Euch Lucía Puenzo nicht vorenthalten. Genaueres zum Buch findet ihr auf der Verlagseite und bei Marcus vom Bücherkaffee. Ihn habe die Geschichte der drei cleveren Helden mitgerissen und nachdenklich […]

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