Rezension: Die Überwindung der Schwerkraft | Heinz Helle

by Marcus
Die Überwindung der Schwerkraft

“Die Überwindung der Schwerkraft” von Heinz Helle

Zwei Bier, und dann noch zwei – mehr braucht es nicht für etwas Nähe. Doch dass die Wärme des Alkohols nicht wirklich gegen die Kälte hilft, die draußen herrscht, wissen auch die beiden Brüder, die von Kneipe zu Kneipe ziehen. Der ältere trinkt längst ohne jeden Anlass, aus Trauer oder Wut angesichts einer Welt, die von Schmerzen und Leid, von Kriegen und Gewalt bestimmt ist. Und doch erzählt er dem jüngeren an diesem Abend nicht nur von Stalingrad und Marc Dutroux, sondern auch von seinem baldigen Vaterglück. Was beide nicht wissen: Es wird danach kein Wiedersehen geben. Nur einmal telefonieren sie noch miteinander. Der nächste Anruf, neun Monate später, ist die Nachricht vom Tod des älteren Bruders. Was bleibt, sind die Erinnerungen an ihn und Fragen: Warum das Ganze? Was wollen wir auf der Welt? Und was genau soll das überhaupt sein, leben und sterben? [© Text und Cover: Suhrkamp Verlag]

 

Kinder und Betrunkene sagen immer die Wahrheit, so sagt man. Der Ich-Erzähler in diesem Roman erinnert sich an eine Zechtour mit seinem älteren Bruder vor einigen Jahren, bei der nach mehreren Bierchen jede Menge „Wahrheit“ zur Sprache kam. Für den Großen selbst sind seine Aussagen jedenfalls Gewissheit. Wir Leser können seine Gedankengänge verfolgen, die einige schwerwiegende philosophische Fragen thematisieren, wie den Status der modernen Gesellschaft, die Suche des Volkes nach Identität, ob es zu verantworten ist, Kinder in diese Welt zu setzen oder den Sinn des Lebens und die Berührung mit dem Tod. Diese Gedanken zu verfolgen ist oft nicht so einfach, da er, sicher auch durch seinen angetrunkenen Zustand verursacht, fließend vom einen zum anderen Thema kommt. Dass das sprunghaft und manchmal oberflächlich ist, räumt er dabei gleich selbst ein. Trotzdem oder gerade deshalb ist es äußerst interessant, die erfrischend ungewöhnlichen und doch zumeist nachvollziehbaren Thesen zu verfolgen, auch wenn dabei viel Aufmerksamkeit erforderlich ist.

Der Tod des Bruders umrahmt den Roman mit einer besonderen Dramatik. Dass es ihn nicht mehr gibt, verleiht seinen Ausführungen jedenfalls mehr Gewicht. Auch die Familienverhältnisse spielen hier mit hinein, denn der Erzähler ist der Sohn der Frau, wegen der der Vater den Älteren und dessen Mutter verlassen hat. Da schwingen unausgesprochene Vorwürfe und Schuldgefühle mit im Verhältnis zwischen den beiden, die der Jüngere zu greifen versucht. So wie er reflektiere auch ich die philosophischen Gedanken seines Bruders. Ich bin erstaunt, wie viel in diesem mit 200 Seiten gar nicht so umfangreichen Buch alles steckt. Die Dichte drängt mir geradezu auf, es unbedingt nochmal in die Hand zu nehmen.

 

Deutschland sei ja ganz schön, sagte mein Bruder, wenn man es sich einmal in Ruhe ansehe, von einem Zug aus, mit zweihundert Kilometern pro Stunde durch eine bewaldete Ebene jagend, zwischen zwei Mittelgebirgen hindurch, deren Namen man seit der Grundschule nicht mehr gehört hat, und hier und da liegt ein Dorf im Grün, und das Weiß seiner Mauern ist klar abgegrenzt vom Schwarz oder Rot seiner Dächer, und die Vorstellung, hier in der Pubertät zu sein, ist so grauenvoll, wie die Vorstellung passend erscheint, hier seinen Ruhestand zu verbringen, mit Büchern und Breitbandinternet, in einem der Häuser, die hier schon lange stehen und aus denen sich in regelmäßigen Abständen Söhne aufgemacht haben, um Frankreich zu erobern, oder Russland, Söhne, die gelernt haben, dass es Dinge gibt, die man nicht versteht, aber dennoch tun muss, zum Wohle des großen Ganzen, der gesamten Welt außerhalb jener frisch angefüllten Gruben zu ihren Füßen, irgendwo im Osten, die sind die, wir sind wir, alle irgendwann Erde, manche früher, manche ein wenig später. (S. 63)

 

Es ist aber nicht nur der Inhalt, der den Roman lesenswert macht, es ist auch die spürbare Fabulierfreude des Autors, die mich mitgerissen hat. Von Beginn an entsteht ein Gedankensog, der durch keine Absätze oder Kapitel unterbrochen wird. Dass Sätze sich über eine halbe Seite oder länger strecken, ist dabei nicht die Ausnahme, sondern die Regel! Die Formulierungen sind so ungewöhnlich, dass sie einen besonderen Blick auch auf alltägliche Dinge ermöglichen. Damit erscheint so einiges, das für mich selbstverständlich ist, in neuem Licht. Was kann man von einem Buch mehr verlangen, als dass man darin neue Perspektiven findet?

 

Die Überwindung der Schwerkraft

“Die Überwindung der Schwerkraft” von Heinz Helle

 

Persönliches Fazit

Es ist nicht einfach, die philosophischen Gedankensprünge, die Heinz Helle seinen Protagonisten eingibt, zu verfolgen. Die ungewöhnlichen Perspektiven und die besondere Erzählweise hatten auf mich aber eine richtige Sogwirkung. Vor allem wegen der inhaltlichen Dichte werde ich das Buch sicher nochmal zur Hand nehmen.

© Rezension: 2019, Marcus Kufner

 

Die Überwindung der Schwerkraft Book Cover Die Überwindung der Schwerkraft
Heinz Helle
Roman
Suhrkamp – ISBN: 978-3-518-42823-8
10.09.2018
Gebunden
208
www.suhrkamp.de
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