Rezension: Ein gewisser Monsieur Piekielny | Francois-Henri Désérable

by Marcus

Ein gewisser Monsieur Piekielny

Der Schriftsteller Romain Gary hat Wort gehalten. Allen Großen dieser Welt hat er von seinem Nachbarn aus Kindertagen erzählt. Viele Jahre später trifft Désérables junger Erzähler zufällig auf das Geburtshaus Garys in Vilnius und entsinnt sich der Passage über Monsieur Piekielny aus „Frühes Versprechen“. Wer war dieser Mann, der wie so viele Juden den Verbrechen der Nazis zum Opfer gefallen ist? Verdient nicht auch er, auch heute noch erinnert zu werden? Auch wenn sein Leben nur noch im Konjunktiv rekonstruierbar ist? [© Text und Cover: C.H. Beck Verlag]

 

Wie kommt man nur darauf, einen Roman über eine Randfigur eines anderen Romans zu schreiben? Aus ziemlich guten Gründen und nach einer Reihe von Zufällen lässt dieser Monsieur Piekielny den Autor Francois-Henri Désérable nicht mehr los. Der will herausfinden, ob es ihn wirklich gab und was aus ihm geworden ist. Gerade mal drei Seiten drehen sich um ihn in dem autobiografischen Roman von Romain Gary (1914-1980), der bei uns unter dem Titel „Frühes Versprechen“ erschienen ist. Dieses Buch muss man nicht zwingend kennen, um „Ein gewisser Monsieur Piekielny“ zu lesen, denn Désérable bringt an den relevanten Stellen Zitate daraus, es drängt sich aber auf. Nicht nur, weil Garys Werk, das erstmals 1960 erschienen ist, sehr lesenswert ist, man erhält auch eine ganz andere Perspektive auf Désérables Roman, wenn man es kennt.

 

Frühes Versprechen

Das Buch, das Francois-Henri Désérable zu seinem Roman inspiriert hat

 

Beide Bücher sind Romane, auch wenn sie autobiografisch sind, kann der Inhalt also fiktiv sein. Von Garys Werk weiß man, dass das eine oder andere darin nicht so war, wie er es geschildert hat. Das kann somit auch auf den Herrn Piekielny zutreffen.

Wer war er also, dieser Monsieur Piekielny, und was wusste man über ihn? Google sagte nichts und Gary nicht sehr viel – und das wenige, das er über ihn sagte, war womöglich nicht einmal wahr: Jeder Absatz des Versprechens ist fragwürdig. (S. 33)

Für Désérables Spurensuche in Vilnius erscheint es mir mitunter gar nicht so wesentlich, ob es Piekielny tatsächlich gab, hier ist wohl eher der Weg das Ziel. Mal charmant, mal amüsant erzählt er von sich und seinen Erlebnissen in Litauen. Er ist beeindruckt von der jüdischen Geschichte dort und wie wenig davon noch übrig ist nach der Herrschaft der Nazis und der Sowjets.

 

Ein gewisser Monsieur Piekielny

“Ein gewisser Monsieur Piekielny” von Francois-Henri Désérable

 

Désérables literarisches Talent kommt so richtig durch, wenn er über seine Vorstellung schreibt, wie Piekielnys Alltag ausgesehen haben könnte. Mit nur wenigen Sätzen erzeugt er dabei intensive Bilder, beispielsweise wenn er sich einen passenden Beruf für ihn ausdenkt. Hier ist es schade, dass die Kapitel recht kurz sind, da wäre ich gerne noch länger eingetaucht. Insgesamt ist es spürbar, dass Désérable eine besondere Verbindung zu Gary hat und ihn und sein Werk bewundert. Mit seinem Buch hat er ihm ein passendes Andenken erschaffen, das auch mir den zweimaligen Preisträger des Prix Goncourt nahe gebracht hat.

 

Persönliches Fazit

Auf sympathische Art erzählt Désérable von seiner Spurensuche in Litauen. Vor allem seine Vorstellung, wie das Leben des Monsieur Piekielny ausgesehen haben könnte, haben mich in ihren Bann gezogen. Davon hätte ich gerne mehr gelesen. Aber auch die sachlicheren Kapitel fand ich interessant und bewahren gleichermaßen das Andenken an jüdische Geschichte in Vilnius und an Romain Gary, einen außergewöhnlichen Schriftsteller.

© Rezension: 2019, Marcus Kufner

 

Ein gewisser Monsieur Piekielny Book Cover Ein gewisser Monsieur Piekielny
Francois-Henri Désérable (Aus dem Französischen von Sabine Herting)
Roman
C.H. Beck – ISBN: 978-3-406-72762-7
20.07.2018
Gebunden
256
www.chbeck.de
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