Rezension: Das Volk der Bäume | Hanya Yanagihara

by Corinna

Hanya Yanagihara - Das Volk der Bäume

Hanya Yanagihara, Autorin des Weltbestsellers „Ein wenig Leben“, führt den Leser in diesem brilliant geschriebenen Roman an die Abgründe des Menschlichen. Der junge Arzt Norton Perina kehrt mit einer unfassbaren Entdeckung von der Insel Ivu’ivu zurück: Hat er wirklich ein Mittel gegen die Sterblichkeit gefunden? Eine uralte Schildkrötenart soll die Formel des ewigen Lebens bergen. So kometenhaft er damit zur Spitze der Wissenschaft aufsteigt, so rasant vollzieht sich die Kolonisierung und Zerstörung der Insel. Mit gnadenloser Verführungskraft zieht Hanya Yanagihara uns hinein in den Forscherrausch im Urwald und lässt uns auch dann nicht entkommen, als Perina dort eine weitere Entdeckung macht: seine fatale Liebe zu Kindern. Wie betrachten wir eine Lebensleistung, wenn sich das Genie als Monster entpuppt? [Text + Cover: © Hanser Verlag]

 

Die Geschichte beginnt mit einem ungeheuerlichen Vorwurf. Der Arzt und Nobelpreisträger Norton Perina soll in mehreren Fällen seine Adoptivkinder sexuell missbraucht haben. Er wird nicht nur vom Gericht verurteilt, sondern auch von allen Weggefährten, Kollegen und Mitmenschen, die den einst so angesehenen Naturwissenschaftler nun fallen lassen wie eine heisse Kartoffel. Lediglich in Ronald Kubodera bleibt ihm ein treuer Freund, der Nortons Lebensgeschichte festhält und der nicht begreifen kann, wie sich alle abwenden und die Leistung und Entdeckungen der letzten Jahrzehnte somit aberkennen.

“Es kommt nicht darauf an, ob er es getan hat oder nicht”, sagte ich.” Norton ist ein Genie, und das ist alles, was in meinen Augen zählt und meiner Ansicht nach für die Geschichte zählen sollte.”

Wir erfahren, unter welchen Umständen Perina aufgewachsen ist, wie sich sein Werdegang entwickelte und wie er letztlich die Zusage für eine Forschungsreise gab, die sein Leben für immer verändern würde.

“Ihnen ist klar, Perina”, sagte Sereny mit einem Ernst, den ich dramatisch und dadurch aufregend fand, “dass es hier um ein mindestens viermonatiges Engagement geht und das Budget es wahrscheinlich nicht zulässt, dass Sie zwischendurch nach Hause kommen und dass diese … Expedition vielleicht zu nichts führen wird? Dass Sie Monate Ihres Lebens damit verbringen werden, der Einbildung eines anderen nachzujagen? Dass diese Insel, auf der Sie leben werden, im Grunde Terra incognita ist? Dass es mit ziemlicher Sicherheit ungemütlich wird, wahrscheinlich sogar sehr? Ist Ihnen das bewusst?”

Norton Perina sagt unverzüglich zu. Auf dieser Reise lernt er den Anthropologen Paul Tallent kennen, zu dem er sich augenblicklich hingezogen fühlt. Dies empfindet er als frustrierend, weil er ihm nicht näherkommt und ihn seine Gefühle irritieren. Seine Meinung zu Forschungsassistentin Esme Duff fällt allerdings umso deutlicher aus. Sie passt ihm nicht und er empfindet fast schon Ekel vor ihr. Dieses ungleiche Gespann macht sich nun auf Entdeckungsreise und sie werden oft vor Herausforderungen gestellt.

Hanya Yanagihara überzeugt mit ihrem Debüt

Sie lässt mit ihrer Erzählkraft sehr detailreich die Insel Ivu´ivu auferstehen und mit ihr den Stamm eines bis dato unentdeckten Volkes. Sie schildert, beschreibt und erforscht mit uns den Dschungel und nimmt dabei keinerlei Rücksicht auf die Befindlichkeiten des Lesers. Sie erfindet komplette Biografien auf sehr überzeugende Art und Weise.

Die Fußnoten und Querverweise runden das Bild glaubhaft ab und ich musste mich mehrfach online vergewissern, dass sie nicht doch der Wahrheit entsprechen. Die vielfältige Flora und Fauna faszinierte mich ebenso wie die Geschichte und Kultur der Inselbewohner und es fiel mir leicht, in diese dichte, unbekannte Welt einzutauchen.

Lediglich die Charaktere des Romans blieben mir auf Distanz. Die Figur des Norton Perinas empfand ich als sehr nüchtern und empathielos. Er hat ganz eigene moralische Vorstellungen und kennt keine Skrupel, als es um die Ausbeutung und letztendliche Vernichtung der Insel geht. Gern stellt er sich als Wohltäter dar und ist in seinen Handlungen äußerst egoistisch. Für die Ivu´ivus brachte die Expedition und mit ihr die sogenannte Zivilisation nichts als Unglück und obschon dieser Roman fiktiv ist, passiert Ähnliches tagtäglich in der Realität. Konzerne in ihrem Profitdenken zerstören Kulturen und die unberührte Natur.

Für mich war es ein Lesegenuß, auch wenn das Thema wahrlich kein leichtes ist und mich meine Emotionen am Ende des Buches sprachlos zurückließen. Ein starkes Debüt, Frau Yanagihara!

2019, © Corinna Klein

Das Volk der Bäume
Hanya Yanagihara | übersetzt von Stephan Kleiner
Roman
Hanser Berlin | ISBN 978-3-446-26202-7
2019
fester Einband, 480 Seiten
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