Rezension: Miami Punk | Juan S. Guse

by Marcus
Miami Punk

“Miami Punk” von Juan S. Guse

Der Atlantik hat sich über Nacht von der Küste Floridas zurückgezogen und eine Wüste hinterlassen. Kreuzfahrtschiffe rosten im Sand vor Miami, die Hotels bleiben leer, der Hafenbetrieb ist eingestellt und selbst die Dauerwerbesendungsindustrie liegt am Boden. Mittendrin eine überambitionierte Indie-Game-Programmiererin, eine strauchelnde Arbeiterfamilie, eine junge Soziologin und ein E-Sport-Team aus Wuppertal. Witzig und traurig, düster und labyrinthisch: »Miami Punk« ist ein Roman über die Bedeutung von Arbeit, über Herrschaft und Macht und über einsame Nächte vor dem Computer. [© Text und Cover: S.Fischer Verlage]

 

Es ist eher selten, dass ich durch den Klappentext nicht so richtig weiß, was beim Lesen des Buchs auf mich zukommt. So erging es mir allerdings bei „Miami Punk“, nach „Lärm und Wälder“ dem zweiten Roman von Juan S. Guse. Klar, dystopisch wird es schon werden mit dem Phänomen des verschwundenen Meeres. Ich war jedenfalls sehr gespannt darauf, was er aus diesem Setting gemacht hat.

Äußerst ungewöhnlich kommt es mir vor, dass Guse in seinem literarischen Werk viel Platz dem Thema Zocken eingeräumt hat. Wir erfahren beispielsweise viel über Robins Weg als Hobbyprogrammiererin. Noch umfassender wird es allerdings bei den Ausführungen zu dem letzten großen Counterstrike 1.6-Turnier, das in Miami stattfindet. Für jemanden, der mit Computerspielen nichts anfangen kann, müssen diese Passagen sehr langweilig sein. Denn die Erläuterungen zur Strategie einer Partie oder auch die vielen Begriffe aus diesem Genre sind schon sehr akribisch ausgearbeitet. Vor vielen Jahren, als man noch seinen Computer zu LAN-Partys geschleppt hat, kam ich auch mit Counterstrike in Berührung. Das hat es mir entsprechend leicht gemacht, den Gedanken und Erfahrungen des Zockers aus Deutschland zu folgen.

Er war das Gehirn unseres Teams. Es waren seine strategische Weitsicht, die Mühelosigkeit, mit der er gegnerische Spielzüge analysierte u. vorausahnte, die Intellektualität u. theoretische Rigorosität, mit der er sich auf anstehende Partien vorbereitete, die eleganten Bewegungen seiner jugendlichen Arme, Gelenke u. Finger, seine Fadenkreuzplatzierung, sein Feingefühl für die Korrektur des Rückstoßes der unterschiedlichen Waffen – als wäre er mit einem natürlichen Wissen über die Wiesenthal/Cho-12-Verteilung auf die Welt gekommen – , was ich an Simons Spiel so erstaunlich u. ästhetisch fand u. weshalb ich diesem Jungen für immer zuschauen könnte, ohne auch nur den Anklang von Reue über ein vergeudetes Leben zu spüren. (S. 30)

Die teils drastischen Folgen des Rückzugs des Meeres sind an vielen Stellen spürbar: dass Alligatoren zur Plage werden, ist nur eine davon. Dass viele vor allem vom Hafen abhängige Firmen wegziehen oder schlicht pleitegehen, ist naheliegend. Was machen die Menschen jetzt? Manche verlassen die Stadt (was zu viel Leerstand führt), andere gehen einfach weiter zur Arbeit. Ein Phänomen, das man vereinzelt von Leuten kennt, die ihren Job verloren haben und sich zu sehr schämen, es ihrer Familie zu erzählen. Aber wie lange kann das gut gehen ohne Einkommen? Wieder andere, die sogenannten Pilger, wagen sich in das vom Ozean verlassene Land, das immerhin 500 km weit reicht, um ein neues Leben in Freiheit zu beginnen – ohne Regierung, ohne Behörden, ohne Arbeitgeber usw. Eine verlockende Vorstellung, der festgefahrenen Perspektivlosigkeit zu entgehen.

Jede Familie ist auf ihre Weise krank und abgezehrt und in jedem Haus findest du Menschen, die sich nicht in die Augen sehen können. In dem Haus, in dem und in dem da hinten. Da wohnen überall Familien, die sich Nacht für Nacht, Jahr für Jahr mit ihren hilflosen Entschuldigungen zum Verschwinden bringen. (S. 151)

 

Miami Punk

“Miami Punk” von Juan S. Guse

 

Die drängendste Frage, was denn den Atlantik trotz Klimawandel und Anstieg des Meeresspiegels zum Verschwinden gebracht hat, rückt immer weiter in den Hintergrund. Vielmehr geht es darum, wie die Einwohner Miamis damit umgehen. Kann die Regierung die Ordnung aufrechterhalten? Können anarchistische Gruppen ihre Vorstellung einer neuen Gesellschaft durchsetzen? Oder werden die Großkonzerne weiterhin ihre Macht ausüben können? Mit einer tendenziell destruktiven, aber glaubhaften Stimmung spiegelt der Autor menschliche Begehrlichkeiten und Eckpfeiler unserer modernen Gesellschaft wider.

Juan S. Guse verwendet für sein Werk verschiedene Stilmittel. Mal wird aus der Ich-Perspektive erzählt, mal in der dritten Person, und zwischendurch gibt es essayistische Texte mit viel Symbolgehalt. Leider funktionieren nicht alle Ansätze: in ein paar Kapiteln sind die Worte ohne Leerzeichen seitenlang aneinander geschrieben, ohne Großschreibung und ohne Satzzeichen, verpackt als rekordverdächtig lange URLs. Ich finde es ja generell gut, wenn sich ein Autor etwas einfallen lässt, um eine gewisse Wirkung zu erzielen, aber diese Abschnitte waren schon anstrengend zu lesen. Abgesehen davon funktionieren die Stilelemente und formen eine aus verschiedenen Perspektiven betrachtete, beklemmende Welt.

 

Miami Punk

“Miami Punk” von Juan S. Guse

 

Persönliches Fazit

Zocken ausführlich in einem literarischen Werk verarbeitet: wer damit nichts anfangen kann wird sich bei diesem Buch ausgiebig langweilen. Für mich haben die meisten Stilmittel, die sich der Autor hat einfallen lassen, funktioniert und ich konnte dem ungewöhnlichen Roman mit seinem wirkungsvollen Endzeit-Setting und den Entwicklungen einer sich drastisch verändernden Gesellschaft einiges abgewinnen.

© Rezension: 2019, Marcus Kufner

 

 

Außerdem von Juan S. Guse im Bücherkaffee:

Rezension: Lärm und Wälder | Juan S. Guse

 

Miami Punk Book Cover Miami Punk
Juan S. Guse
Roman
S. Fischer – ISBN: 978-3-10-397393-8
27.02.2019
Gebunden
640
www.fischerverlage.de
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