Camilla Läckberg | Golden Cage. Trau ihm nicht. Trau niemandem.

by Wolfgang

Camilla Läckberg - Golden Cage - Rezension - Psychothriller

Camilla Läckberg  | Golden Cage || Faye und Jack sind das absolute Traumpaar. Sie haben das erfolgreichste Unternehmen Stockholms aufgebaut, wohnen in einem luxuriösen Apartment und sind umgeben von den Reichen und Schönen. Die gemeinsame Tochter Julienne ist die Krönung ihres Glücks. Doch der Schein trügt. Fayes Leben dreht sich nur noch um den verzweifelten Versuch, Jack zu gefallen. Seine Verachtung ist in jeder seiner Gesten spürbar. Was verbirgt ihr einst liebevoller Mann vor ihr? Als Jack und Julienne von einem Bootstrip nicht zurückkehren und die Polizei eine Blutlache im Apartment entdeckt, fällt der Verdacht schnell auf Jack. Hat er seine eigene Tochter ermordet? Nichts in Fayes Leben ist mehr so, wie sie es kannte … [Text & Cover: © List Verlag]

SPOILERWARNUNG:
In dieser Rezension werden entscheidende Elemente der Handlung verraten. Wer sich also unvoreingenommen auf die Geschichte einlassen möchte, möge bitte nach der Lektüre zurückkehren und seine Gedanken teilen.

Ein weiterer Hinweis vorweg: Der Klappentext vermittelt ein verzerrtes Bild der Handlung. Dieser Roman ist im Wesentlichen die Geschichte einer Rache, nicht einer Kindesentführung.

Die Geschichte der Rache einer verschmähten Frau

Der Klappentext des Romans – also jener Teil des äußerlichen Eindrucks, dem neben dem bekannten Namen der Autorin die Aufmerksamkeit potentieller Leser gilt – spricht von Faye und Jack, einem wohlhabenden schwedischen Traumpaar … und davon, dass Fayes Welt zusammenbricht, als Jack in den Verdacht gerät, die gemeinsame Tochter Julienne getötet zu haben. Das angedeutete Verbrechen gibt im Roman lediglich einen hauchdünnen erzählerischen Rahmen vor. Tatsächlich ist “Golden Cage” von Camilla Läckberg die Geschichte der Rache einer verschmähten Frau in drei Akten nach folgendem Schema:

  1. Akt: Im vermeintlichen Familienglück erleidet die Heldin der Geschichte eine schwere Demütigung.
  2. Akt: Am Boden zerstört, sammelt die Heldin neue Kräfte und entwickelt einen raffinierten Racheplan.
  3. Akt: Der Form halber sind noch kleinere Widrigkeiten zu bewältigen, hauptsächlich genießt die Heldin ausgiebig ihre (gerechtfertigte) Vergeltung.

Der erste Akt verläuft weitgehend handlungsfrei.

In Momentaufnahmen schildert Camilla Läckberg Fayes Leben als unterwürfiges Hausmütterchen im titelgebenden goldenen Käfig, während die eingeschobenen Rückblenden ein konträres Bild ihrer Persönlichkeit zeichnen. Im Jahr 2001 kommt die junge Matilda aus Fjällbacka (dieser Bezug zum Heimatort der Autorin und Schauplatz ihrer früheren Krimis ist einfach unvermeidlich) für ihr Studium nach Stockholm. Um sich von ihrer traumatischen Vergangenheit zu lösen, wirft sie ihren Namen wie eine nicht mehr passende Haut ab und nennt sich fortan Faye. Berauscht von der neuen Freiheit, genießt sie das Studentenleben in langen Nächten und mit wechselnden Partnern. Dabei verliebt sie sich in Jack Adelheim, Spross aus wohlsituiertem Hause, der mit ihr spontane Ausflüge nach Barcelona unternimmt. Mit Fayes kreativem Geschick und Jacks Finanzkraft legen die beiden den Grundstein für ein wirtschaftliches Imperium.

Zehn Jahre später ist Fayes jugendliche Schönheit am Verwelken. Aus der gemeinsam aufgebauten Firma “Compare” hat sie sich längst in ein Dasein zurückgezogen, das wie eine zum Leben erwache Sammlung misogyner Witze anmutet. Jack hat sich vom Lebemann zum Konzernmanager gewandelt, gezeichnet von der auf ihm lastenden Verantwortung. Fayes Verhältnis zu ihm ist nicht mehr das einer liebenden Gattin, sondern eines gefallsüchtigen Hündchens, das nicht versteht, warum es harsch getadelt wird.

Er war doch derjenige, der sie in eine andere verwandelt hatte? Eine Person, die nicht einmal sie selbst wiedererkannte. Und wer war sie, wenn sie nicht mehr Jack Adelheims Frau war? Im Lauf der Jahre mit Jack hatte sie alles andere abgestreift, Schicht für Schicht. Nichts war mehr übrig. (S. 182)

Von Wohlstandsbäuchen zwischen Zoten und Zigarren…

Die Abschnitte aus Vergangenheit und Gegenwart wechseln einander ab, was die beabsichtigte Wirkung des gegenseitigen Kontrastes wirkungsvoll verstärkt. Auf der einen Seite leuchtet ein Bild aus unbeschwerter Carpe-Diem- und Flowerpower- Mentalität. Auf der anderen steht jenes einer übersättigten High Society, wo die oberflächlichen Dinner-Parties einem ungeschriebenen Drehbuch folgen und der kleinste Riss in der Fassade wie eine blutende Wunde als Einladung für Fressfeinde gedeutet wird. Wie in einem Vorher-Nachher-Bild wird die geistreiche Studentin Faye der angeekelt auf Salatblättern herumkauenden Faye gegenüber gesellt. Die Requisiten und Statisten sind dabei auffallend plakativ gestaltet. Von Wohlstandsbäuchen zwischen Zoten und Zigarren zu gertenschlanken Gattinnen, die sich am liebsten über Diäten unterhalten und wie Glucken über perfekt dressierte Kinder wachen, werden zahlreiche Klischees bedient. Diese Situation markiert zugleich auch die schwindelerregende Fallhöhe, aus der Faye schließlich in den Abgrund stürzt, nachdem Jack beschließt, ihr seine deutlich jüngere Sekretärin Ylva vorzuziehen.

Camilla Läckberg bedient zahlreiche Klischees

Dermaßen gedemütigt, beschließt Faye, sich erbarmungslos an ihrem ehemaligen Traumprinzen zu rächen. Dabei will sie ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen und ihr eigenes Firmenimperium gründen. Mit nichts als ihrem Groll und ihrem Intellekt erreicht sie dieses Etappenziel rasch und ohne nennenswerte Widerstände. Die Autorin vereinfacht dabei sehr stark und vermittelt das Bild, mit einem entsprechenden Maß an Zielstrebigkeit sei es ein leichtes, innerhalb kürzester Zeit zu Wohlstand zu gelangen. In Fayes Fall ist dieses Unterfangen im wahrsten Sinne des Wortes ein Spaziergang, steht doch zu Beginn ihrer zweiten Karriere ein Hundesitter-Service. Implizit kann zwischen den Zeilen auch ein wenig schmeichelhafter Umkehrschluss herausgelesen werden: Wer sich nicht leisten kann, regelmäßig in Haubenlokalen zu speisen, dem fehlen wohl die Fähigkeiten, das auf der Straße liegende Geld einzusammeln … Während nun Jacks Sekretärin Ylva immer weiter in Fayes alte Rolle gedrängt wird, erblüht diese selbst zu einem vor Vitalität sprühenden Racheengel:

Hatte sie sich auch so angehört? Jack hier und Jack da? Herrgott, sie musste ja unerträglich gewesen sein. Und nun saß Ylva hier, eine jüngere Version ihrer selbst, legte sich albern grinsend die Hände auf den Bauch und himmelte denselben Mann an. Blind vor Liebe und Bewunderung. Und Abhängigkeit.(S. 281)

Was machst du, wenn dir alles genommen wird?

Wenn die Lebenskraft von Fayes bester Freundin Chris in nahezu vergleichbarem Ausmaß schwindet, gewinnt der Racheengel unfreiwillig vampirische Züge. Tatsächlich lässt Chris’ schwere Krebserkrankung Faye nur kurz innehalten, ehe sie unbeirrbar weiterstürmt. All ihre Energie bezieht sie aus dem Bedürfnis, Jacks Existenz vollständig zu vernichten, alles andere ordnet sie diesem Ziel unter. Faye inszeniert eine Schlacht der Geschlechter und will dazu alle Frauen, die jemals testosteronbedingtes Unrecht erlitten haben, in ihre Reihen rekrutieren.

Die Tränen um Chris waren versiegt. Es war seltsam, wie schnell sich die Dinge normalisierten. Sie dachte an sie, vermisste sie jeden Tag und jede Stunde, aber sie hatte die Tatsache akzeptiert, dass sie nicht mehr da war. (…) Vielleicht hätte Chris versucht, sie von ihrem Plan abzubringen, wenn sie davon gewusst hätte. (S. 346)

Camilla Läckbergs “erster Psychothriller”, so das Etikett des Verlags, wirkt über weite Strecken, als habe sich eine verschmähte Frau ihrer ausufernden Phantasie hingegeben. Möglicherweise unbeabsichtigt entsteht dabei ein verzerrtes Bild von Ehe und Beziehungen. Demnach hat die Mehrzahl der verheirateten Frauen unter den narzisstischen Eskapaden ihrer Angetrauten stumm duldend zu leiden. Gleichzeitig glost in ihrem Inneren eine unterdrückte Wut, die mit dem richtigen Funken explosionsartig freigesetzt werden kann.

 “Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird.”

Trotz ihres wiedergewonnenen Selbstbewusstseins, trotz des aus eigener Kraft erreichten Erfolges bleibt Faye kalt und unversöhnlich. “Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird.” Diesem klingonischen Sprichwort folgend, richtet Faye langsam und genüsslich Jacks Firma und schließlich ihn selbst zugrunde. Die konsequente Härte wird immer mehr zur charakterlichen Schwäche, die Figur entfernt sich immer weiter von der ursprünglichen Sympathieträgerin. Das scheint auch Camilla Läckberg bewusst zu sein. Wie, um Fayes Handeln aus ihrem Charakter zu erklären, erfährt der Leser in Rückblicken von ihrem gewalttätigen Vater. Wie, um Fayes Unerbittlichkeit noch weiter zu rechtfertigen, lässt die Autorin sie in Jacks geheimen Unterlagen Hinweise auf ein Vergehen an ihrer gemeinsamen Tochter finden. Dabei kann der treulose, selbstverliebte Jack in der Gunst der Leser ohnehin kaum noch sinken. Vielmehr keimt der leise Verdacht auf, ob Jack und Faye zuvor in hochglanztauglicher Strahlkraft, nun in eisiger Skrupellosigkeit vereint, nicht doch in Wahrheit das ideale Paar abgeben …

Persönliches Fazit

“Golden Cage” von Camilla Läckberg ist eine mäßig spannende Rachegeschichte, die schwer unter der Last der Stereotypen und einer (paradoxerweise) immer mehr an Sympathie verlierenden Hauptfigur zu tragen hat.

© Rezension: 2019, Wolfgang Brandner

Golden Cage - Trau ihm nicht. Trau niemandem.
Camilla Läckberg | Aus dem Schwedischen übersetzt von Katrin Frey
Psychothriller
List Hardcover | ISBN-13 9783471351734
2019
Klappenbroschur, 384 Seiten
www.ullstein-buchverlage.de
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