Rezension: Zwei Jahre Nacht | Damir Ovcina

by Marcus

“Zwei Jahre Nacht” von Damir Ovčina

 

Damir Ovčina, der während des Bosnienkriegs jahrelang in Sarajevo eingeschlossen war, hat einen gewaltigen, autobiographischen Roman geschrieben. – Ein Staat zerfällt, plötzlich ist Krieg. Ein 18jähriger junger Mann wird in einem feindlichen Viertel Sarajevos eingeschlossen. Er muss dort zwei Jahre bleiben, vom Vater getrennt. Von den Besatzern wird er gedemütigt. Er muss Tote bestatten, steht aber auch den Lebenden bei. Er lernt, im Verborgenen, eine Frau kennen. Dann wehrt er sich zum ersten Mal gegen seine Peiniger, flüchtet und kämpft fortan im Untergrund. Große Literatur, die an Warlam Schalamow oder Wassili Grossman anknüpft – und die weit mehr als ein Bild finsterer Zeiten ist, nämlich ein Buch über die Menschen, das Dunkle und Helle in ihnen. [© Text und Cover: Rowohlt Verlag]

 

Bis zu den 1990ern kannte ich Krieg nur aus Berichten über die Vergangenheit oder aus Fernsehbeiträgen aus fernen Ländern. Krieg im doch so zivilisierten Europa konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Aber das Pulverfass Balkan explodierte und es folgte ein bewaffneter Konflikt. Im Gegensatz zu den eher oberflächlichen TV-Bildern bringt uns Damir Ovčinas Roman auf literarische Weise ganz nah heran an einen Betroffenen und wie sich sein Leben schlagartig veränderte.

Der achtzehnjährige Ich-Erzähler, dessen Namen wir nicht erfahren, ist zur falschen Zeit am falschen Ort. Das Viertel Sarajevos, in dem er sich an diesem Tag aufhält, wird von den Serben abgeriegelt. Als sie ihn kontrollieren, wird ihm der Pass abgenommen und er wird einer Arbeitskolonne zugeteilt. Als bosnischer Moslem befindet er sich ganz unversehens in Feindesland. Nach Hause zu seinem Vater kann er nicht mehr. Was tun in dieser Situation? Er zieht den Kopf ein und wartet ab, wie sich die Lage entwickelt. Vielleicht bekommt er ja irgendwann die Chance, sich über die gut bewachte Bücke zu seinen Leuten durchzuschlagen. Dabei hat unser Erzähler noch Glück: eine Nachbarin teilt den Hass, der um sich schlägt, nicht und hilft ihm vor allem damit, dass sie ihn mit dem Wichtigsten versorgt.

 

“Zwei Jahre Nacht” von Damir Ovčina

 

Was für eine Anspannung das für ihn sein muss! Ständig Schüsse, Granateineinschläge, Panzer auf der Straße. Und sein Leben ist kaum noch etwas wert. Es kann für ihn jederzeit vorbei sein, er muss nur an den Falschen geraten. Der für seine Arbeitsbrigade zuständige muss sich mehr als einmal vor ihn stellen und ihn für nützlich erklären, damit er nicht getötet wird. Aber auch die Arbeit zerrt an den Nerven. Oft ist es ihre Aufgabe, Leichen einzusammeln und zu vergraben. Das ist sicher nicht das Leben, das man sich in seinem Alter vorstellt. Da ist nichts mehr, wie es vorher war, und so sorglos wie zuvor wird es für ihn wohl auch nie wieder sein.

Es ist nicht die richtige Zeit für jene, die eine Seele haben. Sie sind immer die Ersten auf der Liste, sowohl bei den eigenen Leuten als auch bei den anderen. (S. 369)

Damir Ovčinas Schreibstil hat einen ganz eigenen Sound, der mich von Beginn an in seinen Bann gezogen hat. Viele Passagen sind minimalistisch formuliert. Das mag für Freunde des korrekten Satzbaus schmerzhaft sein, schafft aber sehr effektiv Distanz. Eine Distanz, die auch dadurch gewahrt bleibt, dass die Namen der wichtigsten Protagonisten nicht genannt werden. Es ist spürbar, wie der Autor jeder Effekthascherei und Emotionalität aus dem Weg geht. Obwohl der Erzähler mitten im Geschehen ist, wirkt er dadurch eher wie ein Beobachter. Es ist dabei auch an mir, wichtige Entwicklungen aufzuspüren, die oft in ganz unscheinbare Andeutungen verpackt sind.

Des Guten zu viel

Teilweise wirkt der Roman wie ein Tagebuch. Der Erzähler berichtet akribisch davon, in welchen Straßen er mit seiner Gruppe unterwegs ist und in welche Viertel sie fahren, und er beschreibt die Leute und Autos, die ihnen begegnen. Am nächsten Tag ist das dann auch wieder recht ähnlich. Das ist zwar äußerst authentisch und verschafft mir ein sehr genaues Bild seiner Lage, es sind dann aber doch zu viele Wiederholungen. Trotz des extremen Umfelds entwickelt sich die Dramaturgie über viele Seiten nicht weiter. Das macht das Lesen stellenweise doch recht zäh. Gleichzeitig haben mich die detailreichen und nuancierten Beschreibungen aber immer wieder fasziniert. Näher heran an die Ereignisse in Sarajevo während des Bosnienkriegs geht kaum.

 

“Zwei Jahre Nacht” von Damir Ovčina

 

Persönliches Fazit

„Zwei Jahre Nacht“ hat mich mit seinem sehr zurückgenommenen Schreibstil gleich in seinen Bann gezogen. Auch wenn sich einiges zu oft wiederholt, hat mich die Akribie der Beschreibungen und die Nähe zu dem anonymen Erzähler sehr gefesselt. Ein beeindruckendes literarisches Werk, das mich so bald nicht loslassen wird.

© Rezension: 2019, Marcus Kufner

 

Zwei Jahre Nacht Book Cover Zwei Jahre Nacht
Damir Ovčina (Aus dem Bosnischen von Mascha Dabić)
Roman
Rowohlt – ISBN: 978-3-7371-0051-9
16.04.2019
Gebunden
752
www.rowohlt.de
3

Lust zum stöbern und entdecken?

Schreibe uns Deine Meinung