Colson Whitehead | Die Nickel Boys

by Alexandra

Colson Whitehead - Die Nickel Boys - Hanser Literaturverlag

Colson Whitehead | Die Nickel Boys || Florida, Anfang der sechziger Jahre. Der sechzehnjährige Elwood lebt mit seiner Großmutter im schwarzen Ghetto von Tallahassee und ist ein Bewunderer Martin Luther Kings. Als er einen Platz am College bekommt, scheint sein Traum von gesellschaftlicher Veränderung in Erfüllung zu gehen. Doch durch einen Zufall gerät er in ein gestohlenes Auto und wird ohne gerechtes Verfahren in die Besserungsanstalt Nickel Academy gesperrt. Dort werden die Jungen missbraucht, gepeinigt und ausgenutzt. (Cover + Text: Hanser Literaturverlag)

Ein Aufschrei gegen die Ungerechtigkeit

Wow. Ich habe Die Nickel Boys an einem Stück gelesen und es hat mir so unglaublich das Herz gebrochen. Der Roman selbst ist zwar fiktiv – aber Colson Whitehead schreibt  über die harte Realität, denn er bezieht sich auf die wahre Geschichte einer Erziehungsanstalt in Marianna, Florida, die „Dozier Industrial School for Boys.“ Die seit 1900 bestehende Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche wurde 2011 (!) geschlossen. (Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Florida_School_for_Boys ) In seinem Schlusswort schreibt Colson Whitehead über seine Recherche und nennt die Quellen. Er bleibt sehr nah dran an den Fakten und bezieht sich auf Justizberichte. Ich informierte mich im Vorfeld im Internet darüber und das machte das Lesen der Geschichte um den jungen Elwood noch eindringlicher. 

Jeder Junge kannte diesen schlimmen Ort, aber es musste erst eine Studentin der University of Tampa kommen, um den Rest der Welt darauf hinzuweisen, Jahrzehnte nachdem man den ersten Jungen in einen Kartoffelsack verschnürt und in einer Grube versenkt hatte.

Der sechzehnjährige Elwood ist fleissig und ambitioniert. Seine Noten sind fantastisch und er ist aufgeregt und glücklich darüber, dass er die Chance auf einen begehrten Platz am College erhält. Im Florida der 60er-Jahre ist das definitiv noch keine Selbstverständlichkeit. Aber es ist etwas im Umbruch, die Bürgerrechtsbewegung schreitet endlich voran. Auch Elwood traut sich auf seine erste Demonstration. Zuhause lauscht er Texten von Martin Luther King Jr. und in der Literatur verschafft sich James Baldwin Gehör.

Zu Weihnachten 1962 bekam Elwood das schönste Geschenk seines Lebens, nur stürzten ihn die Ideen, die es ihm einpflanzte, am Ende ins Verderben. Martin Luther King At Zion Hill war sein einziges Album, und es lag permanent auf dem Plattenteller.

Erschütternde Realität

Aber all das hilft ihm nicht, als er durch ein Missverständnis plötzlich schuldlos vor dem Richter steht und dieser ihn in die Besserungsanstalt Nickel Academy schickt. Hier interessiert die Bürgerrechtsbewegung nicht.  Keiner interessiert sich dafür, was hinter den Türen passiert. Und wenn etwas nach außen dringt, wird einfach der Deckmantel des Schweigens darüber gelegt. Die Menschen im Ort ziehen tatsächlich eher ihren ganz eigenen, persönlichen Nutzen aus Nickel.
Rassentrennung, Diskriminierung und Schikanen sind hier noch Tagesordnung – Anstalten wie diese werden meist von Söhnen geführt, die an alten Bräuchen festhalten, die ein brutales Erbe ihrer Vorfahren weiterführen. Hier wird junges Leben systematisch und auf brutale Weise zerstört…

In der Zelle, in der man die Hiebe verabreichte, erblickte er eine blutige Matratze, übersät von den Abdrücken der Zähne, die die Jungs hineingeschlagen hatten. Der Luftzug des Ventilators hatte Blut aufgewirbelt und auf die Wände gespritzt. Die Akustik war bizarr – einerseits übertönte der Ventilator die Schreie der Jungs. Andererseits waren die Befehle klar und deutlich zu verstehen: ‚Am Bett festhalten und nicht loslassen. Wenn du muckst, gibt’s noch mehr Hiebe.‘

Colson Whitehead schreibt nicht chronologisch, er springt in der Zeit hin und her. Mal befinden wir mit dem jungen Elwood in Nickel, dann plötzlich in der Gegenwart in New York, in dem „Danach“. Die Geschehnisse hinterlassen Spuren, nichts ist mehr, wie es mal war. Und die Angst, die lässt nicht mehr los. Nie.

Colson Whitehead klagt nicht an, fordert aber zum Hinsehen auf.

Er bringt uns den Alltag in der Besserungsanstalt nahe, ohne uns dabei völlig zu überfordern.  Die Geschehnisse werden keinesfalls beschönigt, aber man muss nicht immer ausführlich ins Detail gehen um genau zu verstehen… Es ist unglaublich beeindruckend, wie leicht es ihm gelingt, ein so großes Thema wirkungsvoll in gerade mal 220 Seiten zu packen. Er schreibt präzise und direkt, in knappen Sätzen. Whitehead klagt nicht an, öffnet aber Augen, fordert zum Hinsehen auf. All das ist wahnsinnig erschütternd und schmerzhaft, aber es ist auch ein so wichtiges Buch. Bitte, lest es! 

© 2019, Alexandra Stiller

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1 comment

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Elizzy 22. Juli 2019 - 11:34

Eine wundervolle Rezension zu einem spannenden Buch und wichtigen Thema. Ich merke mir das Buch auf jeden Fall! Wünsche dir eine tolle Woche!

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