Von allen Seiten | Tore Renberg

by Marcus

“Von allen Seiten” von Tore Renberg

 

Ben hat die Nase voll von seinem geizigen Vater und seiner psychotischen Mutter. Ihn langweilt sein tristes Leben, nur ab und zu unterbrochen von kurzen Glücksmomenten beim Benzinschnüffeln. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Rikki macht er sich auf die Suche nach einem neuen Leben, nach seinem Leben, und nichts und niemand wird ihn aufhalten. Ziel ist Stavanger, ein paar Kilometer weiter nördlich. Dort lebt sein Onkel Rudi, der sich einen Dreck schert um Recht und Gesetz. Allein das große Geld zählt. Ben und Rikki verlassen ihr Zuhause mit der kleinen Hoffnung auf ein bisschen Glück, doch das Schicksal hat etwas anderes mit ihnen vor. [© Text und Cover: Heyne Verlag]

 

Zwei Jungs, die von zu Hause abhauen und sich in ein unbekanntes Abenteuer stürzen, das klingt nach einer guten Geschichte. Rikki und Ben sind ein sehr ungleiches Brüderpaar. Der sechzehnjährige Rikki kommt recht einfältig daher, und weil sein ein Jahr jüngerer Bruder so viel intelligenter ist als er, hat er ihm die Führungsrolle überlassen. Er versucht immer, es Ben recht zu machen. Ein Lob von ihm ist für ihn das Größte.

So ist es auch Bens Idee, abzuhauen. Eine nachvollziehbare Entscheidung, denn ihr Elternhaus ist alles andere als harmonisch. Der Vater hält bei jeder Gelegenheit Prügel für die einzig wirksame Erziehungsmaßnahme, und die Mutter ist in ihrem manisch-depressiven Zustand für die Jungs nicht zu gebrauchen. Sie wenden sich ausgerechnet an das schwarze Schaf der Familie, den kriminellen Onkel Rudi, zu dem jeder Kontakt seit Jahren undenkbar war. Dieser Rudi ist aber keineswegs ein angesehener Strippenzieher, sondern ein etwas unterbelichteter Kleinkrimineller, der in der dreiköpfigen Einbrecherbande der Befehlsempfänger ist und nicht der Kopf der Truppe. Als seine Neffen sich bei ihm melden, hat er auch gerade so gar keine Zeit für sie und Bens „Geschäftsidee“ …

 

“Von allen Seiten” von Tore Renberg

 

Tore Renbergs Charaktere fallen angenehm aus dem Rahmen. Rudi beispielsweise hat keine Gewissensprobleme, wenn mal ein Opfer körperlich Schaden nimmt, als seine schwangere Freundin mit Komplikationen ins Krankenhaus muss, macht es ihn aber fast wahnsinnig. Das zeichnet die meisten der Truppe aus: Verbrecher einerseits, aber herzlich andererseits. Das führt zu einigen amüsanten Szenen, die mir ein Grinsen ins Gesicht zaubern. Das friert aber auch schnell wieder ein, wenn Ben mitmischt. Der Junge hat tatsächlich psychopathische Züge und hat dazu noch eine sehr vereinnahmende Wirkung auf andere. Eine gefährliche Mischung.

Norwegen ist eines der reichsten Länder der Erde. Das heißt aber offensichtlich nicht automatisch, dass alle Einwohner reich sind. Rudis Truppe verfügt jedenfalls über keine liquiden Mittel, denn die Norweger kaufen sich ihre Sachen einfach neu statt zur Hehlerware zu greifen. Norwegen ist laut Statistik aber auch das Land mit den glücklichsten Einwohnern. An ihrem persönlichen Glück arbeiten auch alle Protagonisten des Romans mit großem Eifer. Ich fand es sehr spaßig, sie bei ihren Bemühungen, ihren Fehlschlägen und ihren Erfolgen zu begleiten.

Dschieses!“

Tore Renberg verwendet eine recht flapsige Sprache. Vor allem die Dialoge sind sehr locker geschrieben. Das wirkt aber nie aufgesetzt und funktioniert bei seiner Truppe ausgezeichnet. Bei denen gibt es ja auch kaum ein Tabuthema, das muss auch entsprechend formuliert sein.

Rikki hörte nicht, was sein Bruder sagte. In seinem Kopf spielte gerade Faithless. Jetzt war Konzert. Gigantische Scheinwerferkegel glitten über seinen Gehirnhimmel. Ohne Kopfhörer im Körper deepen Technogroove zu erzeugen, das war echt pyro. (S. 11)

Es lag wohl nicht nur an der großen Schrift, sondern vor allem an der eingängigen Erzählweise, dass ich ziemlich zügig durch die immerhin knapp 550 Seiten geflogen bin. Ein sehr unterhaltsamer und lesenswerter Ausflug in den hohen Norden.

 

Persönliches Fazit

Tore Renberg besticht mit einer eingängigen Erzählweise und einer guten Ausarbeitung seiner (meist) sympathischen Charaktere. „Von allen Seiten“ ist ein kurzweiliger und amüsanter Roman, bei dem mir das Lächeln aber auch stellenweise auf wohlige Weise eingefroren ist.

© Rezension: 2019, Marcus Kufner

 

Von allen Seiten Book Cover Von allen Seiten
Tore Renberg (Aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger)
Roman
Heyne – ISBN: 978-3-453-27145-6
4.03.2019
Gebunden
546
www.randomhouse.de
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