Sibylle Berg | Vielen Dank für das Leben

by Alexandra

Sibylle Berg - Vielen Dank für das Leben - Bücherkaffee

Sibylle Berg | Vielen Dank für das Leben || Toto ist ein Wunder. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht. Zu dick, zu groß, im Suff gezeugt. Der Vater schon vor der Geburt abgehauen, die Mutter bald danach. Im kalten Sommer 1966 geboren, wandelt er durch die DDR, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe. Warum, fragt er sich, machen die Menschen dieses Leben noch schrecklicher, als es schon ist? Toto geht in den Westen, wo der Kapitalismus zerstört, was der Sozialismus verrotten ließ. Nur zwei Dinge machen ihm Hoffnung – das Wiedersehen mit Kasimir und das Singen. [Text + Cover: dtv Verlag]

 

Toto kommt 1966 im sozialistischen Grau zur Welt. Ohne klares Geschlecht wird Toto bei der Geburt aus reiner Willkür der Ärzte zum Mann, im späteren Leben zur Frau. Er wächst gezwungenermaßen im Heim auf. Alleine, ungeliebt und ohne Freunde. Die Zufälle bringen ihn an andere Orte, er stolpert vom Sozialismus in den Kapitalismus, landet im Norden, versucht dabei immer zu lernen und diese Welt zu verstehen.

„Toto hat Pech gehabt. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht, zu dick, zu groß, im einem kalten Sommer geboren. Doch Toto ist ein Wunder, er geht durch die Welt, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe.“ 

Toto entspricht nicht der „bekannten Norm“. Und was tut der Mensch gerne, wenn er mit etwas Unbekanntem nicht umgehen kann? Er wird feindlich und aggressiv. Die Welle der Bosheit, die Toto entgegen schlägt, ist enorm, geradezu unerträglich. Ausgegrenzt, angefeindet, verprügelt, bespuckt – vielen Dank für dieses Leben, dieser einzigen Odyssee des Leids. 

Und weiter. Immer weiter. Dem Ende entgegen. Allein.

Das ist eh nicht aufzuhalten. Erwartungen hat Toto keine. Sie lässt die Dinge abperlen, versucht zu verstehen, was die Menschen so wütend macht, die sie verprügeln. Toto hält der Mitmenschen mit ruhigem, engelsgleichem Gesichtsausdruck den Spiegel vor und bringt sie dadurch regelrecht zur Raserei.

Sibylle Berg beobachtet, schaut nicht weg.

Sibylle Berg geht in ihrem Roman dem seelischen und moralischen Elend auf den Grund.  Spielt Totos Leben als Außenseiter konsequent durch, spricht aus, was in dieser Welt passiert und beschönigt dabei nichts. Nein, hier bekommt man den ungefilterten Blick unter den Deckmantel „schöne heile Welt“  Ihr zynisch-bissiger Ton ist unverkennbar, messerscharf und mit viel ernster Kritik an der Entwicklung unserer Gesellschaft und ihre Verrohung, Globalisierung, Konsum – ihr Rundumschlag ist wie ein atemraubender Schlag in den Magen. Man möchte schreien ob all dieser Bosheiten, all diesem Wegsehen, all dem Hass und Elend. Man möchte Toto in den Arm nehmen und helfen bei dieser Suche nach dem Guten und nach dem Sinn des Lebens. 

Vielen Dank für das Leben ist wohl eines der intensivsten Bücher, die ich gelesen habe. Es rüttelt so sehr, es ist unbequem, es schmerzt. Ich war und bin unfassbar traurig. Aber schärft auch meinen eigenen Blick und ich werde noch lange darüber nachdenken.

© Alexandra Stiller

 

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3 comments

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Friedelchen 27. August 2019 - 10:15

Vielen Dank für diese Rezension. Totos Geschichte klingt wirklich aufwühlend und nur schwer ertragbar und ich hoffe, dass einen die Geschichte trotzdem nicht hoffnungslos zurücklässt. Vermutlich aber schon, jedenfalls von deiner Beschreibung her 🙁

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Alexandra
Alexandra 27. August 2019 - 10:41

Liebe Friederike,
ja, das ist sie in der Tag: aufwühlend und unter die Haut gehend. Aber sie rüttelt auch sehr und man ist während des Lesens die ganze Zeit unglaublich nah an Toto. Ich bin sehr froh, das Buch endlich gelesen zu haben, denn es stimmte mich unglaublich nachdenklich und ich nehme sehr viel daraus für mich selbst mit. Es schärft den Blick auf unsere Gesellschaft, unser aller Verhalten, unser Miteinander.

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oneday2bookblog 2. September 2019 - 14:54

Ich kenne das Gefühl, wenn ein Buch und sein brisanter Inhalt wochenlang den Weg in die eigenen Gedanken findet und man noch einige Zeit nachsinnt. Genau das ist für mich der Grund warum ich Literatur so liebe – sie katapultiert uns in unbekannte Sphären und eröffnet einen Horizont, der uns ansonsten immer verwehrt bleiben würde.
Danke für deine ehrliche und anregende Rezension zu einem sehr gesellschaftskritischen und interessanten Werk, das es dank dir und deinen Ausführungen unter meine must-reads geschafft hat.

Liebe Grüße,

Simone
oneday2bookblog

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