Camilla Grebe | Tagebuch meines Verschwindens

by Wolfgang

Camilla Grebe | TAGEBUCH MEINES VERSCHWINDENS || Eine Tote, mitten im Wald. Getötet an dem Ort, wo vor Jahren das Skelett eines kleinen Mädchens lag. Ein cold case, der nie gelöst wurde. Wer sind die Toten? Was hat der spurlos verschwundene Kommissar mit ihnen zu tun? Und warum erinnert Profilerin Hanne sich an keine Ermittlungsergebnisse? Die Einwohner des kleinen trostlosen Omberg, das mitten zwischen dunklen Kiefernwäldern liegt, halten sich bedeckt. Doch niemand, nicht einmal die Polizei, kann der Wahrheit entkommen, die sich nach jahrelangem Schweigen bahnbricht … [Text & Cover: btb Verlag]

Achtung: es folgt eine ausführliche Auseinandersetzung: Ggf. erst nach Lektüre des Buches lesen.

Ormberg, ein kleines, abgeschiedenes Dorf in Schweden, wie es unzählige geben könnte.
Vor etlichen Jahren – der Prolog erzählt lebendig davon – wurde hier die Leiche eines Mädchens gefunden.
Nun wird, dank neuester forensischer Hilfsmittel, der Fall wieder aufgerollt. Im Team der Ermittler finden sich die Profilerin Hanne und ihr Mann Peter, sowie Malin, eine aus Ormberg stammende Polizistin. Letztere war es, die ursprünglich den grausigen Fund gemacht hat und nach ihrer Polizeiausbildung in Stockholm als Ortskundige sowohl mit den Winkeln des Dorfes als auch jenen in den Köpfen seiner Bewohner vertraut ist.

Ausgangssituation des Romans bietet ein Cold Case im wahrsten Sinne des Wortes. Einerseits überzieht der ständig fallende Schnee die Szenerie mit einem kalten Weiß, ständig präsent, dass man ihn irgendwann nicht mehr wahrnimmt. Andererseits taugt der Fall kaum dazu, die Spannung anzuheizen. Diese Aufgabe fällt dem Ermittlerpaar Peter und Hanne zu. Während Hanne in einer stürmischen Nacht ohne Schuhe und Erinnerung an die letzten Tage aufgefunden wird, fehlt von Peter jede Spur. In diesem Moment ist die Neugier entflammt: Was ist mit Hanne geschehen? Hängt ihr Verschwinden mit dem alten Fall zusammen? Wo befindet sich Peter? Vor allem aber, ist er noch am Leben? Und in der Zwischenzeit wird eine weitere Leiche gefunden …

Die Aufklärung der Todesfälle und die rätselhaften Gedächtnislücken der Profilerin könnte man geradeaus und direkt mit wachsendem Zeitdruck zu einer schlafraubenden Mörderjagd verarbeiten. Camilla Grebe entscheidet sich für einen anderen Weg und nähert sich den Antworten auf die aufgeworfenen Fragen aus zwei Perspektiven. Zum einen ist da der Schüler Jake, der Hannes Tagebuch findet und in den Einträgen die Ereignisse in chronologischer Reihenfolge aufrollt. Zum anderen sind die Leser aus Sicht der Ermittlerin Malin in der erzählten Gegenwart direkt in die laufende Polizeiarbeit eingebunden. Die kapitelweisen Wechsel zwischen diesen Handlungssträngen erhalten durch die bewährten Cliffhanger die Spannung und sorgen zugleich dafür, dass die Erzählung nicht überhitzt.

Außerdem sind die beiden Perspektiven insofern geschickt gewählt, als dass sie nicht nur zwischen Vergangenheit und Gegenwart unterscheiden, sondern auch zwischen der Sicht von innen und von außen. Jake hat sein ganzes bisheriges Leben in Ormberg verbracht, seine Welt beschränkt sich einen Umkreis von wenigen Kilometern. In Hannes Tagebucheinträgen trifft er auf die äußerst kritischen Überlegungen der älteren Dame aus der Stadt zu seinem Lebensraum. Damit kann Jake eine Sichtweise frei von seinen eigenen Erfahrungen einnehmen – eine Gelegenheit, die seine Stellung als Außenseiter noch unterstreicht. Malin auf der anderen Seite übernimmt implizit eine vermittelnde Funktion. Sie kennt sowohl die Annehmlichkeiten Stockholms, als auch die paradoxe Wirkung der weiten dörflichen Ebene, die die Gemüter ihrer Bewohner einengt. Sie ist damit innerhalb des Romans die einzige Figur, die einen wertenden Vergleich der beiden Lebensräume wagen darf.

Diese drei Personen, Jake, Malin und Hanne schultern auch das Gewicht der Erzählung. Ersterer ist Teenager, der in der schwedischen Abgeschiedenheit den Vornamen eines Hollywoodschauspielers (Gyllenhaal) trägt und viel lieber in einem weiblichen Körper stecken würde:

Und eines Tages, wenn mein Körper entschieden hat, dass es so weit ist, wird dieses verdammte Y-Chromosom dem Körper befehlen, die männlichen Hormone zu produzieren, die mich zu einem Monster machen. Zu einem haarigen, widerlichen Monster mit schwellenden Muskeln, das nur daran denkt, zum Zug zu kommen. (S. 340)

Wo das Dorf nicht nur ein Ort, sondern auch ein Persönlichkeitsmerkmal ist, wird für ihn die soziale Isolation noch stärker spürbar. Zudem wird er von Vincent, einem Klassenkollegen regelmäßig traktiert. Als er Hannes Tagebuch findet, beginnt er, an deren Leben teilzunehmen. Jake gewinnt durch ihre Gedanken nicht nur einen Wissensvorsprung gegenüber seiner Umwelt. Schließlich ist er in seinem Selbstbewusstsein ausreichend gewachsen, um sich (in einer zugespitzten Duell-Situation) erfolgreich gegen seinen Peiniger zur Wehr zu setzen.

Jake bezeichnet seine unklare geschlechtliche Identität als “Krankheit”, worin er sich mit Hanne verbunden fühlt. Diese leidet an einer fortschreitenden Form von Alzheimer und muss hilflos zusehen, wie ihre Persönlichkeit zerfällt. Bereits im Vorgängerroman “Wenn das Eis bricht” sind dieser Prozess, sowie Spannungen in ihrer Ehe mit Peter zu beobachten. In der erzählten Gegenwart des Romans ist sie weitgehend passiv, und doch erfüllt sie mehrere Aufgaben: Sie gibt in ihrem Tagebuch eine Rückblende auf den aufzuklärenden Mordfall, sie wird von der Ermittlerin zum Gegenstand der Ermittlungen und schließlich überträgt sie mit ihrem Wissen als außenstehende Beobachterin auch einen Teil ihrer Reife und Lebenskraft an Jake.

Malin schließlich nimmt in mehrfacher Weise eine ambivalente Funktion ein. Zum einen verkörpert sie den klassischen Gegensatz zwischen Stadt und Land, andererseits ist sie sowohl Ermittlerin, als auch persönlich in den Fall involviert. Bereits der Prolog erzählt, wie Malin als junges Mädchen die erste Leiche findet, eine weitere Verbindung offenbart sich im Finale des Romans. Aufgrund ihrer Verwurzelung im Ort wird sie in die Ermittlungen eingebunden. Diese Stärke ist jedoch zugleich eine Schwäche, ihre persönliche Verbindungen trüben zunehmend ihren Blick. In dieser Figur manifestiert sich auch am deutlichsten die Unentrinnbarkeit der Provinz. Anders als Jake kennt Malin den Blick von außen durch die eigenen Augen. Zum einen ist sie reflektiert genug, ihr ihre mögliche Entwicklung abzuschätzen, zum anderen bringt sie nicht die Kraft auf, sich dagegen zu wehren:

Vielleicht fürchte ich mich ganz einfach vor Ormberg – oder vielleicht eher davor, was aus mir werden würde, wenn ich hierbliebe. Ich bin überzeugt, dass ich mich langsam verwandeln würde, hinuntergezogen in die Hoffnungslosigkeit, die hier wuchert (…). (S. 354)

Ihr Heimatort wirkt für Malin wie ein Schwarzes Loch: Je näher sie ihm ist, desto stärker ist seine Anziehungskraft. Mit zunehmender Dauer ihres Aufenthalts fällt sie wieder in jene Denkmuster zurück, die in erster Linie auf eine Abschottung nach außen ausgerichtet sind. Schließlich wird auch ihre Beziehung mit Max, einem Kollegen aus Stockholm, zwischen diesen Gedanken zermahlen.

Ormberg ist ein fiktives Dorf in der Einöde, für Malin ein Schwarzes Loch, für alle anderen eine Teergrube. Ein Entkommen fällt schwer, und alles, was mit ihm in Berührung kommt, wird mit klebriger, lähmender Melancholie überzogen. Ormberg ist wirtschaftlich herunterkommen, der einst größte Arbeitgeber, eine Textilfabrik namens “TrikotKönig” ist längst in Konkurs.

In ihrem Tagebuch charakterisiert Hanne folgendermaßen:

Ormberg strahlt Verfall und Resignation aus: stillgelegte Fabriken, geschlossene Läden, mit Brettern zugenagelte Häuser” (S. 306)

Die Flüchtlingsunterkunft, die in der alten Fabrikhalle untergebracht ist, wirkt selbst nach mehr als zehn Jahren noch wie ein Fremdkörper. Für die Bewohner ist die Welt außerhalb ihres Ortes nicht relevant und feindliches Territorium. Demzufolge ist alles Interesse auf das karge Geschehen innerhalb gerichtet, die Menschen kochen im Sud ihrer eigenen, sich gegenseitig verstärkenden Meinungen und Vorurteile. (Die entsprechenden Begriffe aus der gegenwärtigen Terminologie sind “Filterblase” und “Echokammer”.) Camilla Grebe widersteht der Verlockung des Gemeinplatzes der Milieubeschimpfung – einfach, weil realistischerweise keine der Figuren die mentale Kraft aufbringt, sich gegen das bornierte Dorfdenken aufzulehnen und aus dem Freiluftkäfig auszubrechen. Selbst der Außenseiter Jake will keine Revolution anzetteln, sondern lediglich Klarheit über seine geschlechtliche Identität – und damit seinen eigenen Seelenfrieden – finden. Ein exemplarisches Lebensbild ist Stefan, Jakes Vater. Ehemals in der Fabrik beschäftigt, ist er seit langem arbeitslos und dem Alkohol verfallen. Die Arbeit im Haushalt und das Kochen wird von Jakes Schwester Melinda erledigt, während Stefan regelmäßig in die substanzlosen Klagen gegen alles annähernd Fremde einstimmt.

Beinahe obligat ist es für einen Roman des Genres – gerade, wenn er mit skandinavischem Weltschmerz überzogen ist – sich auch aktuellen gesellschaftlichen Spannungsfeldern zu widmen. Camilla Grebe erfüllt hier nicht pflichtschuldig eine Vorgabe, sondern verbaut die betreffenden Themen als tragende Wände in ihrem Erzählgebäude. Die Situation der Flüchtlinge im Ort zeichnet sie sehr menschlich in Grauschattierungen als eine konkrete Situation und deren Auswirkungen. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl Ormbergs ist nämlich eine hohe Anzahl von Menschen aus gegenwärtigen und vergangenen Konfliktherden untergebracht. Die daraus entstehende Skepsis bis hin zur Angst wird am deutlichsten an Malin sichtbar, in deren Kopf die beruflich gebotene Objektivität und die alten eingebrannten Ressentiments aufeinander treffen. Jene auf engem Raum zusammenlebenden Leute, die niemand so richtig kennt, niemand kennen will, eignen sich ideal, um als Sündenböcke für den Niedergang des Ortes zu dienen. Und die Grenze zwischen verbaler und körperlicher Gewalt gegen diese Südenböcke ist leicht überschritten …

Anhand der Profilerin Hanne schneidet Camilla Grebe den Umgang mit Demenz an – sowohl aus Sicht einer Betroffenen, als auch aus Sicht der unmittelbaren Umgebung. Hanne blickt hilflos in den Abgrund, der ihre Erinnerungen verschlingt. Gleichzeitig wächst ihr Argwohn gegenüber ihrem Mann Peter, der sich ratlos bemüht, sie zu unterstützen. Der Titel des Buches, “Tagebuch meines Verschwindens” bezieht sich in doppelter Weise auf Hanne, nämlich einerseits ihre Entführung, andererseits auf das langsame Verblassen ihrer Persönlichkeit.

Ich habe das Gefühl, langsam in winzige Stücke zu zerfallen, die in unterschiedliche Richtungen verschwinden, davon treiben wie Herbstlaub auf dem kalten schwarzen Wasser des Ormbergbaches. Das hier ist das Tagebuch über mein Verschwinden. Nicht physisch, sondern bildlich – denn mit jedem Tag, der vergeht, gleite ich tiefer in den Nebel hinein. (S. 256)

Jake, der kurz vor der Pubertät steht, graut vor der Vorstellung sich rasieren zu müssen und ein Mann zu werden. Stattdessen probiert er sich durch die Garderobe seiner verstorbenen Mutter, wenn er sich unbeobachtet weiß. Der innere Konflikt um die geschlechtliche Identität – der auf gar keinen Fall nach außen dringen darf – erzeugt einen Druck, dem Jake nur schwer standhalten kann.

Persönliches Fazit

“Tagebuch meines Verschwindens” von Camilla Grebe ist eine klug konstruierte Geschichte mit subtiler Spannung, die vor allem die bedrückende Enge des Dorfes einfängt. Die Autorin lässt immer gerade so viel an Information aus der dichten Schneedecke hervorlugen, wie der Leser gerade sehen soll.

© Rezension: 2020, Wolfgang Brandner

 

Weitere Stimmen zum Buch:

Tagebuch meines Verschwindens
Camilla Grebe | Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Thriller
btb Verlag | ISBN: 978-3-442-71881-8
2019
Klappbroschur, 608 Seiten
https://www.randomhouse.de
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