Damiano Femfert | Rivenports Freund

by Marcus

“Rivenports Freund” von Damiano Femfert

Argentinien, 1952. Wie aus dem Nichts taucht in der verschlafenen Kleinstadt S. ein junger Mann auf. Er ist schwer verletzt, hat nichts als seine Kleider am Leib und scheint sein Gedächtnis verloren zu haben. Woher kommt der blauäugige Blonde, der so offensichtlich kein Einheimischer ist? Doktor Rivenport sieht sich als Direktor des örtlichen Krankenhauses gezwungen, den Fremden nach seiner Genesung bei sich zu Hause aufzunehmen. Wie der Rest des Ortes erliegt er zunehmend dem naiven Charme des jungen Mannes. Rivenport stellt auf eigene Faust Nachforschungen an – und die führen ihn schließlich zurück in die jüngste Vergangenheit der Geschichte. [© Text und Cover: Schöffling Verlag]

 

Zugegeben, vor der Lektüre dieses Romans hatte ich noch nichts von der Provinz Jujuy im Nordwesten Argentiniens gehört. Ein Landesteil, in den kaum Touristen hinfinden, fern vom weltgeschichtlichen Geschehen. Damiano Femfert setzt die Handlung seines Buchs in die 1950er Jahre in die anonyme Kleinstadt S. Zu dieser Zeit ist dort noch alles ordentlich geregelt: die Herren der Zuckerrohrplantagen frönen ihrer Langeweile im Club, der Bürgermeister kümmert sich darum, dass alles „wie geschmiert“ läuft, und die Indios erfüllen ihre Arbeiter- und Dienertätigkeiten.

Wer ist Kurt?

Dr. Rivenport ist als Arzt und Krankenhausleiter ein sehr angesehener Mann in dieser Gemeinde. Auch er liebt es, wenn der Tag geregelt verläuft. Als er wegen eines schwer verletzten Mannes in die Klinik gerufen wird, ist das für ihn erst mal nur eine ärgerliche Störung. Als er aber hört, dass der Eingelieferte ein Fremder ist, wird er neugierig. Nur sehr selten verirren sich Unbekannte in das Städtchen. Das Rätsel der Identität und der Anwesenheit des Gefundenen packt ihn und lässt ihn nicht mehr los. Denn selbst nachdem der aufwacht, kann er nichts zur Lösung beitragen, denn er leidet offensichtlich an einer akuten Amnesie. Nur den Namen „Kurt“ gibt er irgendwann von sich, und so nennen ihn dann auch alle.

Wer war Kurt? Niemand konnte es sagen. Wer Kurt ist, das wussten sie, aber wer er war … Ein Dieb? Ein Flüchtling? Ein Auswanderer? Ein Musiker? Ein Verbrecher? Oder eben doch ein Engel? (S. 185)

 

“Rivenports Freund” von Damiano Femfert

 

Um wen geht es wirklich?

Kurt stiehlt sich mit seiner naiven und enthusiastischen Art in die Herzen der Einwohner. Wie ein kleines Kind entdeckt er die beschränkte Welt des Ortes. Auch Rivenport kann sich ihm nicht entziehen, Kurt und seine unbekannte Vergangenheit lassen ihn nicht los. Tatsächlich ist dessen Geschichte nicht wirklich raffiniert und wäre für sich gesehen eher enttäuschend. Im Mittelpunkt stehen allerdings Rivenport und die anderen Bewohner von S., die sich um Kurt kümmern. Was jeder für sich in dem Fremden sieht, in diesem Individuum, das dort in der Provinz quasi neu erschaffen wird, steht im Mittelpunkt. Was bedeutet Identität, was definiert den Menschen? Kann es für ihn eine Metamorphose geben wie bei den Schmetterlingen, mit denen sich Rivenport so gern beschäftigt? Auch mit solcher Symbolik nähert sich der Autor den entscheidenden Fragen, ohne mich als Leser mit der Nase darauf zu stoßen. Der Schreibstil ist dabei recht eingängig und fällt an einigen Stellen mit einem smarten Humor auf.

Es beeindruckte Rivenport immer wieder, dass Nonnen nicht nur wegen der schlichten Eleganz ihrer Uniform, sondern auch durch ihre Körperhaltung eine natürliche Anmut besaßen. Im Falle der Priorin handelte es sich um die sprichwörtliche Ausnahme der Regel. (S. 21)

 

Mein Fazit

Kurts ziemlich vorhersehbare Geschichte hat mich wenig begeistert. Sehr wohl aber wie feinsinnig Damiano Femfert den Dr. Rivenport und die anderen Bewohner der Kleinstadt beim Umgang mit dem Fremden beobachtet. Das hat mich sehr an das Buch gebunden und mich tief eintauchen lassen in die argentinische Provinz der 1950er Jahre.

© Rezension: 2020, Marcus Kufner

 

Rivenports Freund Book Cover Rivenports Freund
Damiano Femfert
Roman
Schöffling | ISBN: 978-3-89561-077-6
4.02.2020
Gebunden
304
www.schoeffling.de
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