Thomas Jonigk | Weiter.

by Marcus

“Weiter.” von Thomas Jonigk

Wie ist es möglich, glücklich zu sein? Das ist die zentrale Frage, mit der sich die beiden Protagonist*innen aus Weiter. auseinandersetzen. Nehmen wir Veronika: Sie war in ihrer Kindheit und Jugend Gewalt und Lieblosigkeit ausgesetzt, wovon wir auf den ersten Seiten des Romans erfahren. – Und nehmen wir Robert: Er wurde gerade von seinem langjährigen Partner verlassen, der sich in eine Amour fou mit einem 18-Jährigen gestürzt hat. Aufgelöst und am Boden zerstört trifft er im Mai 1986 in einem Westberliner Café auf Veronika. Von da an geht es aufwärts, es kommt Hoffnung auf – es geht weiter. [© Text und Cover: Droschl Verlag]

 

Irgendetwas zieht Robert an, als er Veronika in dem ansonsten leeren Café sieht. Ihre wenig auffällige Erscheinung kann es nicht sein, die ihn anspricht. Sie scheint aber genau die Person zu sein, die er jetzt braucht. Doch noch bevor wir erfahren, wie diese Begegnung verläuft, springen wir in der Zeit zurück, um mehr über Veronika zu erfahren.

Veronikas Kindheit und Jugend war nicht von der Geborgenheit und Liebe geprägt, die ein junger Mensch braucht. Dass sie vom eigenen Vater und Großvater missbraucht und von der Mutter gedemütigt wurde, kann nicht ohne negative Auswirkungen auf ihr Gemüt geblieben sein. Thomas Jonigk erzählt davon zwar ohne Pathos, es ist für mich trotzdem hart und macht mich betroffen, das zu lesen.

…aus Veronikas Sicht ist das die verdammte Quittung dafür, dass ihre sogenannte Mutter sich mindestens fünfzehn Jahre lang an ihr ausgetobt hat. Das war bestimmt nicht immer gerechtfertigt, da ist Helga ganz ehrlich, vor allem der Einsatz vom Teppichklopfer aus Gummi oder wenn sie Veronika gewürgt hat, das war schon irgendwie übertrieben. Brutal, würden manche wahrscheinlich sagen. (S. 62)

In der ersten Hälfte des Romans verfolgen wir, wie Veronika mit dieser außerordentlich schwierigen familiären Situation umgeht und was das mit ihrer Persönlichkeit macht. Obwohl die Perspektive des Erzählers eine gewisse Distanz wahrt, ist es intensiv, ihre verschiedenen Lebensphasen mitzuerleben. Mit diesem Hintergrundwissen wird die Begegnung mit Robert sehr spannend, denn „normal“ wird die wohl nicht verlaufen. Er ist kurz nach der Trennung von seinem Partner in einer emotionalen Ausnahmesituation. Ob da ausgerechnet Veronika die richtige Ratgeberin ist?

 

“Weiter.” von Thomas Jonigk

 

Was mich bei diesem Roman von Beginn an begeistert hat, ist Thomas Jonigks außergewöhnlicher Sprachwitz. Damit erschafft er ungewohnte Perspektiven und erreicht eine große Freiheit in der Erzählweise. Da sind immer wieder Gedankensprünge dabei, denen ich gerne folge. Das fühlt sich meist leicht an, ist aber sehr treffend auf den Punkt gebracht. Er schneidet auch einige philosophisch Fragen an: Gibt es den freien Willen wirklich? Ist der Mensch nur ein Zufallsprodukt oder doch die Krone der Schöpfung? Kann es glücklich machen, sich den gesellschaftlichen Konventionen zu fügen? Stillstand gibt es nicht in diesem Roman, denn sein Titel ist auch sein roter Faden: es geht immer weiter. Die Welt dreht sich weiter, das Leben geht weiter.

 

Mein Fazit

„Weiter.“ besticht mit einer enormen Tiefe und Intensität. Das ist anregend und bringt mich außergewöhnlich nah an die Protagonisten heran. Vor allem aber die sprachliche Raffinesse hat mich begeistert und mich sehr an das Buch gefesselt.

© Rezension: 2020, Marcus Kufner

 

Weiter. Book Cover Weiter.
Thomas Jonigk
Roman
Droschl – ISBN: 978-3-99059-047-8
7.02.2020
Gebunden
200
www.droschl.com
2

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1 comment

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wolfgang weiland 10. Februar 2020 - 10:07

sehr interessant, danke…

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