Maria Nurowska | Briefe aus Katyn

by Marcus Kufner

“Briefe aus Katyn” von Maria Nurowska

Polen vor dem 2. Weltkrieg: Janina, eigenwillige Tochter aus gutem Hause, träumt vom Fliegen und lässt sich zur Pilotin ausbilden. Im Juni 1939 heiratet sie ihren Fluglehrer Mieczys³aw Lewandowski. Doch nach Kriegsausbruch gerät Janina bei einem Einsatz in russische Kriegsgefangenschaft. Als einzige Frau im Lager der polnischen Offiziere erhält sie einen separaten Schlafplatz, den sie sich mit einem kleinen Hund teilt. Die Männer begegnen der mutigen Fliegerin ausnahmslos mit Respekt, schon bald gilt sie als »gute Seele« des Lagers. Regelmäßig schreibt sie Briefe an ihren Mann, die sie in ihr Tagebuch notiert. Ein halbes Jahrhundert später, Lewandowski lebt inzwischen im Exil, erhält er ein Päckchen aus Breslau … [© Text und Cover: ebersbach & simon]

 

Janina Lewandowska

Mit diesem Roman möchte die polnische Autorin Maria Nurowska eine Frau ehren, die für sie Heldenstatus hat: Janina Lewandowska (1908-1940). Sie war war eine leidenschaftliche Fliegerin und wurde am Anfang des Zweiten Weltkriegs von der polnischen Armee eingesetzt. 1939 kam sie in sowjetische Gefangenschaft und war die einzige Frau unter Tausenden Opfern, die 1940 bei Katyn ermordet wurden.

Die Autorin bringt uns abwechselnd zwei Schicksale näher: Den einen Strang bilden die fiktiven Eintragungen Janinas in ein Notizbuch während ihrer Gefangenschaft. Die sind in Form von Briefen an ihren Ehemann geschrieben, die sie so natürlich nicht aus dem Lager hat schicken dürfen. Erst im Jahr 1997 erhält er dieses Dokument. In ihren Notizen erzählt sie nicht nur vom Leben im Lager sondern auch retrospektiv von ihrer Familie. Als Tochter eines Generals war es für sie nicht einfach, sich seinem Patriarchat zu erwehren. Gerade im konservativen Polen war die Rolle der Frau gesellschaftlich sehr eingegrenzt. Und eine Frau als Pilotin gehörte sich da schon gar nicht.

Sollte mich jemand fragen, was ich vom Leben erwarte, würde ich antworten: Ich will nach meinen eigenen Regeln leben! (S. 157)

 

Zwei Perspektiven

Nicht einmal zwei Monate war Janina mit Mieczyslaw (Spitzname Mieta) verheiratet, als der Krieg die beiden getrennt hat. Über ihn schreibt Maria Nurowska in dem zweiten Handlungsstrang. Da Mieta den Krieg überlebt hat, ist das Zeitfenster bei ihm weitaus größer als die gerade mal fünf Monate, die Janina für ihre Briefe hatte. Spannend liest sich, was er als Pilot unter britischer Führung über dem Ärmelkanal erlebt hat. Aber auch seine Suche nach ihr ist dramatisch. Er kann auch nach Kriegsende nicht herausfinden, was mit ihr passiert ist, obwohl er sogar in das neue kommunistische Polen reist, wo er umgehend verhaftet wird. Die Kombination dieser Erzählstränge ist Maria Nurowska sehr gut gelungen.

 

“Briefe aus Katyn” von Maria Nurowska

 

Die Form der biografischen Fiktion erlaubt der Autorin einige Freiheiten. Statt krampfhaft reine Fakten wiederzugeben, lässt sie Janina Lewandowska in ihren Briefen lebendig und mit einem ganz eigenen Charakter erscheinen. Durch das grausame Ende ist von Beginn an eine tragische Note vorhanden, die forciert sie nicht noch unnötig. Mit einer ungekünstelten Sprache lässt sie eine junge Frau zu Wort kommen, die trotz der widrigen Umstände nicht ihre Hoffnung und ihren Kampfgeist verliert.

Hier sind die Bedingungen alles andere als luxuriös, aber es könnte schlimmer sein. Man muss guten Mutes sein, was bleibt uns auch anderes übrig? (S. 131)

 

Mein Fazit:

Mit ihrem Roman hat Maria Nurowska ihrer Heldin ein würdiges und lesenswertes Andenken geschrieben. Die Briefform hat Janina Lewandowska für mich sehr lebendig werden lassen. Mit den beiden Perspektiven vermittelt sie sehr anschaulich die schwierige Situation der Polen zu dieser Zeit. Und nicht zuletzt ist es wichtig, dass die Erinnerung an das verbrecherische Massaker bei Katyn als Mahnung für die Zukunft erhalten bleibt.

© Rezension: 2020, Marcus Kufner

 

Weitere Stimmen zum Buch:

 

Briefe aus Katyn Book Cover Briefe aus Katyn
Maria Nurowska | Aus dem Polnischen von Marta Kijowska
Roman
ebersbach & simon | ISBN: 978-3-86915-208-0
19.02.2020
Gebunden
240
www.ebersbach-simon.de
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