Katya Apekina | Je tiefer das Wasser

by Alexandra

Katya Apekina | Je tiefer das Wasser | Rezension buecherkaffee.de, Alexandra Stiller

Katya Apekina | Je tiefer das Wasser ||Edie und Mae sind Schwestern. Die Mutter der beiden hat versucht sich umzubringen, und nun werden sie weggeschafft, aus ihrem Heimatkaff in Louisiana nach New York, aus der Obhut einer labilen Fantastin zum weltberühmten Schriftstellervater, der die Familie vor Jahren verließ. Für Edie bedeutet die neue Umgebung einen unverzeihlichen Verrat, für Mae die langersehnte Möglichkeit der Befreiung. Schnell kommt es zum Bruch. Während die eine einen verzweifelten Rettungsversuch unternimmt, lässt sich die andere ein auf die Zuneigung des Vaters und die Bitte, ihm beim Schreiben seines neuen Romans über die Mutter zu helfen. Alle sind sie getrieben von einer Obsession: Verstehen, was zwischen ihnen, was tief in ihnen vor sich geht. [ © Text + Cover: Suhrkamp Verlag ]

Das Debüt von Katya Apekina hat es wahrlich in sich. Zuerst in einem kleinen Indie-Verlag veröffentlich, entwickelte sich Je tiefer das Wasser zum Überraschungserfolg des letzten Jahres, Übersetzungen ins Französische, Spanische, Italienische erscheinen zeitgleich im Frühjahr 2020. Ein komplexes Familiendrama mit absoluter Sogwirkung, wenn man sich darauf einlassen kann. Mir ist das gelungen und ich muss jetzt noch, Tage später, sehr viel über das Gelesene nachdenken, denn in diesem Kaleidoskop vieler verschiedener Stimmen steckt so unglaublich viel. Details werden erst sichtbar, wenn das Wasser sich beruhigt, wenn man klarer sehen kann, bis ganz hinunter auf den Grund.

Heute kann ich leicht sagen, dass ich wünschte, ich wäre netter zu meiner Schwester gewesen, aber damals war mir das nicht möglich. Unser Vater hatte mir gerade das Herz gebrochen, unsere Mutter hatte sich gerade umgebracht, und ich hatte mich gerade verbrennen wollen. Ich konnte mir nicht leisten, großzügig zu sein.

 

Katya Apekina | Je tiefer das Wasser | Rezension buecherkaffee.de1997: Die Schwestern Edith (16) und Mae (14) werden nach einem Selbstmordversuch der Mutter nach New York geschickt. Sie sollen dort für eine Weile bei ihrem Vater, dem Bestsellerautor Dennis Lomack, leben, der die Familie schon vor vielen Jahren verlassen hat. Aber das Familiendrama spitzt sich dort erst richtig zu. Ein jahrelang schwelender Brand, der sich in jetzt erst richtig entzündet. Dennis braucht eine Muse, um erfolgreich schreiben zu können. Schon sein ganzes schriftstellerisches Leben an saugt er andere aus wie ein Vampir. Erst sind es die Freunde, dann folgt die Familie, ja selbst vor seinen Kindern macht er keinen Halt. Er ist ein zerstörerischer Egomane, der gar  nicht anders kann, der immer wieder seinem Drang nachgibt.

Kunst ist ein Messer. Du musst bluten.

Über verschiedene Zeitebenen wird die Geschichte hauptsächlich von den Kindern Mae und Edie erzählt. Die Geschwister sind sehr verschieden und gehen auf ganz unterschiedliche Weise mit den Erfahrungen um. Beide versuchen, aus dem toxischen Wirkungskreis auszubrechen.  Aber es ist nicht einfach, sich aus diesen Fesseln zu lösen, die einen in die Tiefe ziehen, klammern und zerstören möchten. Toxische Beziehungen, sei es in der Familie oder unter Freunden, verankern sich tief und es fordert nicht selten drastische Maßnahmen um sich daraus zu befreien. Einen regelrechten Cut.

Besonders eindrücklich wird das Drama mit dem zusätzlichen Blick von außen. Katya Apekina lässt weitere Stimmen einfließen, Freunde, Geliebte und Familienmitglieder kommen zu Wort und fügen so immer weitere Puzzleteile hinzu, vervollständigen das Bild. Und je mehr ans Tageslicht kommt, je tiefer ich in dieses Wasser, diesen Strudel eintauchte, desto betroffener wurde ich. The Deeper the Water the Uglier the Fish – der Original Titel passt einfach hervorragend zur Geschichte.

Das Debüt von Katya Apekina ist mitreißend, aufwühlend und sehr vielschichtig.

Eine ganz klare Leseempfehlung meinerseits. Aber wie eingangs schon erwähnt, man muss sich darauf einlassen können. Es entwickelt sich zu einem düsteren Familiendrama und gegebenenfalls kann dies auch triggern.

© 2020, Alexandra Stiller

Katya Apekina | Je tiefer das Wasser | Rezension buecherkaffee.de, Alexandra Stiller

Je tiefer das Wasser
Katya Apekina | Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Roman
Suhrkamp Verlag | ISBN: 978-3-518-42907-5
2020
Gebunden, 396 Seiten
www.suhrkamp.de
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2 comments

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Mikka Gottstein 16. Mai 2020 - 21:10

Hallo,

diese Rezension weckt bei mir sehr viel Neugierde auf das Buch! Es kling vielschichtig, komplex, tiefgründig, und ich glaube, es muss auf meine Wunschliste.

LG,
Mikka

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[ Mikka liest das Leben ] [ Das Köfferchen ] Besuchte Buchblogs #10 2020 18. Mai 2020 - 20:58

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