Leona Deakin | Mind Games (Hörbuch)

by Wolfgang Brandner

Leona Deakin | Mind Games (Hörbuch) | Buecherkaffee.de

London: Vier Menschen erhalten anonym eine Geburtstagskarte mit der Nachricht: »Dein Geschenk ist das Spiel – traust du dich zu spielen?« Danach verschwinden sie spurlos. Da die Polizei die Sache nicht ernst nimmt, engagiert die Tochter einer der Verschwundenen die Psychologin und Privatdetektivin Dr. Augusta Bloom. Als Bloom die Lebensläufe der Vermissten analysiert, entdeckt sie eine Gemeinsamkeit: Alle vier hatten eine dunkle Seite, die sie vor der Welt geheim hielten – und die sie höchst gefährlich macht. Offensichtlich nutzt der Täter das Gewaltpotential seiner Opfer. Und versucht, auch Augusta Bloom in sein tödliches Spiel hineinzuziehen … [Text & Cover: © der hörverlag]

Mind Games von Leona Deakin lockt mit einem mustergültigen Klappentext.

Er ist kurz, verrät über die Handlung genauso viel, dass man neugierig wird, aber noch nicht zu viel erfährt, und am wichtigsten: er weckt keine falschen Erwartungen durch eine verzerrte Darstellung.

Hauptfigur Dr. Augusta Bloom ist Psychologin und eine ausgewiesene Expertin für Psychopathen. Gemeinsam mit ihrem Partner Marcus Jamesson, einem ehemaligen MI6-Agenten, hat sie sich auf Vermisstenfälle spezialisiert. Diese klassische Rollenverteilung zwischen Hirn und Muskelkraft (brains & brawn) erweist sich zunächst als recht praktisch für die Leser, um die beiden Begleiter durch die folgenden Lese- oder Hörstunden rasch einzuordnen. Auf die kuriose Ausgangssituation – mehrere Menschen verschwinden, nachdem sie Glückwunschkarten erhalten haben – werden die beiden Figuren schließlich durch die Tochter einer Betroffenen angesetzt. Und schon ist die Geschichte ins Rollen gebracht …

Naheliegenderweise durchleuchten Bloom und Jamesson die persönlichen Hintergründe der übrigen Verschwundenen. Alle von ihnen haben ihre eklatanten sozialen Defizite durch tadelloses Verhalten vor ihrem Umfeld verborgen. Sie sind Wölfe, die wie viele andere unerkannt in der gesellschaftlichen Schafherde lauern. Der Autorin ist es ein erkennbares Anliegen, diese Erkenntnis zu vermitteln. Aus ihrer kurzen Vita auf der Seite des Verlags erfährt man, dass Leona Deakin nach ihrer Tätigkeit als Profilerin für die West Yorkshire Police nunmehr selbständige Psychotherapeutin ist. Parallelen zu ihrer Hauptfigur sind also deutlich erkennbar. Ihr berufliches Wissen über psychische Erkrankungen und deren unterschiedliche Ausprägungen durchzieht die Geschichte. Der Schwerpunkt liegt dabei auf “Psychopathen”, ein Begriff, der nahezu inflationär gebraucht wird. Immerhin ist man am Ende des Buches um einige Einblicke klüger.

Ich persönlich betrachte euch gerne als die verborgenen Psychopathen. Ihr lebt und gedeiht innerhalb der Gesellschaft, habt Jobs und Beziehungen und gründet Familien, weil ihr das nachahmt, was erwartet wird. Ich weiß, dass die Normalen oft unglaublich frustrierend und dumm sein können, aber man lernt mit ihnen umzugehen.

Psychopathen sind nicht notwendigerweise unberechenbare Serienmörder, sondern in erster Linie Menschen, denen Empathie und soziale Verantwortung fehlen. Betroffene können diese Regungen oft täuschend echt vorspielen und sind geschickt darin, andere zu manipulieren. Diese Eigenschaften können sich unterschiedlich manifestieren. Was auf den ersten Blick nach Gewissenlosigkeit aussieht, ist auch die Fähigkeit, Entscheidungen allein nach sachlichen Kriterien zu treffen. Kaltblütigkeit kann auch bedeuten, in komplexen Situationen den Überblick zu bewahren. Diese Persönlichkeitsmerkmale sind in exponierten Positionen äußerst nützlich. Sogenannte “funktionale Psychopathen” sind unauffällig, oft erfolgreich im Beruf und bringen sich in die Gesellschaft ein.

Ich hatte Psychopathen als eine andere Spezies betrachtet, eine Art gigantischer Mutation. Und dann habe ich das getan, was so viele von uns tun. Ich habe generalisiert. Ich bin davon ausgegangen, dass sie genauso ist wie diese harten, kalten Charaktere. Aber letztlich war sie eben doch nur ein junges Mädchen, das wusste, dass es anders als die anderen war, aber einfach nur dazugehören wollte.

Durch ihre Hauptfigur vermittelt Leona Deakin genau diese Form differenzierten Denkens. Augusta Bloom agiert besonnen, wägt alle vorhandenen Informationen gegeneinander ab, zieht keine voreiligen Schlüsse. Das macht sie zu einer ausgesprochen sympathischen Figur. Gleichzeitig kostet diese Nachdenklichkeit den Roman auch sehr viel an Tempo.

Und hier tritt eine Diskrepanz zum Etikett “Psychothriller” zutage.

Ein Psychothriller ist gelungen, wenn man ihn nur schwer aus der Hand legen kann. Er baut durch ein Bedrohungsszenario Spannung auf und steigert diese mit Stilmitteln wie Cliffhangern, überraschenden Wendungen oder Zeitdruck für die Protagonisten. Weder diese Elemente, noch ein Ereignis, das es zu verhindern gilt, sind im vorliegenden Roman zu finden. Dabei ist die Ausgangssituation vielversprechend: Jemand macht gezielt Psychopathen ausfindig und schart sie um sich. Mit einem solchen Auftakt einen weitgehend spannungsfreien, gemächlich dahinplätschernden Roman zu verfassen, ist beinahe schon eine Kunst für sich.

Welches Interesse hat jemand daran, menschliche Zeitbomben einzusammeln? Steckt dahinter eine großangelegte Verschwörung oder ein persönlicher Racheplan? Was könnte man mit gut hundert entfesselten Persönlichkeiten bar jeder Hemmung erreichen? Wie viel Misstrauen und Zwietracht könnte man allein mit aus den Kontext gerissenen Details über Psychopathen verbreiten?

Von einer möglichen Gefahr ist im Roman nur wenig zu verspüren. Einige wenige temporeiche Situationen wirken zwar auflockernd, insgesamt ist der Nervenkitzel jedoch zu schwach dosiert. Jene Momente, in denen man das Buch einfach nicht zur Seite legen kann, sind rar. Eine abschließende Wendung ist zu vorhersehbar und verpufft wirkungslos. Als schließlich die Hauptfigur Bloom erkennt, in welcher Weise sie selbst in den Fall involviert ist, muss sie entscheiden und handeln. Zu diesem Zeitpunkt ist es möglicherweise schon zu spät, um den Roman noch als Thriller zu qualifizieren.

Persönliches Fazit

Mind Games von Leona Deakin ist ein Debüt, nach dem man sich ein Stück klüger fühlt als zuvor. Trotz einer sympathischen Hauptfigur und einem vielversprechenden Fall kann der Roman die Erwartungen, die durch das Etikett “Psychothriller” geweckt werden, nicht erfüllen.

© Rezension: 2020, Wolfgang Brandner

Mind Games Book Cover Mind Games
Leona Deakin | Aus dem Englischen von Ariane Böckler
Psychothriller
der hörverlag | ISBN: 978-3-8445-3796-3
2020
Hörbuch Download, 10h 10mi
randomhouse.de
2

Lust zum stöbern und entdecken?

1 comment

[ Mikka liest das Leben ] [ Rezension ] Leona Deakin: Mind Games 2. Oktober 2020 - 15:32

[…] FederviehBücherKaffeeVon Buch zu Buchthink twiceNadines LesecouchRecension OnlinePapier und […]

Reply

Schreibe uns Deine Meinung