Roman Klementovic | Wenn das Licht gefriert

by Wolfgang Brandner

Roman Klementovic | Wenn das Licht gefriert

Roman Klementovic | Wenn das Licht gefriert || Seit 40 Jahren schon ist Elisabeth mit Friedrich verheiratet – glücklich, trotz einiger Schicksalsschläge. Auch seine Alzheimererkrankung kann ihre Liebe nicht erschüttern. Doch eines Abends ist er besonders verwirrt. Während eines TV-Beitrags über den seit 22 Jahren ungeklärten Mord an der besten Freundin ihrer Tochter gibt er Verstörendes von sich. Er erwähnt Details, die er gar nicht kennen dürfte. In Elisabeth regt sich ein schlimmer Verdacht … [Text & Cover: © Gmeiner Verlag]

Die Vergangenheit aufzuwühlen, kann überraschende Ereignisse in der Gegenwart auslösen … besonders, wenn in der Vergangenheit ein ungeklärter Mordfall liegt. Diese Prämisse nutzt Roman Klementovic für seinen neuen Thriller. Bewährt ist auch die Erzählstruktur: Auf das auslösende Moment folgt die Suche nach der Wahrheit. Der Täter wird aufgeschreckt, legt falsche Spuren, neue Morde geschehen. Nachdem die Hauptfigur die Lösung gefunden hat, vollzieht die Geschichte noch einmal eine Wendung und mündet in den Showdown. In Roman Klementovics Ausgestaltung dieses Schemas übernimmt zeitgemäß eine True Crime-Fernsehshow die Funktion des Auslösers. Ein Bericht weckt in dem an Alzheimer erkrankten Friedrich verschüttete Erinnerungen und Gefühle.

Roman Klementovic  wagt sich mit genreuntypischen Figuren an seine Geschichte.

Friedrich verfügt offensichtlich über detailliertes Wissen zur Tat. Aufgrund seines gesundheitlichen Zustandes nimmt er an der Geschichte aber kaum als handelndes Subjekt teil. Vielmehr wird er, vergleichbar mit einer Tatwaffe, von einem zum anderen geschoben. Seine Frau Elisabeth ist die Hauptfigur des Romans und damit deutlich älter als die üblichen Psychothriller-Protagonisten. Zu Beginn hat sie sich damit abgefunden, Friedrich zu pflegen und seine wechselnden Launen schweigend zu ertragen. Die Möglichkeit, ihr Mann könnte in den Mordfall verwickelt sein, lässt sie aus dieser Rolle ausbrechen. Sie ergreift die Initiative, um bestenfalls seine Unschuld, zumindest aber die Ursache seines Wissens aufzuklären. Dabei wird sie mit Beobachtungsgabe und logischem Folgern zur Detektivin.

Monika und Thomas sind seit dem Mord an ihrer Tochter Anna in einem Zustand der Verbitterung gefangen. Das allzu durchsichtige Versprechen der TV-Produzenten, den Fall endlich aufzuklären, ist zwar eine verlockende, aber kaum erfüllbare Hoffnung. Auch Philipp, dem Sohn von Friedrich und Elisabeth, ist es nicht gelungen, aus jenem Umfeld auszubrechen, in dem er aufgewachsen ist. (Der Grund dafür tritt im Lauf der Handlung zutage.) Zum Zeitpunkt des Mordes war er mit Anna liiert, nun lebt er gemeinsam mit seiner Frau Sarah in erreichbarer Nähe seiner Eltern. 

Ein wiederkehrendes Motiv bei Roman Klementovic ist das Zusammenleben in ländlich-dörflichen Strukturen.

Hier sind alle untereinander bekannt, wer fremd ist, fällt sofort auf. Trotz der oft weiten Landstriche ist der Horizont der Bewohner eng. Junge ziehen oft in die Ballungsräume, die verfallenden Gebäude wirken trostlos. Obwohl im Vergleich zu den Vorgängerromanen das Dorf eher als Kulisse fungiert, ist die bedrückende Stimmung, die es verströmt, dauernd zu verspüren. Die Vergangenheit wird von immerwährendem Schweigen zugedeckt. Als sichtbares Zeichen nutzt der Autor ein Moor, in dem auch die Leiche verschwunden ist. Das Moor schluckt alle Geräusche, alles Wissen, das Moor ist Schauplatz des Finales, was im Moor versinkt, taucht nicht mehr auf.

“Diese Gegend hier …”, unterbrach er sie und ließ den Satz unvollendet. Er stemmte die Hände in die Seiten. Plusterte wieder die Lippen.

“Was ist damit?”

“Sie ist verflucht! Wir sind alle verrückt vor Angst.”

“Wir dürfen nicht verzweifeln.”

“Verzweifeln …” Philipp bedachte sie mit einem verächtlichen Schnaufen. “Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Früher oder später frisst uns die Angst auf.”

Klementovic erzählt gerne mit allen Sinnen. Um entscheidende Szenen als solche zu kennzeichnen, schildert er jede Sinnenswahrnehmung. Dadurch übersteigt die Erzählzeit die erzählte Zeit, das Geschehen scheint wie in Zeitlupe. Die Anspannung wird auch beim Lesen spürbar, das Bedürfnis, die Figuren zu warnen oder sie zur Eile zu treiben, wächst. Schließlich vergewissert sich der Autor immer wieder mit Vorausdeutungen der ungebrochenen Aufmerksamkeit seiner Leser. Kapitelenden wie “Sie ahnte nicht, dass gerade in diesem Moment jemand ihr Haus betrat.” (S. 202) erfüllen genau diesen Zweck. 

Es war nicht das erste Mal, dass Friedrich unauffindbar war.

Durch die Wahl seiner Figuren beschäftigt sich der Autor auch mit der Alzheimer-Krankheit. Durch die schwindende Gedächtnisleistung verändert sich Stück für Stück auch die Persönlichkeit der Erkrankten bis ins Kindlich-Trotzige. Das beeinträchtigt auch das Leben der ihnen nahestehenden Menschen wesentlich. Friedrich etwa kommandiert und nörgelt, verlangt einen Teller Gemüsesuppe und kann sich wenig später darn nicht mehr erinnern. Die Geschichte um den Mordfall findet schließlich ein zufriedenstellendes Ende, ganz im Gegensatz zu Friedrichs gesundheitlichem Zustand …

Elisabeth wusste theoretisch, wie sie vorzugehen hatte. Aber in Momenten wie diesen war all ihr Wissen darüber wie weggeblasen. Wohl hauptsächlich deshalb, weil es ihr schwerfiel zu akzeptieren, dass Friedrich nicht mehr der Mensch war, der er einmal gewesen war.

Persönliches Fazit

“Wenn das Licht gefriert” von Roman Klementovic ist eine zeitversetzte Mördersuche mit einer ungewöhnlichen Hauptfigur, die eine dicke Kruste aus verbittertem Schweigen aufbrechen muss. 

@ 2020, Wolfgang Brandner
Blogtransparenz:  unbezahlte Werbung, Presseexemplar

 

Wenn das Licht gefriert Book Cover Wenn das Licht gefriert
Roman Klementovic
Gmeiner Verlag | ISBN: 978-3-8392-2770-1
2020
Klappbroschur, 349 Seiten
www.gmeiner-verlag.de
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1 comment

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ACAD-Profy - Lektorat 5. Januar 2021 - 7:53

Mein Lieblingsautor! Ich hab aber dieses Buch noch nicht gelesen

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