Rezension: Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs | Vladimir Sorokin

by Marcus
Manaraga

“Manaraga” von Vladimir Sorokin

In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts werden Bücher nicht mehr gelesen, geschweige denn neu gedruckt, sie dienen als Brennmaterial für die Zubereitung exklusiver Speisen. Book’n’Grill heißt der neue Trend und Chefkoch Geza ist sein Hohepriester. Stör-Schaschlik über Dostojewskis »Der Idiot« oder Schnitzel über Arthur Schnitzler, mit diesen und anderen Kreationen begeistert er seine zahlungskräftige Klientel. Doch was Erfolg hat, findet auch Nachahmer und so sieht sich Geza plötzlich vor unerwartete Probleme gestellt. [© Text und Cover: Verlag Kiepenheuer & Witsch]

 

Sorokin gehört schon seit vielen Jahren zu meinen absoluten Lieblingsautoren. Da ist es für mich immer etwas Besonderes, wenn ein neuer Roman von ihm erscheint. Sein letztes Werk “Telluria” ist ein Fest der surrealen Utopie, das mich begeistert hat. Entsprechend neugierig war ich auf das, was der „Meisterkoch“ zu erzählen hat.

Wir springen knapp zwanzig Jahre in die Zukunft. Europa hat gerade einen Krieg hinter sich, der bei den nationalistischen Tendenzen wohl unvermeidbar war. Die, die ihren Reichtum bewahren oder vermehren konnten, haben etwas gefunden, womit sie ihre Exzentrik ausleben können: Kochen auf Büchern. Der Reiz liegt hauptsächlich darin, dass keine Bücher mehr gedruckt werden. Jedes Buch, das verheizt wird, ist verloren. Deshalb ist es am schicksten, alte Erstauflagen zu verwenden. Die sind vor allem deshalb extrem teuer, weil „Book’n’Grill“ verboten ist und solche Ausgaben unter hohen Sicherheitsstandards verwahrt werden.

 

Manaraga

“Manaraga” von Vladimir Sorokin

 

Trotzdem hat sich ein ganzer Berufszweig gebildet, in dem sich unser Meisterkoch Geza als Experte für klassische russische Literatur etabliert hat. Er jettet um den ganzen Globus, sein Auftragsbuch ist voll. Er erzählt manches von sich, vor allem aber von den Kochevents, die im Fachjargon schlicht „Lesung“ genannt werden. Seine Kunden bieten uns Lesern ein Panoptikum der Eitelkeiten. Klug beobachtet und leicht überspitzt legt Sorokin die Dekadenz verschiedenster Exemplare der Kategorie Mensch offen. Dass er dabei gelegentlich ins Surreale rutscht, verstärkt das Gefühl einer gewissen Fremdartigkeit.

Mit einem Mal werden die Wände der Pyramide transparent, man sieht jemanden darin sitzen. Ich trete ein. Ein gut gebauter Zoomorph sitzt nackt am gläsernen Tisch und schreibt etwas mit einem altmodischen gläsernen Federhalter auf ein Blatt Papier, dabei tunkt er die stählerne Feder von Zeit zu Zeit … in die eigene linke Hand! (S. 138)

 

Grillen auf Tolstoi

Der Ich-Erzähler Geza kommt bei mir mit seiner nüchternen, sachlichen Art sehr angenehm an. Er ist kein hochgestochener Literat, er hat von den Büchern, die er verwendet, noch nicht mal eines zu Ende gelesen. Aber er weiß, wer ein erstklassiger Autor ist, es kommt bei ihm nichts anderes unter den Grill. So spielen die russischen Klassiker eine gewichtige Rolle. Was ein professioneller Book’n’Griller auf einem Tolstoi zubereitet, muss wohl ein außergewöhnliches Geschmackserlebnis sein. Sorokin, der als Autor vom System kritisch gesehen wird, nimmt man das „Büchergrillen“ aber auch als Symbol für das Vernichten von Schriften ab.

 

Manaraga

“Manaraga” von Vladimir Sorokin

 

Geza weiß aber auch moderne Technik einzusetzen. Ein High-End-Chip im Körper kann einen unverzüglich mit gewünschten Informationen versorgen, vor den Vollstreckungsbehörden warnen oder – sehr faszinierend – einen mit Träumen auf Bestellung versorgen. Sorokin baut diese Faktoren sehr stimmig in seine nicht sehr ferne und doch so utopische Welt ein.

 

Persönliches Fazit

Sorokins „Rezept“ geht auf: Sein „Book’n’Griller“ lässt uns einen tiefen und entlarvenden Blick auf eine dekadente Gesellschaft werfen. Die kluge Erzählweise und die surrealen Elemente haben mich bis zum stimmigen Ende sehr gefesselt.

© Rezension: 2018, Marcus Kufner

 

Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs Book Cover Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs
Vladimir Sorokin (Aus dem Russischen von Andreas Tretner)
Roman
Kiepenheuer & Witsch – ISBN: 978-3-462-05126-1
8.11.2018
Gebunden
256
www.kiwi-verlag.de
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