Entfernte Geliebte | Maike Wetzel

by Marcus

“Entfernte Geliebte” von Maike Wetzel

Liebe – Freundschaft – Hass. So einfach wie in dem alten Abzählreim ist es für die Entfernten Geliebten in Maike Wetzels Geschichten nicht. Ihre Seelen vibrieren in Glasfaserkabeln und am Trog von Bio-Schweinen. Sie sammeln Treuepunkte, hausen nördlich von Hollywood, auf dem Land, in der Großstadt oder in verwunschenen Hotelruinen. Sie träumen, lieben und verlieren sich – in schlaflosen Nächten, beim Kinderkriegen, an fremden Fenstern oder zwischen Gras und Rüben. Manche von ihnen werden gerade erwachsen, andere sind es bereits. Immer tasten sie sich an die Grenze zwischen Wunsch und Wirklichkeit heran. Der neue Erzählband von Maike Wetzel versammelt kraftvolle Geschichten für Schlaflose, Liebhaber und vibrierende Seelen. [© Text und Cover: Schöffling Verlag]

 

Bei einem Erzählband ist es ja immer so eine Sache: werden mir die Geschichten etwas sagen? Kann ich den Kern davon erkennen? Nachdem mich Maike Wetzels Roman “Elly” sehr beeindruckt hat, war ich aber optimistisch, dass mir das bei „Entfernte Geliebte“ auch so gehen würde. Doch gleich bei der ersten Story über ein Paar, das sich über unsinnige Nachrichten zu finden hofft, gelingt mir das nicht wirklich. Muss ich mich erst an den Rhythmus, an die Sprache gewöhnen? Ich bleibe da nicht lange hängen, sondern lese weiter.

Die zweite Erzählung sagt mir schon viel mehr zu, und die dritte flasht mich so richtig. Eine Aufseherin im Parkhaus, die während ihrer äußerst langweiligen Arbeit ihrer Fantasie freien Lauf lässt und sogar ins Surreale abdriftet, ist wirklich grandios. Nicht alle der dann noch folgenden fünfzehn Storys packen mich so wie diese, aber langweilig oder nichtssagend ist keine mehr davon. Zwischen fünf und neunzehn Seiten sind sie lang und bieten sich damit als literarische Happen zwischendurch sehr gut an.

 

“Entfernte Geliebte” von Maike Wetzel

 

Intensiv und ausdrucksstark

Die Story mit dem Titel „Geister“ vermittelt die Hilflosigkeit, die die Schwester und Eltern einer Magersüchtigen erfahren. Das erinnert mich sehr an den Roman „Elly“, in dem ein Mädchen verschwindet. Genauso intensiv und ausdrucksstark ist diese Erzählung.

Bei jedem Wort reißt ihr Totenkopf in Falten auf. Ihr Gesicht ist verschwunden, ihr Mund übergroß. Ich ertrage ihren Anblick kaum. Es ist unanständig, sie anzuschauen. Sie ist hässlich. Ich wende mich ab (S. 60)

Der Titel „Entfernte Geliebte“ führt etwas in die Irre, lässt er doch vermuten, dass es zentral um Liebe geht. Tatsächlich ist die Bandbreite der Themen fast so groß wie das Spektrum menschlicher Gefühle. Maike Wetzel hat ein gutes Auge für Details in ihrer Umgebung. Aus Szenen, die die meisten von uns nicht einmal bemerken würden, macht sie einen Text, unsentimental, aber sehr feinfühlig und detailliert. Das ist das, was die Erzählungen gemeinsam haben. Die Autorin beschreibt die Konflikte der zahlreichen Protagonisten und ihre unterschiedlichen Eigenschaften sehr sorgsam, ganz ohne Plattitüden. Dabei erreicht sie eine enorme sprachliche Dichte, egal ob sie in erster, zweiter oder dritter Person schreibt. Um alle Nuancen wahrzunehmen, lasse ich mir bewusst Zeit beim Lesen und reflektiere den Kern einer Geschichte danach nochmal. Das Buch wird bei mir sicherlich nicht im Regal verstauben, ich werde ganz bestimmt die eine oder andere Erzählung nochmal lesen. Vielleicht bekommt sogar die erste erneut eine Chance.

© Rezension: 2019, Marcus Kufner

 

Entfernte Geliebte Book Cover Entfernte Geliebte
Maike Wetzel
Erzählungen
Schöffling – ISBN: 978-3-89561-287-9
30.07.2019
Gebunden
240
www.schoeffling.de
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