Michaela Kastel | Worüber wir schweigen

by Wolfgang Brandner

Michaela Kastel - Worüber wir schweigen - Thriller - Rezension BücherKaffee

Michaela Kastel | Worüber wir schweigen || Zwölf Jahre sind vergangen, seit Nina ihr Heimatdorf fluchtartig verlassen hat. Nun kehrt sie unerwartet zurück, und ihre Ankunft wirft das sonst so ruhige Leben in der Gegend aus der Bahn. Was treibt sie wieder an den Ort, den sie so lange gemieden hat? Das Zusammentreffen mit ihrer alten Clique weckt in allen dunkle Erinnerungen an ein Ereignis, an dem ihre Freundschaft einst zerbrach. Und über das alle bisher geschwiegen haben … [Text & Cover: © Emons Verlag]

 

SPOILERWARNUNG

In der folgenden Rezension werden wesentliche Teile des Inhalts verraten. Wenn ihr vorhabt, das Buch zu lesen, bitte kehrt erst nach der Lektüre hierher zurück.

Im letzten Jahr, 2019, ein Roman der 1987 geborenen Österreicherin Michaela Kastel mein Interesse geweckt. So dunkel der Wald ist ebenso beklemmend wie unkonventionell. Die Rezension ist auf unserem Blog zu finden: https://buecherkaffee.de/2019/01/rezension-so-dunkel-der-wald-michaela-kastel.html. Wie aber würde Michaela Kastel ihren Nachfolger anlegen? Anders als erwartet, aber nicht minder spannend präsentiert sich Worüber wir schweigen. Der Platz im Regal für weitere Titel ist bereits reserviert.

Der neue Roman beginnt mit der 31-jährigen Nina, die nach zwölf Jahren in jene kleine Stadt zurückkehrt, in der sie aufgewachsen ist. Mit sich trägt sie einen geheimnisvollen Racheplan und eine Box, deren Inhalt sie zur Ausführung dieses Plans benötigt. So viel verrät Michaela Kastel im ersten Kapitel, bevor sie ihre Leser*innen in eine zunächst sehr verwirrende Geschichte schickt. Die im Oktober 2019 angesiedelte Rahmenhandlung wechselt nämlich regelmäßig mit Rückblicken an andere Zeitpunkte. Die Auswahl dieser Erinnerungspunkte scheint zunächst beliebig, erst nach und nach zeichnet sich ein Muster ab.

Die Nina, die ich jetzt abends in ihrem Fenster sehe, ist anders. Sehr fokussiert und vorsichtig. Sie plant etwas. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. (S. 174)

Von allen zeitlichen Falten geglättet und in die richtige chronologische Ordnung gebracht, lässt sich die Handlung wie folgt zusammenfassen: Die 18jährige Nina ist hübsch, sportlich und der erklärte Schwarm aller Burschen der Schule. Sie nutzt diesen Umstand, um sich von einem sexuellen Abenteuer ins nächste zu stürzen. Der gleichaltrige Dominik, dem seinerseits die Herzen der Mädchen zufliegen, ist mit Mel, Ninas bester Freundin liiert. Unweigerlich jedoch finden die beiden Alphas, Nina und Dominik zueinander. Tobias, Dominiks jüngerer Bruder ist heimlich in Nina verschossen und goutiert das gar nicht. Gemeinsam mit Mel beschließt er, Dominik eine Lektion zu erteilen … mit fatalem Ausgang.

Ja, richtig, wir haben es mit einer Teenager-Romanze tun tun, wie wir sie dutzendfach aus amerikanischen Filmen kennen.

Und ebenso wie Hollywood hält Michaela Kastel den Kreis ihrer Figuren streng überschaubar und ignoriert weitgehend deren Interaktionen mit anderen Gleichaltrigen. Das Geschehen lässt sich nun in drei zeitliche Ebenen untergliedern:
Im Oktober 2019, der Gegenwart, will Nina nach langer Zeit Dominiks Tod rächen. Im April 2019 fasst Nina nach einer nächtlichen Begegnung den Entschluss dazu. Und im Zeitraum von 2006 – 2009 erleben wir die gebrochenen Persönlichkeiten der Gegenwart als hoffnungsvolle Jugendliche.

So bleibe ich eine Weile liegen. Höre mein Blut rauschen, den gleichmäßigen Klang meines Herzens. Wieso schlängt dieses Ding eigentlich noch? Es sollte gar nicht mehr da sein. Es sollte im Dreck der Jahre vermodern, dort oben an dieser Bahnstrecke, wo ich es gelassen habe. (S. 90)

Ungewöhnliche Charakterentwicklung

Dominiks Tod ist eine Zäsur, die das Leben der Figuren in ein Vorher und ein Nachher teilt. Michaela Kastel nutzt die Gelegenheit für eine im literarischen Highschool-Genre eher ungewöhnliche Charakterentwicklung. Diese Trennung ist für die Figuren selbst wie ein Spiegel, in dem die Erwachsenen ihre noch unbekümmerten jüngeren Ausgaben betrachten. Für die jugendliche Nina ist Verführung ihr liebstes Spiel, eine dauerhafte Beziehung ist für sie unvorstellbar. In der Gegenwart erleben wir sie verbittert und voller unterdrückter Aggression. Mel im Teenager-Alter ist das hübsche Mauerblümchen, das sich nach einem Traumprinzen sehnt. Die erwachsene Mel hat einen Selbstmordversuch hinter sich und spricht nur wenig. Tobias ist in seiner Schulzeit intelligent aber dicklich und ungeschickt. Als Student ist er immer noch perfektionistisch, aber ein trainierter Läufer. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten treten zudem durch einen jeweils unterschiedlichen Tonfall zutage. Tobias reflektiert etwa in der Gegenwart 2019:

Ab und zu rattert ein Zug über die Gleise. Ein Geräusch, das mich, so verrückt es klingt, beruhigt. Als Kind liebte ich Züge; ihre Geschwindkigkeit und schlanke Form. Mich faszinierte der Gedanke, was im Inneren dieser stählernen Monster alles vorgeht, welche Technik und Kraft dahinterstcken, um ein derart großes, schweres Gefährt von A nach B zu befördern. (S. 92-93)

Im gleichen Kapitel, im Jahr 2006, klingen seine Überlegungen noch anders:

Mein Leben ist zum Kotzen. Ich weiß, das behaupten viele in meinem Alter. Ist auch etwas übertrieben. Man sagt das so leichtfertig dahin, wenn gerade eine Schularbeit in die Hose gegangen ist oder man sich mit dem besten Freund gestritten hat oder die Eltern mal wieder absolut nicht checken, worum es im Leben eigentlich geht. (S. 94)

Michaela Kastel wechselt kapitelweise zwischen den Figuren, die aus der ersten Perspektive erzählen und innerhalb der Kapitel zwischen den zeitlichen Ebenen. Interessanterweise sind es lediglich drei Figuren, denen sie eine Erzählstimme verleiht, nämlich Nina, Tobias und Ninas Vater Gregor. Dominik und Mel kommen nie zu Wort. Damit macht die Autorin jene, die sich in einer (zunächst) intakten Beziehung finden zu passiven Spielbällen. Jene, die aus Eifersucht und Eigennutz handeln, gestalten aktiv das Geschehen.

Bis die Leser*innen in der Geschichte gefangen sind, hängt ihnen Michaela Kastel zwei Fragen vor die Nase:

  • Was befindet sich in Ninas geheimnisvoller Box?
  • Was ist damals tatsächlich geschehen?

Die Verzahnung der gegenwärtigen mit den vergangenen Ereignissen ist wie ein  erzählerisches Origami, das sich nach und nach entfaltet und die gesuchten Informationen langsam preisgibt. Die bloße Handlung wirkt wie eine Variation des Filmes “Eiskalte Engel” (Cruel Intentions) aus 1999. Mit dieser kunstvollen Verpackung verleiht Michaela Kastel dem Roman jedoch einen Mehrwert, der in Spannung bemessen wird.

Persönliches Fazit

“Worüber wir schweigen” von Michaela Kastel ist eine Geschichte, die man schon irgendwo gehört, gelesen, gesehen zu haben glaubt. Und dann doch wieder nicht. Es ist eine raffiniert erzählte Teenager-Romanze mit einem tragischen Ende … das zugleich der Beginn einer weitaus weniger romantischen Geschichte darstellt.

© Rezension: 2020, Wolfgang Brandner

 

Rezension zu “So dunkel der Wald”

Rezension: So dunkel der Wald | Michaela Kastel

Worüber wir schweigen Book Cover Worüber wir schweigen
Michaela Kastel
Thriller
Emons Verlag | ISBN 978-3-7408-0643-9
2020
Gebunden mit Schutzumschlag
320 Seiten
emons-verlag.com
0

Lust zum stöbern und entdecken?

Schreibe uns Deine Meinung