Young-ha Kim | Aufzeichnungen eines Serienmörders

by Alexandra Stiller

Young-ha Kim | Aufzeichnungen eines Serienmörders | Cass Verlag | Buecherkaffee.deWerbung / Kooperation @ Cass Verlag

Alzheimer ist ein schlechter Scherz, den sich das Leben mit einem alten Serienmörder erlaubt.

Ich bin ja verhalten, jetzt schon über Jahreshighlights 2020 zu sprechen, aber bei Aufzeichnungen eines Serienmörders von Young-ha Kim muss ich nicht zögern. Dieses Buch ist ein Juwel! Gerade mal 152 locker beschrieben Seiten, das ist in der Tat nicht viel Lesestoff, aber ich kann euch sagen: Diese Geschichte ist so packend, tragisch und humorvoll zugleich und dabei so unglaublich clever und scharfsinnig, dass es ewig nachwirkt. Und je mehr man sich mit dem Gelesenen beschäftigt, umso mehr überkommt einen das Bedürfnis, das Buch gleich noch einmal zu lesen. Ungelogen, genau das habe ich getan!

Ich habe mehr Menschen am Leben gelassen, als ich umgebracht habe.

Byongsu Kim, siebzig, ist ein pensionierter Tierarzt UND Serienmörder, der vor nunmehr fünfundzwanzig Jahren das Morden an den Nagel hängte und sich seither für Sutras und Lyrik interessiert. So sehr, dass er auch an einem Schreibkurs im Kulturzentrum teilnimmt. Er kennt sich nicht mit Gedichten aus und schreibt daher einfach offen über seine Morde und amüsiert sich über den Dozenten, der seine „poetische Ausdrucksweise“, seine „ Metaphern“ als erfrischend lobt. Aha.

Doch nun muss er feststellen, dass ihm sein Gedächtnis mehr und mehr abhanden kommt. Er leidet unter Alzheimer und kann das Vergessen nicht aufhalten. Angst vor dem Tod hat er nicht. Aber da ist eine Sache, die ihm schwer zu schaffen macht. Erst kürzlich begegnete er einer Person, die er zweifellos als Seinesgleichen einstuft. Zudem versetzt eine neue Mordserie an Frauen alle in Angst und Schrecken – und nun bangt Byongsu um das Leben seiner Adoptivtochter Unhi. Er sieht sich gezwungen, noch einen letzten Mord zu planen, bevor er komplett vergisst. Denn alles löst sich auf, sein Leben zerfasert regelrecht…

Verliert man das “Vergangenheitsgedächtnis”, weiß man nicht mehr, wer man ist. Verliert man das Zukunftsgedächtnis, verharrt man für immer in der Gegenwart. Welchen Sinn hat die Gegenwart, wenn es weder Vergangenheit noch Zukunft gibt? Doch was will man machen? Wenn die Schienen unterbrochen sind, muss der Zug eben anhalten.

Young-ha Kim | Aufzeichnungen eines Serienmörders

Ein Wettlauf gegen das Vergessen

Er schreibt alles in sein Notizbuch, um sich zu erinnern. Etwas, dass er schon seit eh und je tut, denn früher notierte er schon seine Morde sehr penibel. Zusätzlich nutzt er jetzt einen Voicerecorder, um seinen Tagesablauf aufzunehmen. „Mein Minuten älteres Ich erteilt meinem Minuten jüngeren Ich Befehle. Unaufhörlich zerteilt sich so mein ich.“ 

Die Geschichte ist auch in Tagebuchform geschrieben, und Byongsu selbst ist der Erzähler. Und jetzt frage ich euch: Kann es je einen unzuverlässigeren Erzähler geben als eine Person, die letztlich selbst offen alles infrage stellt und seinen Notizen nicht mehr trauen kann? Wahrheit, Fantasie und Erinnerungen vermischen sich.

Es gibt Dummköpfe, die ihr ganzes Leben damit zubringen, Menschen in die paar Schubladen zu pressen, die sie kennen. Das mag praktisch sein, ist aber auch nicht ungefährlich. Denn Menschen wie mich, die nicht in ihre Schubladen passen, können sie nicht im Mindesten ergründen.

Young-ha Kim ist es hervorragend gelungen, seine Leser*innen an diese relativ kurze Geschichte zu fesseln. Wir erfahren viel über Byongsu, warum er überhaupt mordete, was ihn dazu bewegte und auch, warum er plötzlich damit aufhörte. Er liebt es, Nietzsche zu zitieren, befasst sich mit griechischer Mythologie und hört gerne Beethoven. Ein Mörder mit Stil sozusagen.  Tragisch und feinsinnig ist die Geschichte aber zugleich auch mit viel Witz durchzogen – ohne jemals in irgend einer Weise kitschig zu wirken. Durch den Tagebuchcharakter wird die Thematik sehr greifbar und authentisch.

Ich möchte an der Stelle auch auf die großartige Haptik des Buches aufmerksam machen. Schon die Gestaltung des Schutzumschlages ist sehr gelungen, aber es loht sich auch einen Blick darunter zu werfen, denn auf dem Einband verblassen die Buchstaben. Genau wie die großen Seitenzahlen, die zu Beginn noch überdeutlich sind und zum Ende nur noch blass zu erkennen sind. So wird auch visuell aufgegriffen, wie die Demenz voranschreitet.

Young-ha Kim | Aufzeichnungen eines Serienmörders

Young-ha Kim | Aufzeichnungen eines Serienmörders

Ich bin sehr begeistert von diesem Buch und möchte euch Aufzeichnungen eines Serienmörders von Young-ha Kim wirklich nahelegen und eine dringende Leseempfehlung aussprechen. Ich verspreche euch ein intensives Leseerlebnis!

@ 2020, Alexandra Stiller

Young-ha Kim – eine Neuentdeckung aus Korea

Young-ha Kim (*1968) gilt als begnadetster koreanischer Schriftsteller seiner Generation. Er erhielt alle bedeutenden Literaturpreise seines Landes, seine Romane, Erzählungen und Essays wurden in alle Weltsprachen übersetzt. Kim lebte zeitweise in Kanada, den USA und Italien, übersetzte F. Scott Fitzgeralds The Great Gatsby ins Koreanische und ist Katzenliebhaber – weshalb er gerne mit Haruki Murakami verglichen wird. Die Aufzeichnungen eines Serienmörders(2013) waren der No. 1 Bestseller in Fiction in first week of publication und das Book of the Year 2013 der Tageszeitung Dong-a Ilbo. Bis 2017 wurde das Buch in Korea über 200.000mal verkauft, der Film zog über zweieinhalb Millionen Zuschauer in die Kinos. (Quelle: Cass Verlag)

 

Weiterführende Links:

 

Blogtransparenz: dieser Beitrag ist aufgrund einer bezahlten Kooperation mit dem Cass Verlag in Zusammenarbeit mit Literaturtest entstanden.

Aufzeichnungen eines Serienmörders Book Cover Aufzeichnungen eines Serienmörders
Young-ha Kim | Aus dem Koreanischen von Inwon Park
Thriller Noir
Cass Verlag | ISBN 978-3-944751-22-1
2020
Gebunden mit Schutzumschlag und Leseband
152 Seiten
cass-verlag.de
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