Sally Rooney | Gespräche mit Freunden

by Marlene Gempp

Sally Rooney | Gespräche mit Freunden

Sally Rooney| Gespräche mit Freunden || Frances und ihre Freundin Bobbi, Studentinnen in Dublin, lernen das gut zehn Jahre ältere Ehepaar Melissa und Nick kennen.  Sie treffen sich bei Events, zum Essen, führen Gespräche. Persönlich und online diskutieren sie über Sex und Freundschaft, Kunst und Literatur, Politik und Genderfragen und, natürlich, über sich selbst. Während Bobbi von Melissa fasziniert ist, fühlt sich Frances immer stärker zu Nick hingezogen… [Text + Cover: © Luchterhand ]

Frances und Bobbi sind jung, Anfang 20, und studieren in Dublin. Die beiden sind beste Freundinnen, kennen sich in- und auswendig, gehen nirgends ohne die andere hin. In der Schulzeit waren sie kurz ein Paar, geblieben ist eine tiefe Vertrautheit. Aber auch viele Spannungen und aufgewühlte Gefühle. Frances bewundert Bobbi, beneidet ihre Selbstsicherheit und will ihr gefallen. Bobbi hingegen scheint eher unachtsamer durchs Leben zu gehen, braucht ihre Freundin im Hintergrund aber auch in ihrem Alltag und um überhaupt die nonchalante Selbstsicherheit an den Tag legen zu können.

Die beiden treten gemeinsam mit Lyrik auf und lernen so das Ehepaar Nick und Melissa kennen. Nick ist Anfang 30, Melissa ein paar Jahre älter. Der Altersunterschied zwischen den vieren steht ständig im Raum.

Bobbi ist schnell fasziniert von Melissa, der reiferen Frau, von der erfolgreichen Schriftstellerin. Sie möchte in ihren Dunstkreis eintreten, in den engeren Kreis der Freunde aufgenommen werden und ihr nacheifern. Frances hingegen fühlt sich eher zum instabil wirkenden Nick hingezogen.

Schnell beginnt eine verzwickte Drei- bis Vierecksbeziehung

Schnell wird aus dem Roman von Sally Rooney eine verzwickte Liebesgeschichte, die sich vor allem um Frances und Nick dreht. Sie verlieben sich, fangen eine heimliche und leidenschaftliche Affäre an. Für Frances ist diese Beziehung etwas völlig neues, ihre erste mit einem Mann. Sie macht fast täglich neue Erfahrungen, vor allem sexuelle. Doch wirklich entspannt scheint sie selten.

Als es vorbei war, lag ich zitternd auf de Rücken. Ich war die ganze Zeit so schrecklich laut und theatralisch gewesen, dass es unmöglich war, mich gleichgültig zu geben, wie ich es in den E-Mails tat.

Was steckt hinter diesem Gefühlschaos? Eine Affäre? Nur Sex? Oder ist es doch Liebe? Es sind bekannte Themen, die die Protagonistin umtreibt.

Interessant ist vor allem die Freundschaft zwischen Bobbi und Frances, die grundlegende Freundschaft des Buches, die nicht unbeschadet aus den Wirrungen rund um das Vierer-Gespann kommt.

Es braucht einige Seiten bis die Leser*Innen merken, welche der Figuren die Hauptfigur wird, für welche der Frauen man am meisten mitfiebern wird. Es ist nicht immer leicht, am Ball zu bleiben. Viel geschieht nicht rund um die Dubliner Clique. Viele Ereignisse werden mehrfach durchgespielt. Doch die Gedankenwelt von Frances, die sich langsam entwickelnde Beziehungen zwischen den Freunden, in ihrer Familie und auch ihre Entwicklung in der Affäre sind faszinierend.

Junge Frauen finden sich wieder

Vor allem junge Frauen werden sich in vielen Szenen und Gedanken wiederfinden. In den schwierigen Situationen und in den Alltagsproblemen der Studentinnen. In vielen Szenen allerdings auch nicht, da eine dramatische Vierecksbeziehung vermutlich eher selten passiert.

Ein wirklicher Wohlfühl-Roman ist das Debut der jungen Autorin Sally Rooney nicht. Er regt aber zu neuen Gedanken (-spielen) an.

Ich bekam Mitleid mit uns allen, als wären wir nur Kinder, die so taten, als seien sie erwachsen.

Persönliches Fazit

Die Geschichte rund um die vier so unterschiedlichen Protagonisten ist bis zum Schluss spannend, wie es mit den Freundschaften und Liebesbeziehungen ausgeht, ist bis zum Ende nicht klar. Auch das Ende selbst entscheidet sich erst auf den allerletzten Seiten und wartet mit einer überraschenden Wendung auf. Doch die Affäre zwischen .. und Nick nimmt sehr viel Raum im Roman auf. Die Figur der Melissa bleibt diffus und nicht greifbar. Die Gespräche zwischen den Freunden, die der Titel ankündigt, kommen zwischen den Beziehungsdramen für mich zu kurz.

Interessant ist, wie nah man der Hauptfigur Frances kommt. Nach und nach blättert sich ihr Leben auf und zeigt sich realitätsnah. Sie hat Familienprobleme, hadert mit ihren Gefühlen, macht neue sexuelle Erfahrungen. Und sie hat eine Krankheit, die ich persönlich noch nie in einem Buch gefunden habe, der sich aber viele Frauen im echten Leben und in ihrem Alltag stellen müssen. So wird die Figur nahbar, realistisch und man findet einen Zugang zu ihr, fiebert mit ihr mit. Doch diese interessante Idee bleibt etwas in der Luft hängen zum Schluss.

Rezension: 2020 © Marlene Gempp

Sally Rooney | Gespräche mit Freunden

Sally Rooney – weitere Buchvorstellungen im Bücherkaffee

Alexandra stellt vor: Normale Menschen 

Sally Rooney | Normale Menschen

 

Gespräche mit Freunden
Sally Rooney | übersetzt aus dem Englischen von Zoë Beck
Roman
Luchterhand Verlag | ISBN: 978-3-630-87541-5
22. Juli 2019
Hardcover mit Schutzpapier
384 Seiten
3

Lust zum stöbern und entdecken?

Schreibe uns Deine Meinung