Ralf Rothmann: Hotel der Schlaflosen (Erzählungen)

by Jürgen Fottner

Ralf Rothmann: Hotel der Schlaflosen (Erzählungen)- buecherkaffee.deCover © Suhrkamp Verlag

Wenn Literatur unter die Haut geht

Wenn ich heute Besuch von einer Fee bekommen würde und ich drei literarische Wünsche frei hätte, dann wäre einer davon, dass Ralf Rothmann deutlich mehr Leser*innen und deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommt. Er wird in den Feuilletons von der ZEIT bis zur FAZ hoch gelobt, selbst Marcel Reich-Ranicki nannte ihn einen beachtlichen Autor: „Dieser Autor kann schreiben.“ Wenn man aber ansonsten die Frage stellt, ob jemand diesen Autor kennt, dann zucken viele entschuldigend mit der Schulter. Vielleicht gelingt es mir, einige für diesen Autor zu begeistern.

Autor über Generationen hinweg

Ralf Rothmann ist 1953 in Schleswig auf die Welt gekommen, im Ruhrgebiet aufgewachsen und lebt heute in Berlin. Mehrere Gedicht- und Erzählbände, ein Schauspiel und acht Romane sind bisher von ihm erschienen. Schon sein erster Roman „Stier“, Beginn einer Ruhrgebietstrilogie und Schilderung der Jugendkultur der 70er-Jahre, war für uns Studenten selbst in den 90ern noch ein Kultbuch. Und seine beiden zuletzt erschienenen Romane, „Im Frühling sterben“ und „Der Gott jenes Sommers“ thematisieren das Ende des Zweiten Weltkriegs in einer Art und Weise, die absolut außergewöhnlich ist.

Der Mensch im Mittelpunkt

Jede der insgesamt elf Geschichten in seinem eben erschienen Erzählband „Hotel der Schlaflosen“ berichtet von Menschen in ganz unterschiedlichen, aber sie tief beeinflussenden Lebenssituationen: Ein Bestatter, der zu einem schrecklichen Fund in einem Bergwerk gerufen wird und dessen Vater 50 Jahre zuvor bei einem Grubenunglück ums Leben kam, westdeutsche Schauspieler, die in DDR-Uniformen fast einen Grenzkonflikt provozieren oder das kleine Mädchen, das im Treppenhaus seine nächste Prügelstrafe erwartet:

Und die Stufen, die frisch gewischten, werden immer höher, je näher sie der Tür kommt, atemlos vor Angst, und den ersten artikulierten Satz ihres Lebens denkt: Auch das geht vorbei. (S. 59)

Ralf Rothmann schildert dabei nicht nur das Innere seiner Protagonisten, sondern auch die Beziehungen dieser Personen untereinander. Selbst wenn historische Ereignisse eine Rolle spielen, dienen diese als Hintergrund für die Frage, was diese Umstände mit einem Menschen und seiner Verortung innerhalb eines sozialen Geflechts machen. Nichts davon wirkt schablonen- und klischeehaft oder symbolisch, jede dieser Geschichten könnte genauso passiert sein. Und das ist wohl die größte Stärke dieses Autors: Er schafft eine Nähe zu seinen Figuren, die manchmal beinahe beängstigend ist – wenn der leider etwas inflationär gebrauchte Begriff des Eintauchens in eine Geschichte Sinn macht, dann sicher bei diesen Erzählungen. Und genau deshalb lässt einen kaum ein Text von Ralf Rothmann so schnell los, diese Literatur beschäftigt einen lange, nachdem man das Buch zu Ende gelesen hat – und kann es ein besseres Kriterium für gute Literatur geben?

Ralf Rothmann: Hotel der Schlaflosen (Erzählungen)- buecherkaffee.de

Die Leerstelle als zentrales Element 

Ralf Rothmanns Texte sind immer direkt und gehen unter die Haut. Ihm gelingt es wie nur ganz wenigen Autoren*innen selbst auf wenigen Seiten Schicksale sichtbar zu machen, in einem kurzen Blick auf ein Leben Gefühle wie Angst, Wut, Panik, Trauer plastisch werden zu lassen. Gerade die nicht erzählten Leerstellen werden durch Andeutungen und den erzählten Konsequenzen aus dem, was dort passiert sein muss, zu einem Raum der Vorstellung, der bei allen Lesenden unweigerlich Geschichten in der Geschichte entstehen lässt:

Die Knie gekrümmt, ging er mir mit schubbernden Schritten voraus, ein Zeichen dafür, dass sie auch was zwischen seinen Schenkeln… Wer will das so genau wissen.  (S. 44)

Deshalb hat es auch eine innere Logik, dass „Hotel der Schlaflosen“ die titelgebende Erzählung (aus der auch das Zitat stammt) dieses Bandes geworden ist. Ich würde von mir behaupten, dass ich bei Literatur einiges wegstecken kann, aber diese Erzählung hat auch mich hart erwischt. Wassili Blochin, der in einem Keller eines ehemaligen Hotels in Russland als Henker von Stalins Gnaden auch Verwandte und ehemalige Mitarbeiter tötet, führt mit dem Schriftsteller Isaak Babel ein letztes Gespräch, bevor er ihn emotionslos wie alle zuvor hinrichtet. Die in Ich-Form geschriebene Geschichte ist der Kristallisationspunkt all dessen, was Ralf Rothmanns Erzählungen ausmachen und löst erschreckende Bilder aus – Bilder von Folter, Tod, Hoffnungslosigkeit.

Nicht umsonst stellt der Autor dem Buch als Motto einen Satz von John Cale voraus: „Fear is a man’s best friend.“

Fazit

Ich habe lange überlegt, aber ich finde keine treffendere Zusammenfassung  als die von Sandra Kegel aus der FAZ: 

„Ralf Rothmann zählt mit seiner eindringlichen Poetik zu den wichtigsten deutschsprachigen Autoren, und als Erzähler ist er womöglich der feinnervigste seiner Generation.“ Dem ist nichts hinzuzufügen außer der Empfehlung, etwas von Ralf Rothmann zu lesen!

 

© Rezension: 2020, Jürgen Fottner

Blogtransparenz: unbezahlte Werbung; kostenloses Rezensionsexemplar vom Verlag – vielen Dank an den Suhrkamp Verlag.

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Hotel der Schlaflosen Book Cover Hotel der Schlaflosen
Ralf Rothmann
Erzählungen
Suhrkamp Verlag | ISBN 978-3-518-42960-0
2020
gebunden / Leinen
204 Seiten
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