Claudia Rossbacher | Steirertanz

by Wolfgang Brandner
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Claudia Rossbacher | Steirertanz | Rezension

Die LKA-Ermittler Sandra Mohr und Sascha Bergmann werden ins tiefwinterliche Ausseerland gerufen. Am Grundlsee ist eine altehrwürdige Villa bis auf die Grundfesten abgebrannt und mit ihr eine der beiden Zwillingsschwestern, die diese bewohnte. Der Verdacht, dass Luise Lex gewaltsam ums Leben kam, bevor das Feuer gelegt wurde, bestätigt sich. Wer aber hatte ein Motiv, die Inhaberin einer Trachtenmanufaktur zu töten? Die Spur der Neider und Feinde führt über Bad Aussee bis zum »Steirerball« nach Wien. [Text & Cover: © Gmeiner Verlag]

‘David? Was ist los mit deinem Vater?’ Sandra hielt die Luft an. Ihr graute vor der Antwort.

Mit diesem offenen Schluss endet der 2020 erschienene zehnte Band der Steirerkrimis von Claudia Rossbacher. Ein Jahr lang ließ sie ihre Leserinnen und Leser um das Schicksal von Sascha Bergmann, dem Partner und Vorgesetzten von Sandra Mohr bangen. Wie bereits der Klappentext des neuen Bandes verrät, hat Bergmann seine Sepsis gesund überstanden. Dass der Cliffhanger in wenigen Sätzen aufgeklärt wird, nimmt diesem Stilmittel für künftige Einsätze allerdings seine Schärfe.

Claudia Rossbacher legt mit Steirertanz den elften Teil der Serie vor

“Steirertanz”, der nun vorliegende elfte Teil der Serie, ist im Jahr 2020 entstanden. Wie die Autorin im Vorwort vermerkt, hätte der Roman pünktlich zum traditionellen Steirerball in Wien im Jänner 2021 erscheinen sollen. Als sich jedoch herausstellte, dass der Ball aufgrund der Covid-19-Pandemie nicht stattfinden würde, entschloss sich Claudia Rossbacher dazu, die Handlung in eine Zeit zu verlegen, in der die Pandemie im Rückblick betrachtet werden kann.

Somit findet sie eine eigene Antwort auf die Frage, wie die Literatur mit der weltweiten Krise umgeht. In “Steirertanz” sind die Maßnahmen zur Eindämmung der Krankheit aufgehoben, allgemeine Erleichterung liegt in der Luft. Allerdings sind die Zeitangaben des Romans noch auf das Jahr 2021 gemünzt, der Steirerball findet an einem Freitag, dem 8. Jänner statt. Ein solcher ist im Kalender erst wieder im Jahr 2027 zu finden. (Aus Zeitangaben in Vorgängerromanen lässt sich allerdings schließen, dass “Steirertanz” im Jahr 2022 spielen muss, aber möglicherweise sind sind derartige Rechnereien zu detailversessen.)

Eingekauft wurde möglichst nur mehr regional und saisonal am Bauernmarkt (…) oder direkt ab Hof. (S. 16)

Masken und Gesichtsvisiere sind aus der Öffentlichkeit verschwunden, hochqualitative Lebensmittel aus der Umgebung erfahren eine größere Wertschätzung als vor der Krise. Bermanns Sohn David wird von der reichweitenstarken “Kleinen Zeitung” zum “Steirer des Tages” gekürt, weil er sein Blut zur Behandlung von Covid-Patienten gespendet hatte. Die in groben Zügen entworfene Post-Corona-Welt ist geprägt vom der unerschütterlichen Zuversicht der Autorin. Eine solche Welt noch vor 2027 zu erhoffen, wäre wohl in ihrem Geist.

Diesmal geht es in geografischen Mittelpunkt von Österreich

Wie üblich gibt der aufzuklärende Mordfall die Rahmenhandlung vor, anhand dessen Sandra Mohr und Sascha Bergmann die regionalen Besonderheiten des Tatorts erkunden. Diesmal führt die Arbeit sie in das Ausseerland, den “geografischen Mittelpunkt von Österreich.” (S. 41). Wer nicht über Generationen hier verwurzelt ist, trägt das Stigma des “Zuagroasten”, entsprechend reserviert begegnen die Einheimischen auch den Ermittlern aus der Landeshauptstadt.

Ausgiebig wird der Unterschied zwischen einzelnen Typen von Lederhosen, der Ausseer Hirschledernen und der Grundlseer Ledernen erläutert. Zum Mittagessen gönnen sich Mohr und Bergmann eine Kaspressknödelsuppe, und bei einer kulinarischen Spezialität des Ausseerlandes läuft beim Lesen das Wasser im Mund zusammen:

Eine Dreiviertelstunde später wurde ihnen der empfohlene Saibling in der Salzkruste mit Kapern-Zitronen-Pesto und Petersilerdäpfel serviert. Dazu gönnte sich Sandra ein Achtel Sauvignon Blanc aus der Südsteiermark. (S.46)

g’schmackig über delikat bis hin zu vorzüglich

Claudia Rossbachers erzählerische Spezialität ist es, das jeweilige Lokalkolorit mit zeit- und gesellschaftskritischen Untertönen zu garnieren. Dabei achtet sie darauf, sich ideologisch nicht zu deklarieren und stets einen Standpunkt einzunehmen, dem nur schwer widersprochen werden kann. Diese Kommentare sind als Überlegungen der Hauptfigur Sandra Mohr formuliert, an denen die Leser teilhaben.

Nebenbei wird das Bild der Figur als sympathisch bodenständig immer wieder verstärkt. Beispielsweise prangern Autorin und Figur die Entwertung von Lebensmitteln durch billige Schnitzel in Möbelhausrestaurants an. Oder, um kulinarischen Hochgenuss zu umschreiben, bietet das österreichische Idiom “… von g’schmackig über delikat bis hin zu vorzüglich …” zahlreiche Ausdrücke, die Sandra einem aus Deutschland importierten Universlattribut vorzieht. Ein Blick zurück an den Beginn der Pandemie ruft die unrühmliche Rolle des Tiroler Wintersportorts Ischgl in Erinnerung. Auf dem Weg nach Wien bereitet Sandra der Blick aus dem Fenster Kopfzerbrechen:

 ‘(…) Schau dich doch um: Der Beton frisst sich unaufhaltsam durch Wiesen, Wälder und Äcker. Die Seeufer werden immer weiter verbaut, Skigebiete, Freizeit- und Verkehrsflächen errichtet.’ Sandra wies mit ihrem Blick über die Fahrbahnspuren. ‘Überall entstehen neue Arbeits-, Wohn und Einkaufszentren, dafür veröden die Ortskerne. Die zunehmend versiegelten Böden heizen sich in der Sonne immer stärker auf. Die Sommer werden wärmer und wärmer, Überschwemmungen häufiger. Der Klimakollaps droht, und der Bauboom in Österreich geht trotz alledem munter weiter.’ (S. 151)

Einen Schwerpunkt nehmen bestimmte Erscheinungsformen des Tourismus’ ein

Am Grundlsee soll ein “Buy-to-let”-Projekt umgesetzt werden. Dabei erwerben Anleger Ferienimmobilien, die dann durch eine Betriebsgesellschaft an Feriengäste weitervermietet werden mit dem Ziel, für alle Beteiligten lukrative Renditen zu erzielen. Die Bevölkerung befürchtet den Ausverkauf der Heimat, wie Sandra ihrem Partner erklärt. Bei den steirischen Gemeinderatswahlen mussten einzelne Lokalpolitiker bereits die Konsequenzen tragen:

Dafür konnten Bürgerlisten, die sich gegen Zweitwohnsitze, Immobilienspekulationen und neue Hotelpläne einsetzen, massiv an Stimmen und Mandaten zulegen. In einigen Gemeinden haben sie sogar die absolute Mehrheit erzielt. (S. 153)

(Persönliche Anmerkung: Ich selbst bin in einer der betreffenden Gemeinden beheimatet.)

In “Steirertanz” hält sich Claudia Rossbacher mit kritischen Betrachtungen nicht zurück. Damit vermeidet sie einerseits die in Regionalkrimis drohende Gefahr, ein verklärtes dörfliches Idyll zu erzeugen. Andererseits charakterisiert gerade die Erkundung einer bestimmten Region sowohl mit ihren sonnigen als auch ihren schattigen Seiten, aufgehängt der Aufklärung eines Mordfalls, Rossbachers Stil.

Die Grenzen zwischen Erzählung und Wirklichkeit verwischt

Und zumindest einmal je Roman – treue Leser:innen warten bereits darauf – verwischt Claudia Rossbacher vergnüglich die Grenzen zwischen Erzählung und Wirklichkeit. Seit einigen Jahren verfilmt der ORF unter dem Titel “Landkrimi” Geschichten, die jeweils einem der neun Bundesländer zuzuordnen sind. Für die Steiermark wurden bislang vier Filme produziert. Drei von ihnen sind die Verfilmungen von Rossbacher-Romanen, für den vierten hat sich der Drehbuchautor lediglich die Figuren Sandra Mohr und Sascha Bergmann ausgeliehen. In “Steirertanz” verfolgen Sandra und Sascha interessiert einen steirischen Landkrimi im Fernsehen:

Immer wieder mussten sie über die beiden TV-Ermittler schmunzeln, die sie verblüffend an sie selbst erinnerten. (S. 48)

Etwas später heißt es dann:

‘Was soll das Sascha? Du schaust zu viel Landkrimi.’ Im letzten, den sie zusammen gesehen hatten, war die LKA-Ermittlerin mit dem Sohn ihres Vorgesetzten im Bett gelandet. (S. 114.)

Das ist ein augenzwinkernder Seitenhieb auf den Regisseur der Filme, der Sandra Mohr eine Romanze mit Sascha Bergmanns Sohn angedichtet hatte, die in den Romanen nicht vorkommt.

Süßes zum Abschluss: Eine prominente Rolle nimmt die österreichische Gretchenfrage nach der bevorzugten Sorte der Schwedenbomben ein: Mit oder ohne Kokos?

Claudia Rossbacher | Steirertanz | Rezension

Persönliches Fazit

Nach dem elften Teil ist die Serie um Sandra Mohr und Sascha Bergmann noch frisch wie ein steirischer Apfel. Einen Mordfall aufklären, dabei die jeweilige Region mit allen Sinnen erkunden und mit kritischem Blick gesellschaftliche Entwicklungen verfolgen … das ist Claudia Rossbachers Konzept. Es funktioniert!

@ 2021,  Rezension von Wolfgang Brandner
Blogtransparenz: unbezahlte Werbung, Presseexemplar

 

 

Weitere Rezensionen zu den Krimis von Claudia Rossbacher:

Claudia Rossbacher Book Cover Claudia Rossbacher
Sandra Mohrs elfter Fall
Claudia Rossbacher
Krimi
Gmeiner Verlag | ISBN 978-3-8392-2861-6
2021
Klappenbroschur Premium
282 Seiten
gmeiner-verlag.de
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