Buchtipps To-Go #6 | Ein Lucy Fricke Special

by Alexandra

Lucy Fricke - Töchter

Unter dem Motto Buchtipps to-go erfahrt ihr, kurz und prägnant zusammengefasst,  unseren Eindruck bzw. unser persönliches Fazit zu einer kleinen Auswahl an Büchern, eBooks oder Hörbüchern. Das können Neuheiten – aber auch immer wieder ältere Bücher sein, die wir schon vor einiger Zeit gelesen haben. Wir möchten dies nutzen, um auch Büchern abseits der Bestsellerlisten wieder ins Gespräch zu bringen. Außerdem gibt doch noch so viel Schätze in den Backlists zu entdecken. Vielleicht werdet auch ihr fündig?!

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TÖCHTER von Lucy Fricke

Vor uns hatten wir das Ziel, von hinten drängte das Unglück. Wir waren eingeklemmt zwischen Vätern, Erinnerungen und Tod, wir glaubten, wir könnten alles überwinden, indem wir schneller fuhren.

Lucy Fricke - Töchter

Ein Roadtrip zweier Freundinnen, Martha und Betty -und auf dem Rücksitz des alten Golf 3 Marthas krebskranker Vater Kurt. Martha kommt dem letzten Wunsch ihres Vaters nach, seine Ruhe in einer Schweizer Sterbeklinik zu finden. Betty unterstützt sie dabei, so gut es ihr möglich ist. Aber dann kommt alles ganz anders, denn unterwegs verkündet der Vater sein eigentliches Reiseziel: Er möchte nicht in die Schweiz, sondern an den Lago Maggiore! Der Anfang einer turbulenten Odyssee, die letztlich in Griechenland endet.

In Töchter von Lucy Fricke geht um Familie, insbesondere um Vater-Tochter-Beziehung. Um Herkunft, die man abschütteln möchte. Um erreichte und unerreichbare Ziele. Um Enttäuschungen und Verzweiflung, um verpasste Chancen und um das Klarkommen mit Depressionen. Um das Zusammenfinden nach langer Abwesenheit und letztlich natürlich um Abschied. 

Schwere Themen, mit einer bittersüßen Komik versehen, die mich immer wieder zum lachen bringt –  aber trotzdem nie unangepasst wirkt. Das Lachen wirkt als Befreiung. Mich faszinieren auch die bildhaften Beschreibungen der Orte, die so ehrlich, so authentisch wirken weil die Autorin auch hinter die Fassaden blickt. (Da ist Rom eben auch mal eine desolate Diva, eine versiffte Stadt, in der die Tauben jedes Weltkulturerbe zukacken.) 

Eine kluge und ungekünstelte Roadnovel über zwei Frauen in der Mitte ihres Lebens, die mich ungemein berührte, die mich persönlich abholte, eigene Vater-Tochter-Erinnerungen heraufbeschwor (besonders über all die Dinge, die ungesagt blieben, über verpasste Chancen und Momente …) aber mich trotzdem nicht voll aus der Bahn warf. 

Für einen Moment hatte uns die Freiheit zurück oder wir die Freiheit, das wusste ich nicht so genau.

Tieftraurig und gleichzeitig aber auch sehr erfrischend! Einfach mal kurz das Leben anhalten, aussteigen, durchbrennen und Luft holen…ein kleines bisschen “Thelma and Louise” und eine Brise “Tschick” … 

 

 

TAKESHIS HAUT von Lucy Fricke

Kaffee oder Tee?, fragte Takeshi leise, und dass das eine der schönsten Fragen war, die ein Mann einem stellen konnte, dachte sie, und dass diese Frage immer nur einmal gestellt wird. Danach wurde man zu einem Menschen mit Gewohnheiten.

Lucy Fricke - Takeshis Haut

Eigentlich passt alles soweit in Fridas Leben. Eigentlich. Sie arbeitet als Geräuschemacherin, es ist ihre Passion. Ein Haus vor der Stadt, der langjährige Freund Robert, Heirat in Aussicht. Vielleicht. Irgendwann. Gut, das Geld ist knapp, aber da wäre ja dieser Auftrag, für den sie nach Kyoto fliegen müsste. Die Tonspur eines Filmes ist verschwunden und Fridas Talent ist gefragt, sie soll sie rekonstruieren. Sie denkt nicht lange nach, reist nach Japan. Eigentlich ist es auch eine Flucht nach vorne. Womit sie nicht rechnete, ist dieses doppelte Beben, dass sie dort erwartet. Takeshi -„sein Gesicht so glatt, dass Frida darin keinen Halt fand“. Und Fukushima…  Es bebt schwer, etwas gerät aus den Fugen. In ihr und in Japan… 

Frida fühlte sich betrunken von allem, vom Sake, vom Seeigel, vom Lärm, den sie nicht hörte, von der Hitze in ihrem Körper, betrunkene von dem Wasabi, der in der Nase kitzelte, den Stromleitungen, die wie Zikaden sirrten, den sprechenden Automaten, den Zweifeln, der Angst, der Schönheit.

Ein grandioses und sehr symbolträchtiges Buch – auf so  vielen Ebenen – über Identitätssuche, über Wahrnehmung, über Kultur, über Fremde und entfremden, über Liebe und deren Fragilität. Mal tragisch, mal komisch, mal bitterernst. Ich habe dieses Buch verschlungen! 

 

 

DURST von Lucy Fricke

Ihre Jugend war hier zu Ende, und Judith wäre jetzt gerne allein gewesen. Denn schon das Wort ‚Gruppenabend‘ hatte Panik in ihr ausgelöst. Judith verabscheute Gruppen, Gruppenspiele, Gruppensport, das klang für sie nach dem Befund einer tödlichen Krankheit: Es tut mir leid, aber Sie haben Gruppe. Wie konnte ausgerechnet sie in einer betreuten Wohngemeinschaft landen? Ohne Drogen, ohne Waffen, dafür an jeder Ecke etwas, das sie Hilfe nannten.

Lucy Fricke - Durst ist schlimmer als Heimweh

Wow, hat mich das schmale Buch mitgenommen! Harter Tobak ist das. Ein Psychogramm einer jungen Frau, die auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden scheitert. Scheitert in allen Lebenslagen. Eine Abwärtsspirale, die sie nicht aufzuhalten vermag. Judith fliegt von der Schule, haut von Zuhause ab (aus Gründen!), gibt sich Alkohol und Drogen hin. Sie sieht sich selbst am Boden und versucht, in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Aber: der Wille … und dann ist da noch diese Wut in ihr. Die Vergangenheit holt sie immer wieder ein. Fricke springt in der Zeit und gewährt mir als Leser dadurch immer mehr bruchstückhaft Einblick. Sie braucht nicht viele Worte dafür, ihre Andeutungen reichen vollkommen – das Ungesagte tut weh, trifft wie ein Hammer.

Judith leidet sehr unter ihrem Selbsthass, ihrem Drang, sich selbst Schmerzen zuzufügen und sich zu zerstören. Aber wohin mit den Aggressionen? Mit der Wut? Mit den Ungerechtigkeiten des Lebens? Beklemmend, aber vor Augen führend, was in so vielen Kinderzimmern dieser Welt leider brutale Realität ist. Wie unfassbar schwer es ist, alles hinter sich zu lassen, neu anzufangen, sich selbst zu finden.

Ich habe es an einem Stück gelesen, bin eine Achterbahn der Gefühle durchgejagt – und bin auch jetzt, Tage später, immer noch sehr aufgewühlt…

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1 comment

[#BayBuch] Töchter | Lucy Fricke - Buecherkaffee.de 23. Oktober 2018 - 19:59

[…] Buchperlen […]

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