[#BayBuch] Töchter | Lucy Fricke

by Marcus

Nominiert zum Bayerischen Buchpreis 2018

Töchter

“Töchter” von Lucy Fricke

 

Zwei Frauen brechen auf zu einer Reise in die Schweiz, mit einem todkranken Vater auf der Rückbank. Eine letzte, finale Fahrt soll es werden, doch nichts endet, wie man es sich vorgestellt hat, schon gar nicht das Leben.

Martha und Betty kennen sich seit zwanzig Jahren und sie entscheiden sich fürs Durchbrettern. Vor sich haben sie das Ziel, von hinten drängt das nahende Unglück. “Es gab niemanden, mit dem ich so lauthals über das Unglück lachen konnte wie mit Martha. Die wenigsten Frauen lachten über das Unglück, schon gar nicht über ihr eigenes. Frauen redeten darüber, bis sie weinten und nichts mehr zu retten war. Was das Leiden betraf, verstanden Frauen keinen Spaß.”

Mit einem Humor aus Notwehr und einer Wahrhaftigkeit, die wehtut, erzählt Lucy Fricke von Frauen in der Mitte ihres Lebens, von Abschieden, die niemandem erspart bleiben und von Vätern, die zu früh verschwinden. Eine groteske Reise Richtung Süden, durch die Schweiz, Italien, bis nach Griechenland, immer tiefer hinein in die Abgründe der eigenen Geschichte. Und die Frage ist nicht, woher wir kommen, sondern: Wie finden wir da wieder raus? [© Text und Cover: Rowohlt Verlag]

 

Mit „Töchter“ von Lucy Fricke habe ich mir den ersten der drei Romane vorgenommen, die für den Bayerischen Buchpreis in der Kategorie Belletristik nominiert sind. Das Buch wurde schon von Alexandra in ihrem Lucy Fricke-Special gelobt, deshalb war ich sehr neugierig darauf.

Betty ist die Ich-Erzählerin der Geschichte. Sie ist Anfang vierzig, lebt allein, hat keine Kinder und schluckt Antidepressiva. Sie ist keine von denen, die nach Außen so wirken, als wenn sie alles im Griff hätten und genau wüssten, wo es lang geht. Das macht sie authentisch und vor allem sympathisch. Sie ist aber nicht die einzige gut gezeichnete Figur im Roman. Auch ihre Freundin Martha und deren Vater Kurt sind überzeugend. Martha will alles richtig machen im Leben. Das erzeugt enormen Druck. Dass das mit dem Kinderkriegen nicht klappt, fühlt sich wie Versagen an für sie. Auch die letzte Fahrt ihres schwer kranken Vaters will sie ihm nicht abschlagen. Dass der noch mehrfach seine Meinung ändert, lässt sie sich fragen, wie viele letzte Wünsche eine gute Tochter wohl erfüllen muss.

 

Töchter

“Töchter” von Lucy Fricke

 

Frickes Heldinnen belastet einiges, was Frauen in der Mitte ihres Leben begegnen kann. Alle Möglichkeiten standen ihnen von Jugend an offen. Jetzt, mit vierzig, sind sie in Widersprüchen, Konflikten, Kompromissen und täglichen Kämpfen mit sich selbst gefangen. Die Zeit der Träume scheint lange vorbei zu sein. Wie die beiden den Druck verarbeiten, der von außen, aber auch von ihnen selbst aufgebaut wird, verleiht ihnen einiges an Tiefe.

Ich ging davon aus, dass wir die erste Generation von Frauen waren, die machen konnte, was sie wollte. Das hieß aber auch, dass wir machen mussten, was wir wollten, und das wiederum bedeutete, dass wir etwas wollen mussten. Dafür hatten unsere Mütter gekämpft. (S. 104)

Während Martha sich um ihren Vater kümmert, macht sich Betty auf die Suche nach Ernesto, der während ihrer Kindheit eine Zeit lang der Partner ihrer Mutter war. Wieso sie jetzt immer noch so an ihm hängt, dass sie sogar sein Grab in Italien besuchen will, hat sich mir zwar nicht wirklich erschlossen, die Geschichte, die Lucy Fricke daraus entwickelt, ist allerdings schön skurril und führt in eine unerwartete Richtung. Das hat mich bis zum Schluss gebunden. Aber nicht nur das, auch ihr Schreibstil ist auffallend gut. Manche Abschnitte sind geradezu poetisch, andere erfrischend komisch. Und auch wenn es mal emotional wird, wird es (fast) nie sentimental.

 

Töchter

“Töchter” von Lucy Fricke

 

Ist das Buch denn zurecht nominiert für den Bayerischen Buchpreis?

Die Reife, die Lucy Fricke auch durch ihre Sprache ihren Charakteren gibt, ist bemerkenswert. Ein Roadtrip mit Tiefgang. Ich kann die Nominierung also absolut nachvollziehen. Mal sehen, ob sich Lucy Frickes vierter Roman gegen die beiden Konkurrenten durchsetzen kann.

Infos zum Bayerischen Buchpreis und zu allen nominierten Titeln gibt es hier auf dem Blog oder unter bayerischer-buchpreis.de.

© Rezension: 2018, Marcus Kufner

 

Die Autorin:

Lucy Fricke, 1974 in Hamburg geboren, wurde für ihre Arbeiten mehrfach ausgezeichnet; zuletzt war sie Stipendiatin der Deutschen Akademie Rom und im Ledig House, New York. Nach “Durst ist schlimmer als Heimweh”, “Ich habe Freunde mitgebracht “und “Takeshis Haut” ist dies ihr vierter Roman. Seit 2010 veranstaltet Lucy Fricke HAM.LIT, das erste Hamburger Festival für junge Literatur und Musik. Sie lebt in Berlin.

 

Töchter Book Cover Töchter
Lucy Fricke
Roman
Rowohlt – ISBN: 978-3-498-02007-1
20.02.2018
Gebunden
240
www.rowohlt.de
4

Lust zum stöbern und entdecken?

2 comments

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Fuxich 11. November 2018 - 3:28

Hallo Marcus,

vielen Dank für diese ausführliche Rezension und auch die tolle Auswahl an Zitaten, die mir Lust auf mehr gemacht haben. Ich habe das Gefühl, dass das Buch die für mich genau richtige Mischung aus Humor und Tiefgang hat und werde es mir zulegen. Noch einmal: Vielen Dank für diese Lese-Inspiration!

Liebe Grüße aus dem Wald,
Fuxich

PS: Euer Logo gefällt mir wirklich sehr gut und ich finde das Design des Blogs sehr gelungen. Ich weiß, wie viel Arbeit auch hinter einem schlanken Design steckt und wollte das nicht unerwähnt lassen! 🙂

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Marcus vom Bücherkaffee 11. November 2018 - 10:16

Hallo Fuxich,
vielen Dank für das Lob, freut mich, dass es dir beim Bücherkaffee gefällt. Lucy Fricke hat zurecht den Bayerischen Buchpreis für “Töchter” bekommen. Nicht nur deshalb ist das ein ausgezeichnetes Buch.
Schon jetzt viel Spaß damit und viele Grüße,
Marcus

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