Gegen das Vergessen #1 | Bilder, die bleiben

by Jürgen Fottner

 

Mein allererster Beitrag hier auf Bücherkaffee – und ein wenig aufgeregt bin ich schon! Und was liegt näher, diesen zu einem meiner Herzensthemen #büchergegendasvergessen zu schreiben – auch wenn es ein sehr ernster Einstieg ins Bloggerleben wird.

Mein Thema, auch im Urlaub

Auf dem Weg in den Kurzurlaub haben wir einen Stopp eingelegt an der Wewelsburg – eigentlich ein Renaissance-Schloss aus dem frühen 17. Jahrhundert, welches Heinrich Himmler zu einer SS-Kaderschmiede- und -Versammlungsstätte umfunktionierten wollte. Dort gibt es im ehemaligen SS-Wachgebäude eine umfassende Ausstellung: “Ideologie und Terror der SS”, in der die Entstehung, die Grundlagen, der Aufbau, Biografien der Täter und die verbrecherischen Tätigkeiten der Schutzstaffel dargestellt werden. Aber auch der Opfer wird sehr ausführlich gedacht, vor allem derer des damals bestehenden nahegelegenen Konzentrationslagers Niederhagen. Daneben ist auch die Burg an sich sehr beeindruckend – die einzige erhaltene geschlossene Dreiecksburg Deutschlands.

die Wewelsburg

Bergen-Belsen, dokumentiertes Grauen

Auf dem Rückweg haben wir in Bergen-Belsen angehalten. Dieses Konzentrationslager war eines der letzten, das befreit wurde und am Ende ein reines Sterbelager, da die Nationalsozialisten Häftlinge aus vielen Lagern dorthin brachten, aber die Menschen kaum noch versorgten. So fanden die britischen Soldaten bei der Befreiung über 10.000 Leichen vor, da die SS diese nicht mehr verschwinden lassen konnte (dafür aber einen Großteil der Lagerregistratur).

Die Bilder, die einige britische Soldaten in den ersten Tagen vom Lager machten, gingen um die Welt und gehören sicher zum Schrecklichsten, was an Fotos über Konzentrationslager erhalten ist (fast jeder kennt die erschütternden Bildern von Bergen menschlicher Körper, welche aufgrund der Seuchengefahr mit einem Radlader beerdigt werden mussten). Die Ausstellung zeigt aber auch die anderen Funktionen Bergen-Belsens, das zuerst ein Lager für sowjetische Kriegsgefangene war und dann nach 1945 vielen DPs (Displaced Persons) als Aufenthalt dienen musste.

Kinder im KZ

Die Sonderausstellung “Kinder im KZ” ist zutiefst ergreifend – in Bergen-Belsen waren bis zu 3.500 Kinder inhaftiert, von denen natürlich Anne Frank das bekannteste ist. Bislang gab es in Deutschland keine Ausstellung zu diesem Thema und auch generell ist das Thema Kinder als Opfer des Nationalsozialismus eher wenig erforscht (es gibt hauptsächlich Literatur zu Kindern in Auschwitz). Wie so oft sind es in der Menge an Bildern einige wenige, die sich sofort einbrennen und die bleiben.

So zeigt die Ausstellung ein Foto von Franjo Brummer, ein kleiner Junge, der über das ganze Gesicht strahlt und mit nur 10 Jahren sein Leben in Bergen-Belsen verlor. Auch wenn es hier um ein Bild ganz ohne Grausamkeit geht, möchte ich es hier nicht zeigen – nicht nur wegen der urheberrechtlichen Seite – sondern weil oft genau diese Bilder die tiefsten Gefühle beim Betrachtenden auslösen können (so geht es zumindest mir): Dieses glückliche und strahlende Kind zu sehen und gleichzeitig zu wissen, dass man ihm keine Chance gegeben hat zu leben.

Ein Gedenkort besonderer Art

Das heutige Gelände des KZ Bergen-Belsen unterscheidet sich von dem vieler anderer ehemaliger Lager. Außer einigen wenigen Grundmauern ist vom Lager selbst nichts mehr zu sehen. Auch hier war die Seuchengefahr ein Hauptgrund, denn die britischen Befreier brannten alle Baracken nieder. Aber gerade das bietet einen ganz besonderen Zugang, denn die Wirkung des Geländes fast ohne bauliche Zeugnisse ist unglaublich.

Die schiere Größe der leeren Flächen, die Gedenksteine und –tafeln, die Orte der gekennzeichneten Massengräber, der Kriegsgefangenenfriedhof – all das führt dazu, dass Besucher*innen selbst und aktiv gedanklich die Bilder der Ausstellung über das Gelände legen müssen und sich so auf eine ganz andere Art mit einem Ort des Schreckens auseinandersetzen müssen.

Bergen-Belsen. Ein Gedenkort besonderer Art

Ja, außer den beiden Büchern und einigen Flyern habe ich eine Unmenge an Bildern in meinem Kopf mitgenommen, die noch lange nachwirken werden. Und daher ist es mir wichtig, auf der sonst oft so bunten Welt von Instagram und hier im Blog über das Thema zu schreiben – aber natürlich wird es auch Beiträge zu ganz anderen Büchern und Bereichen geben.

© Kolumne 2020, Jürgen Fottner

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