Kolumne | Das Aus für das Georgian National Book Center?

by Alexandra
Maria-Christina Piwowarski, Buchhändlerin im Ocelot, not just another bookstore und Mitgründerin von blauschwarzberlin besuchte kürzlich das großartige Team des Georgian National Book Center in Georgien. Sie bekam einen noch intensiveren Einblick in die Arbeit, die dort hochprofessionell auf die Beine gestellt wird. Im vergangenen Jahr reisten auch Florian und ich nach Tiflis und wir feierten den großartigen Auftritt des Ehrengastlandes in Frankfurt – jetzt ist eine Schließung des GNBC geplant. Das trifft uns alle wie ein Schlag.
Maria ist tief bestürzt, unter anderem auch über den fehlenden lauten Aufschrei im deutschen Literaturbetrieb und im Feuilleton und hat einen Artikel dazu verfasst, den auch wir hier von Herzen gerne mit euch teilen.
Der Text wird auch auf weiteren Blogs online gehen und wir wünschen uns, dass er sich immer weiter verbreitet, dass er so viel Aufmerksamkeit wie nur möglich bekommt – und dass er etwas bewirkt.

Zur Schließung des Georgian National Book Center

Maria-Christina Piwowarski, Foto © Simone Hawlisch

Maria-Christina Piwowarski, Foto © Simone Hawlisch

eine Kolumne von Maria-Christina Piwowarski

Die erfahreneren Buchmessebesucher*Innen raunten bewundernd: So etwas hätten sie seit Island nicht mehr erlebt, diese Stimmung der Begeisterung, des Mitgerissenwerdens, der literarischen Euphorie.

Georgien ist ein kleines Land am Schwarzen Meer, das geografisch bereits zu Asien gehört, ein Grenzland der Kontinente, ein Verbindungsstück der Kulturen. Auf einer Fläche kleiner als Bayern leben nur ungefähr ein Viertel so viele Menschen. Und doch hat Georgien einen leidenschaftlichen Sturm der Sympathie für seine Literatur entfacht, als es im vergangenen Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse war. Auch der Auftritt des Gastlandes Brasilien im Jahr 2013 bleibt den meisten Besucher*Innen als besonders gelungen in Erinnerung, doch Georgien hat 2018 noch einmal völlig neue Maßstäbe gesetzt und für viele sogar den eingangs erwähnten, oft gerühmten Auftritt Islands in den Schatten gestellt. Georgien in Frankfurt war etwas Einmaliges.

Die politische Geschichte dieses kaukasischen Landes ist eine sturmgepeitschte, eine bis zum heutigen Tag von Okkupation geprägte. Ich wage keine Thesen, ob solche existentiellen Erfahrungen zwangsläufig zu einer Dringlichkeit in der Literatur führen, doch die Romane, die in jüngerer Zeit aus dem Georgischen ins Deutsche übersetzt wurden, haben häufig einen von Ernsthaftigkeit durchdrungenen Charakter. Die Hochkultur unter Königin Tamar, ein Nationalepos aus dem 12. Jahrhundert, das heute noch georgische Schullektüre ist (und zwar nicht erst im Abiturjahrgang: Rustawelis „Der Recke im Tigerfell“), eine ganze Reihe von regimekritischen Texten, die unter Sowjetischer Besatzung entstanden und nicht immer sofort verständlich sind, wenn die historischen Zusammenhänge fehlen, und zahlreiche zeitgenössische Romane und Gedichte, die jüngste Kriegserfahrungen und die dunklen 90er-Jahre verarbeiten, ergeben ein literarisches Gesamtbild, das größer ist, als die Summe seiner Teile und vielleicht auch komplexer als die Literatur vieler anderer Nationen.

Pavillon des Ehrengastlandes Georgien | Hub of Emotion | Fotorechte @georgia-characters.com

Pavillon des Ehrengastlandes Georgien | Hub of Emotion | Fotorechte @georgia-characters.com

Das GNBC vermittelt Literatur mit Elan und Leidenschaft

Es ist sicherlich keine ganz leichte Aufgabe, solche Bücher international zu vermitteln. Mit großem Elan in Angriff genommen und mit Bravour gemeistert hat sie aber das Team um Medea Metreveli vom Georgian National Book Center (GNBC). 2014 wurde diese staatlich geförderte Institution gegründet, um georgische Literatur im Ausland bekannt zu machen und den Austausch zwischen literarischen Nationen zu fördern oder überhaupt erst herzustellen. Selbstverständlich lag der Fokus dabei erstmal auf der weltweit größten Buchmesse in Frankfurt und dem Gastlandauftritt, der sowohl eine große Herausforderung, als auch eine enorme Chance bedeutet hat. Mit Georgia made by Characters hat das GNBC erfolgreich eine Welle des Interesses und der Georgien-Euphorie ins Rollen gebracht.

Medea Metreveli, Direktorin des Georgian National Book Center | Fotorechte @georgia-characters.com

Allein 200 Übersetzungen ins Deutsche und 700 Veranstaltungen wurden durch das GNBC angestoßen.

Mein erster Kontakt mit dem GNBC war im Mai 2018. Im Literaturhaus Berlin fand ein Abend für Buchhändler*Innen statt, bei dem die AutorInnen Anna Kordsaia-Samadaschwili und Davit Gabunia in einem wunderbar kurzweiligen Vortrag ungefähr 800 Jahre georgischer Literaturgeschichte zum Leben erweckten. Der Abend war geprägt von gegenseitigem Respekt und Bewunderung, von spürbarer Liebe zu den uralten und taufrischen Schriftsteller*Innen ihres Landes. Dieser Abend hat mir die Augen geöffnet. Er hat meinen Enthusiasmus, der durch Nino Haratischwilis 2014 bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienenen Georgien-Roman Das achte Leben (für Brilka) ohnehin schon entzündet war, nochmal angefeuert. Wie erfolgreich und bewegend der eigentliche Gastland-Auftritt dann im Oktober 2018 war, kann auch das YouTube Video zu Georgia made by Characters spürbar machen, wenn man nicht das Glück hatte, selbst dabei gewesen zu sein. >  https://www.youtube.com/watch?v=oWIWnR7qs3c

YouTube Video © Georgian National Book Center

Auf der Website des GNBC ist zu entdecken, wie viel das Georgian National Book Center über den Pavillon in Frankfurt hinaus auf die Beine gestellt hat: http://georgia-characters.com/TopMenu/News.aspx?lang=en-US

Zu Gast in Georgien

Neben der reinen Literaturvermittlung, Übersetzungsförderung und Beratung haben sie die georgische Kultur in Kunst-, Theater- und Filmfestivals vertreten und zahlreiche Austauschprogramme für georgische Autor*Innen nach Deutschland und vor allem anders herum ermöglicht: Deutsche Buchhändler*Innen, Blogger*Innen, Verleger*Innen, Journalist*Innen etc. wurden in Scharen nach Georgien eingeladen, und konnten dort bestens umsorgt vom GNBC literarische Erkundungstouren unternehmen. Im Idealfall hatten Verleger*Innen anschließend einen georgischen Titel im Rückreisegepäck, den sie übersetzen lassen wollten. Viele von ihnen wollen auch weiterhin Titel aus dem Georgischen verlegen.

Zuletzt habe ich das GNBC jetzt Anfang Juni in Tbilisi bei der Arbeit erleben dürfen: Medea Metreveli, Maia Danelia, Salome Maghlakelidze, Nino Nadibaize und Irine Chogoshvili sind gerade mit Enthusiasmus dabei, den Buchmesse-Auftritt in Paris im nächsten Jahr vorzubereiten.Mit Verleger*Innen aus der Türkei, aus Frankreich, England und Norwegen setzen sie die Zusammenarbeit fort, die sie in den vergangenen Jahren vor allem mit deutschen Verleger*Innen begonnen haben.

Über den Dächern von Tiflis

… und jetzt soll alles vorbei sein?

Doch sie werden ihre Arbeit wohl nicht zu Ende führen können. Denn noch im Juli dieses Jahres soll ihre erfolgreiche Zusammenarbeit als GNBC beendet werden. Offiziell heißt es, sie würden mit dem „Schriftstellerhaus“ in Tbilisi zusammengelegt, faktisch kommt es einer absoluten Degradierung gleich. Die neuen Strukturen werden vermutlich Personalwechsel, vielleicht Entlassungen nach sich ziehen und ihre erfolgreiche Zusammenarbeit auf internationalen Literaturbühnen wird, wenn sie überhaupt fortgesetzt werden kann, nicht die gleiche Freiheit haben, nicht die gleichen Erfolge vorweisen können. Die Stimmung ist unsicher und gedrückt, auch wenn sie sich vor den ausländischen Gästen nichts anmerken lassen und charmant und enthusiastisch sind wie immer. Darüber dass sie seit 2014 als Kolleginnen fest zusammengewachsen sind, dass sie nicht fassen können, warum die Wertschätzung so still und leise umgeschlagen ist, dass die Aussichten für die Zukunft beängstigend sind, darüber sprechen sie mit den Menschen nicht, die zum ersten Mal überhaupt in Kontakt mit georgischer Literatur kommen. Sie sind Profis.

Was muss es für ein Gefühl sein, diesen wirklich glänzenden Buchmesse-Auftritt in jahrelanger Arbeit vorbereitet zu haben, ihn dann durchzuführen, eine Schallmauer der Aufmerksamkeit durchbrochen zu haben, von nationaler und internationaler Seite hochgelobt und dann plötzlich von der eigenen Regierung wie ausrangiert zu werden? Wo doch noch so viele Projekte in anderen Ländern erst angekurbelt sind und dringend weitergeführt werden müssen! Und zwar von einer Truppe, die ihr Handwerk versteht, die internationale Kontakte geknüpft hat, die weiter erfolgreich sein könnte, wenn man sie nur ließe.

Kartlis Deda, die Mutter Georgiens , Foto @ Alexandra Stiller

Kartlis Deda, die Mutter Georgiens

Wo bleibt der Aufschrei?

Es gab Ende Mai einen offenen Brief der Kurt-Wolff-Stiftung, dem sich deutsche Verleger*Innen, Übersetzer*Innen und mittlerweile auch die Literaturhäuser angeschlossen haben > http://www.kurt-wolff-stiftung.de/protestbrief-zur-drohenden-schliessung-des-gnbc/ und einen Artikel in der FAZ von Tilman Spreckelsenhttps://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/georgische-literatur-nach-der-frankfurter-buchmesse-16195744.html

Aber seitdem ist Ruhe in Deutschlands Feuilletons. Ich vermisse den Aufschrei. Ich vermisse, dass wir solidarisch an der Seite unserer Freund*Innen stehen, ich vermisse ein größeres Bekenntnis. Wenigstens derer, die zum Beispiel auf kostenfreien Pressereisen von der Arbeit des GNBC profitiert haben. Und das müssen mehr Menschen sein als jene, die den offenen Brief unterschrieben haben. Er ist ein wichtiger Anfang, doch was geschieht nun weiter?

Letztes Jahr um diese Zeit waren wir alle im Georgien-Fieber; wir wussten so langsam alle, dass „Madloba“ „Danke“ heißt und, wie man die Autorin Nana Ekvtimishvili schnell und elegant und idealerweise richtig ausspricht – und heute schreiben wir einen offenen Brief zu Rettung der Organisation, die das überhaupt ermöglicht hat, und damit ist es gut? Das reicht an Engagement? Weil wir im Kopf schon beim neuen Gastland Norwegen sind? Weil das Leben weitergeht?

Ich wünsche mir, dass wir den Frauen um Medea Metreveli beweisen, dass uns wichtig ist, was mit dem GNBC passiert. Ich wünsche mir, dass Literatur aus dem Georgischen weiterhin stattfindet, in unseren Regalen und Köpfen und Herzen. Ohne das GNBC wird das nicht im gleichen Maße möglich sein.

2019, © Maria-Christina Piwowarski

Symbolbild aus Tbilisi © Maria-Christina Piwowarski

Symbolbild aus Tbilisi © Maria-Christina Piwowarski

 

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1 comment

Schließung des Georgian National Book Center | Kaffeehaussitzer 29. Juni 2019 - 13:38

[…] Blog Bücherkaffee wurde der Text ebenfalls […]

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